Debattenmodellierung und Publikationsstrategie in Théophraste Renaudots conférences

Unterprojekt von Isabelle Fellner

 
Von 1633–1642 organisierte Théophraste Renaudot (1586–1653) in Paris die conférences, Diskussionsveranstaltungen, die wöchentlich mit bis zu hundert Teilnehmern und potentiell auch Teilnehmerinnen stattfanden. Die Anwesenden erörterten Fragen wie „Quel est le plus noble de l’homme ou de la femme“, aber auch „D’où vient la saleure de la mer“ oder „S’il est bon de se servir de rémedes chymiques“ und spannten so einen Bogen von klassischen moralphilosophischen Themen über proto-naturwissenschaftliche Problematiken bis hin zu medizinischen Erwägungen. Das Bemerkenswerte an diesen Diskussionen, die in Form von unmittelbar wöchentlich herausgegebenen Broschüren sowie jährlich gedruckten Sammelbänden überliefert sind, ist der gleich-gültige Modus, in dem die divergierendsten Meinungen nebeneinander referiert werden. In den conférences geht es nicht, wie etwa in den Preisfragen der Akademien, darum, eine Siegerin oder einen Sieger der Argumentation zu küren, sondern darum, ein Spektrum unterschiedlichster und einander häufig grundlegend widersprechender Meinungen zusammenzustellen. Die Wahrheit, so Théophraste Renaudot in der Einleitung zum ersten Band der conférences, muss die Leserin oder der Leser aus dieser polyphonen Ansammlung von anonymisierten Stimmen selbst heraushören.

Das Dissertationsprojekt geht insbesondere den Modalitäten des schriftlichen Formats der conférences auf den Grund. Die bisherige Forschung behandelt die conférences zumeist als Niederschriften der Gesprächsverläufe im protokollarischen Modus (Mazauric 1997, Wellman 2003). Darüber hinaus scheint die Form, in der Fragen verhandelt werden, im Vergleich zur scholastischen Disputation nur auf den ersten Blick als umfassende Novation. Bei genauerer Analyse lassen sich in diesem Wissenstransfer langfristige epistemische Kontinuitäten herausarbeiten. Zudem konvergiert das Format von Renaudots conférences an der Oberfläche sowohl mit dem Renaissancedialog und seiner polyperspektivischen Argumentation als auch mit der (neo-)skeptischen Idee der Unentscheidbarkeit zwischen Alternativen. Die spezifische Differenz zu beiden Mustern, die die institutionelle wie auch die pragmatische Ebene und der soziohistorische Kontext andeuten, gilt es herauszuarbeiten.