Bildung ohne Institution? Boethius’ Lehrwerke der Logik

Unterprojekt von Dr. Christian Vogel

 
Vor dem Hintergrund von Boethius’ ehrgeizigem Vorhaben, sämtliche Schriften des Aristoteles und des Platon ins Lateinische zu übersetzen und zu kommentieren, ist die Intensität und der Umfang seiner Beschäftigung allein mit den Schriften aus dem Organon bemerkenswert. So übersetzte er nicht nur die aristotelischen logischen Pragmatien (teilweise mehrfach), beließ es auch nicht bei jeweils einer Kommentierung, sondern fügte zweite Kommentierungen, ergänzende Breviaria, eigenständige Schriften zu Schlussverfahren, Teilungen und Topiken sowie eine ausführliche Kommentierung der Ciceronischen Topica hinzu. Damit schuf Boethius in den knapp 20 Jahren vor seiner Gefangenschaft ein umfassendes Lehrwerk zur Einführung in den Logikunterricht, ohne jedoch selbst Teil eines Schulbetriebs gewesen zu sein. Die Besonderheiten dieser Konstellation sollen in diesem Unterprojekt erforscht und analysiert werden.

Nachdem in der ersten Projektphase anhand der Übersetzungen und der beiden Kommentare des Boethius zu De interpretatione die sprachliche Theorie und Praxis seines Übersetzungsprojekts untersucht wurde, werden diese Schriften nun im Kontext des boethianischen Logikprojekts verortet und mit den anderen logischen Schriften verbunden. Dabei treten institutionen- und bildungsgeschichtliche Fragen verstärkt in den Fokus. Da Boethius der Schulkontext fehlt und er bei seinen Lesern mit Blick auf die griechische (Kommentar-)Tradition, als deren Teil er sich selbst betrachtet und die er durch sein Übersetzungsprojekt in einem anderen kulturellen Kontext fortführen will, keine Kenntnisse voraussetzen kann, werden vor diesem Hintergrund die spezifischen Eigenheiten seiner didaktischen Aufarbeitung der Inhalte dieser Logiktradition untersucht.