Theoalchemie: Natur- und Heilsverständnis im frühneuzeitlichen Spiritualismus

Unterprojekt von Simon Brandl

 
Unter den zahlreichen frühneuzeitlichen Spielarten naturkundlicher Gelehrsamkeit, die unter den weitfassenden Begriff Alchemie subsumiert werden, nimmt der Paracelsismus eine Sonderstellung ein: In Abwendung von der althergebrachten Transmutationsalchemie und in vehementer Abwehr der aristotelisch und galenisch fundierten Schulmedizin begründete Paracelsus einen Strang naturphilosophisch-spirituellen Wissens, an den postum eine breite Anhängerschaft anknüpfte.

Im Gegensatz zu den Vertretern der institutionell verankerten ars medica verbanden die Paracelsisten naturkundliches Wissen einerseits mit Naturerfahrung, andererseits mit einer regen Rezeption des 1. Buch Mose, welches sie dafür geltend machten, dass die Welt nicht aus dem Nichts, sondern durch eine ‚Scheidung‘ des Urozeans entstanden sei. Hieran schließt ihr Bekenntnis zur Immanenz des göttlichen Geistes in der Schöpfung an: Die paracelsische Iatrochemie gibt sich somit in ihrer Grundstruktur als Theoalchemie zu erkennen.

Eines der einflussreichsten Beispiele der literarischen Verarbeitung jener Theoalchemie ist der Traktat De tribus facultatibus aus der Feder Alexanders von Suchten. Angesichts der prinzipiellen Auffindbarkeit des göttlichen Geistes in der vegetativen Natur spricht Suchten dem Menschen die Fähigkeit zu, eigenverantwortlich zu einer Erfahrung des Heils zu gelangen. Damit aber setzt er sich über die lutherische Glaubenslehre hinweg, der zufolge ebendies allein durch Gottes Gnade möglich ist.

Ebenso wie Suchten unterläuft auch der Theosoph Valentin Weigel die sola-gratia-Lehre; dieser jedoch ausgehend von der neuplatonisch inspirierten Dominikanermystik, welche über den Basler Taulerdruck von 1521 bis weit in die Frühe Neuzeit hineinwirkte. So findet sich die für den mystischen Diskurs zentrale Formel Nosce teipsum, welche auf die Erfahrung Gottes im Seeleninnersten des Menschen abzielt, auch im theoalchemischen Schrifttum wieder.

Ziel des Teilprojekts ist es, auf der Basis ähnlicher und übereinstimmender Strukturelemente das hybride Terrain zwischen dem theoalchemisch-paracelsischen und dem mystischen Diskurs abzustecken, um auf diese Weise ein bisher wenig in den Blick geratenes Feld des frühneuzeitlichen Spiritualismus näher zu beleuchten.