Epistemische Formen der frühneuzeitlichen (Al-)Chemie

Unterprojekt Prof. Dr. Volkhard Wels
 

Anders als in der Moderne verfügt die Frühe Neuzeit noch nicht über eine chemische Formelsprache. Stattdessen bedient sich die (Al-)Chemie dieser Zeit einer erstaunlichen Vielfalt epistemischer Formen, um chemisches Wissen zu vermitteln. Neben den zu erwartenden Rezepten und Arbeitsanweisungen (zumeist nur handschriftlich überliefert) stehen Versformen, Bildtraktate und Erzählung, Rätsel und Dialog, Emblembuch und in einem Einzelfall sogar die musikalische Form der Fuge. Allerdings entwickelt sich in dieser Zeit auch das chemische Lehrbuch (Andreas Libavius’ „Alchymia“, 1597), mithin erste Versuche einer Systematisierung des chemischen Wissens. Zudem etabliert sich neben der traditionellen alchemia transmutatoria, die sich der Verwandlung der Elemente widmet, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auch eine paracelsistische, medizinisch-naturphilosophische Alchemie mit theologischen Implikationen. Entsprechend dem Forschungsprogramm des SFB geht es dem Projekt nicht darum, an einer Fortschrittsgeschichte zu arbeiten, die zeigt, wie sich aus den vormodernen Anfängen der Alchemie die moderne Wissenschaft der Chemie entwickelt, sondern genau im Gegenteil darum, diese epistemischen Formen aus den sozial- und den wissensgeschichtlichen Bedingungen dieser Zeit zu erklären und in ihrer Funktionalität verständlich werden zu lassen.