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Michael Maiers Atalanta fugiens – Emblematische Verrätselung als Transferstrategie

Unterprojekt von Simon Brandl


Michael Maiers Atalanta fugiens (1618) ist eines der berühmtesten Emblembücher der Frühen Neuzeit. Diesen Rang verdankt sie allerdings nicht nur der hohen Qualität der in ihr enthaltenen Kupferstiche, die wahrscheinlich der Meisterhand Matthäus Merians entstammen, sondern auch den esoterischen und psychoanalytischen Deutungsmustern, die ihre Rezeption bis heute mitbestimmen. Das Projekt macht sich demgegenüber zur Aufgabe, im Rahmen einer kommentierten Neuedition den Nachweis zu erbringen, dass das in der Atalanta verschlüsselte, (al)chemische Wissen kein spiritualistisches ist, sondern ein technisch-praktisches, wie es gleichzeitig in unverschlüsselter Form etwa Libavius in seiner Alchymia dargestellt hat.

Diese Aufgabe ist im Fall von Maiers Werken besonders komplex, da diese nicht nur in einem anspruchsvollen, humanistisch geschulten Latein verfasst sind, sondern auch extrem voraussetzungsreich, was ihren klassisch-antiken Wissenshorizont betrifft. So etwa bedient Maier sich der antiken Mythologie als Bildgeber für (al)chemische Prozesse, spielt aber gleichzeitig auch mit der Vieldeutigkeit dieser Mythologeme. Dieses Programm ist bereits im Titel der Atalanta fugiens angekündigt, und zwar einerseits, weil der Leser dazu angehalten ist, bei der Enthüllung geheimer (al)chemischer Praktiken, mithin der Zeugung des Steins der Weisen, den Fußspuren der „flüchtenden Atalante“ zu folgen, und andererseits, weil die Flucht (zu Latein ‚fuga‘) die im Buch enthaltenen Fugen bezeichnet, die den Wettlauf Atalantes mit ihrem Freier Hippomenes und die hierbei zum Einsatz kommenden goldenen Äpfel musikalisch in Szene setzen.

Bisher von der Forschung kaum beachtet worden ist dabei die Tatsache, dass Maier der antiken Mythologie ein eigenes, umfangreiches Werk gewidmet hat, das schon in seinem Titel die Entschlüsselung der „Allergeheimsten Geheimnisse“ der griechisch-römischen und ägyptischen Mythen (Arcana arcanissima, 1614) ankündigt. Die alchemische Deutung der antiken Mythologie ist hierbei an sich keine Innovation, neu ist jedoch das Ausmaß, das dies bei Maier annimmt. Ein Schwerpunkt des Projektes liegt daher darauf, das enge Verhältnis der beiden Werke herauszuarbeiten. Auch die Arcana sind nicht Ausdruck eines Spiritualismus, sondern deuten die antike Mythologie als verschlüsselte Naturphilosophie, so wie dies auch in De sapientia veterum (1609) Francis Bacons, des ‚Herolds der Experimentalwissenschaft‘, geschieht. Die gesamte antike Mythologie wird als Medium eines epistemischen Transfers naturphilosophischen Wissens gedeutet.

Zur Quellenforschung gehört aber auch die Verortung der Atalanta in der Tradition der Emblembücher, deren Aufstieg als Buchtyp genau zu dieser Zeit beginnt. Obwohl die Zugehörigkeit oder zumindest enge Verwandtschaft der Atalanta mit der Gattung der Emblembücher nicht zu bestreiten ist, hat dies bisher in der Forschung bislang zu keiner eingehenden Würdigung geführt. Nicht zuletzt durch ihre Kupferstiche impliziert die Atalanta eine bewusst verrätselte, spielerische Form des epistemischen Transfers. Durch den Vergleich mit zwei anderen, ähnlich aufgebauten Werken – den ‚Zwölf Schlüsseln‘ des Basilius Valentinus und dem anonymen ‚Lambspring‘ – soll die Eigenart dieser alchemischen Rätselbücher genauer beschrieben und innerhalb der emblematischen Tradition verortet werden. Das Rätsel als solches bildet damit eine weitere, auf den ersten Blick ungewöhnliche Form des epistemischen Transfers, der aus der alchemischen Wissensoikonomie heraus zu beschreiben ist und so für die Begriffsarbeit des SFB von besonderem Interesse ist.