Entstehung und Entwicklung der Preisfragen als Reflexionsmedien des Wissens an den französischen Akademien ab 1670

Unterprojekt von Dr. Martin Urmann

 
Das Projekt nimmt die Entstehung und Entwicklung der akademischen Preisfragen in den Blick und geht ihrem Geltungsanspruch im Wandel der institutionellen, medialen und wissensgeschichtlichen Kontexte nach. Untersucht werden die frühen Dekaden der Preisfragen an der Académie française seit 1670 und die prix d’éloquence bzw. prix de morale an den Provinzakademien von 1720 bis 1760.

Das Projekt rekonstruiert die Frühgeschichte des concours académique, um die konstitutiven Merkmale aufzuweisen, die diese spezielle Gattung gelehrter Diskussion in der république des lettres prägen. Bemerkenswert ist dabei vor allem die tiefe Verankerung in tradierten rhetorischen und dialektischen Mustern der Fragebehandlung. Hiervon zeugen bereits auf der formalen Ebene die Entscheidungsfrage als bestimmender Modus der Wissensdiskussion und inhaltlich die gängigen theologischen und moralphilosophischen Themen, auf die im concours académique rekurriert wird, samt den einschlägigen stilistischen Darstellungsweisen. Insofern sind die Preisfragen als Indiz für die Kontinuität traditioneller, insbesondere auch scholastisch geprägter Formen der Wissensverhandlung an den Akademien zu werten, welche diese zeitgenössisch in ihrer ganz auf Innovation ausgerichteten Selbstdarstellung geflissentlich übergehen. Die moderne Wissenschaftsgeschichte ist ihnen hierin lange Zeit gefolgt.

Standen in der bisherigen Forschung die naturwissenschaftlichen Wettbewerbe des 18. Jahrhunderts als Anzeichen für die Innovationsorientierung der Akademien im Mittelpunkt sowie die seit den 1750er Jahren zunehmenden technologisch-praktischen Ausschreibungen, liegt der Fokus des Projekts auf den rhetorischen Preisfragen. Trotz der verschiedenen Refunktionalisierungen des Preisfragenformats blieb die – sich wandelnde – Tradition der prix d’éloquence bzw. prix de morale auch im Verlauf des 18. Jahrhunderts eines der vitalen Fundamente des concours académique. Als zentral für das Projekt erweisen sich dabei die Wettbewerbe an den Provinzakademien zwischen 1720 und 1760, speziell in Toulouse (Jeux Floraux), Pau, Marseille, Montauban und Dijon. Zunehmend von den Diskursen der aufklärerischen Öffentlichkeit beeinflusst, setzen sich diese mit den philosophisch viru­len­ten Themen der Zeit auseinander, insbesondere mit der gewandelten Stellung der Wissenschaften und Künste und dem Status der rhetorischen Wissensproduktion im Vergleich zum Beobachtungswissen der sciences. So zeigen die einschlägigen Preisfragen immer deutlicher thematische und reflexive Implikationen, die von der Tradition nur noch bedingt gedeckt sind. Der von Rousseau 1750 gewonnene concours der Akademie von Dijon „Si le rétablissement des sciences et des arts a contribué à épurer les mœurs?“, der lange den bevorzugten Gegenstand der Forschung zu den Preisfragen bildete, ist hierfür mithin nur das prominenteste Beispiel.

Den gewandelten Geltungsstatus der Preisfragengattung gilt es dabei insbesondere unter dem Aspekt zu analysieren, inwiefern die Éloquence-Preisfragen der Provinzakademien seit den 1720er Jahren zu einem Reflexionsmedium des Wissenstransfers und der prägenden epistemischen Verschiebungen innerhalb der Gelehrtenrepublik seit dem 17. Jahrhundert werden; inwiefern sie mithin explizit oder implizit den Wandel reflektieren, der mit der Umstellung auf Distanzkommunikation im Medium der Schrift und mit der Periodizität einer auf die Akkumulation von Fakten ausgerichteten Wissensproduktion verbunden ist.