Christliche Bibel oder Jüdische Bibel – mit welcher Tradition steht der Koran im Gespräch?

Unterprojekt von Prof. Dr. Angelika Neuwirth

 
Der Koran begegnet durch die Geschichte nur in einer einzigen Gestalt. Es gibt keine Apokrypha zum Textus receptus noch theologisch substantiell divergierende Lektüren seitens der Rezipienten. Dieser Sachverhalt lenkt leicht ab von dem Faktum, dass die vorausgehende – biblische – Tradition bereits auf zwei substantiell verschiedenen Manifestationen der Bibel basiert, einer christlichen und einer jüdischen. Beide Lektüren der Bibel haben sich im 7. Jahrhundert bereits weit auseinander entwickelt; im christlichen Verständnis – am stärksten ausgeprägt in der allegorisierenden alexandrinischen Tradition – hat die neue christologische Lektüre die jüdische, die auf den Debatten dialektisch argumentierender Rabbinen beruht, ersetzt. Wenn die jüdische Lektüre im christlich dominierten Denkraum der Spätantike aber auch vielerorts an Terrain verlor, so muss diese dogmatische Entscheidung doch für das peripher gelegene Entstehungsmilieu des Koran im Hidjaz, wo es autonome jüdische Gemeinden gibt, nicht als verbindlich vorausgesetzt werden. Wie wirkt sich die Herausforderung eines diversifizierten Bibelverständnisses auf die koranische Textpolitik aus? Wie stellt sich der Koran zu Typologie und Allegorese, wie zu einer Toleranz gegenüber widerstreitenden Auslegungen bis hin zur Anerkennung von textueller Ambiguität? Und damit verbunden: Trennt der Koran, wie die christliche Tradition es praktiziert, rigoros zwischen der Bibel und ihren ursprünglichen Erben, den Israeliten und späteren Juden, indem er ihnen die Autorität bestreitet, als Volk der Bibel diese kompetent auszulegen? Oder bleibt der selbstreflektiven jüdischen Exegese der Status einer autoritativen Stimme erhalten? Wie wirkt sich die Begegnung mit Juden und Christen als Akteuren, außerhalb des Textes, für die Gemeindebildung, für die Herausbildung des Islam als einer eigenen Tradition, aus?