HeadKonzept

Konzept

Der Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ untersucht Prozesse des Wissenswandels anhand exemplarischer Problemkomplexe aus europäischen und nichteuropäischen Kulturen vor der Moderne. Sein Ziel ist eine grundsätzliche Neuorientierung der wissensgeschichtlichen Forschung zur Vormoderne. Eine solche Neuorientierung ist nötig, weil sowohl die moderne Forschung als auch die historischen Selbstbeschreibungen der jeweiligen vormodernen Kulturen das Wissen häufig als statisch, traditionsgebunden und autoritätsabhängig aufgefasst haben. Moderne Forscher/innen formulierten diese Stabilitätsbehauptungen überwiegend auf der Basis einer wissenschaftsgeschichtlichen Präferenz für Szenarien wie den Bruch oder die Revolution. Sie verschrieben sich Periodisierungskonzepten, die explizit oder implizit einem Narrativ des Fortschritts folgten. So wurde vormodernen Kulturen oft nur eine eingeschränkte Fähigkeit zum Wissenswandel und vor allem zur – insbesondere historischen – Reflexion dieses Wandels zugebilligt. Demgegenüber will dieser SFB zeigen, dass vormoderne Prozesse der Wissensbildung und -entwicklung sich durch ständige Bewegung und auch ständige Reflexion auszeichnen, dass aber diese Bewegungen und Reflexionen ihre eigenen Dynamiken haben und in komplexeren Mustern verlaufen, als es eine traditionelle Wissensgeschichtsschreibung für möglich hielt. Dabei verspricht sich der SFB 980 von seinen Beobachtungen und Analysen auch Erkenntnisgewinne, die von grundsätzlicher systematischer Bedeutung auch für die Wissensgeschichte der Moderne sind.

Um diese Prozesse des Wissenswandels beobachten und analysieren zu können, entwickelte der SFB in seiner ersten Förderphase einen spezifischen Begriff von ‚Episteme‘. Dieser Begriff bezieht sich sowohl auf ‚Wissen‘ als auch auf ‚Wissenschaft‘ und bestimmt das Wissen als ‚Wissen von etwas‘. Wissen in diesem Sinne ist nur dann Wissen, wenn es mit einem Geltungsanspruch versehen ist. Allerdings müssen diese Geltungsansprüche nicht notwendigerweise explizit formuliert werden; ebenso gut können sie sich in Formen der Darstellung, in bestimmten Institutionen, in besonderen Praktiken oder in spezifischen ästheti­schen oder performativen Strategien manifestieren – oder, sogar typischerweise, in einer Kombination daraus. Den Episteme-Begriff ergänzt der SFB durch einen speziell konturierten Transfer-Begriff. Dieser wird ausdrücklich nicht als Transportkategorie verstanden, sondern vielmehr im Sinne einer Neukontextualisierung. Transfer findet in komplex verflochtenen Austauschprozessen statt, die selbst bei scheinbarem Stillstand iterativ in Bewegung bleiben. Gerade auch solche Handlungen, die dazu dienen sollen, einen erreichten Wissensstand zu tradieren, zu kanonisieren, zu kodifizieren oder fest zu stellen, tragen zum ständigen Wissens­wandel bei. Episteme ist daher immer in Bewegung – auch und besonders dort, wo sie sich stabil gibt.