‚Wissen vom Orient‘ – Das exotische Wunderbare zwischen Literatur und Wissen in mittelhochdeutschen und arabischen Texten des 10. bis 13. Jahrhunderts

Unterprojekt von Falk Quenstedt


Das Unterprojekt untersucht in vergleichender Perspektive literarische Funktionalisierungen eines ‚Wissens vom Orient‘, das sich aus gelehrten Traditionen speist. Elemente eines solchen Wissens (lat. mirabilia /arab. ʿaǧāʾib) erscheinen im gleichen Zeitraum in erzählenden Texten des europäischen Mittelalters und der arabischen Literatur in analoger Weise als Varianten eines exotisch-orientalischen Wunderbaren.

Die kulturübergreifenden Parallelen innerhalb dieses ‚Wissens vom Orient‘ beruhen dabei einerseits auf gemeinsamen antiken Quellen im europäischen und arabischsprachigen Kontext, andererseits vermutlich auch auf transkulturellen Transfers. Insbesondere Motiv- und Strukturähnlichkeiten der hier untersuchten mittelhochdeutschen Reiseerzählungen mit arabischen Texten, die ebenfalls von Reisen in einen fernen Orient handeln – ein Raum, der in beiden Erzähltraditionen häufig mit „India“ oder „Hind“ identifiziert wird – lassen auf Transfers schließen. In der Forschung sind diese Ähnlichkeiten immer wieder angesprochen worden, nur selten aber wurden sie eingehender in den Blick genommen. Jüngere Ansätze einer postkolonialen Mediävistik, vor allem in der Romanistik, die Berührungsmomente zwischen europäischer und arabischer Literatur und mitunter auch ihre Verwobenheit zu rekonstruieren suchen – insbesondere mit Blick auf die Kontaktzonen Süditalien und al-Andalus –, haben Transferprozesse plausibel machen und in Einzelfällen detailliert beschreiben können. Vor diesem Hintergrund wird die Untersuchung sondieren, inwiefern diese Beobachtungen auch für die germanistische Mediävistik von Belang sind und hier neue Kontextualisierungen eröffnen

Darüber hinaus erlaubt ein vergleichendes Vorgehen anhand einzelner Motive und narrativer Sequenzen, das Wunderbare in der mittelhochdeutschen Literatur durch den Ausweis von Ähnlichkeiten und Unterschieden zu arabischen Texten genauer zu konturieren. Verstanden wird das Wunderbare der Arbeitshypothese des Teilprojekts gemäß als literarische Inszenierungsform und als Schauplatz der Verhandlung kulturellen Wissens. Gerade Vorstellungen über den ‚Orient‘ – Ballungen des Überaus-Kostbaren, monströse Hybridwesen zwischen Mensch, Tier und Pflanzenwelt, technische Wunderwerke oder auch alteritäre, mitunter utopische Gesellschaften –, die in den Texten beider Kulturen das Staunen von Figuren erregen und mit einer Aura des Wunderbaren versehen werden, sind für literarische Versuchsanordnungen, die kulturelle Selbst- und Fremdwahrnehmungen erproben, irritieren und/oder bestätigen, in besonderem Maße geeignet.

Eine weitere Fragestellung richtet sich auf die Veränderungen, die eine Funktionalisierung sachbezogenen Wissens in und durch Literatur bewirkt. In diesem Zusammenhang sollen Strategien der Geltungsbehauptung beschrieben werden, die in den Texten häufig begegnen und die insbesondere ein orientbezogenes Wissen, das als ein ‚prekäres Wissen‘ auftritt, zu provozieren scheint. Komplexitätssteigerungen des Erzähldiskurses wie etwa Verschachtelungen mehrerer narrativer Ebenen und Ausgestaltungen der Erzählerfigur sind dabei augenfällig. Es fragt sich, ob in dem besonderen Fall der Literarisierung eines ‚Wissens vom Orient‘ Semantiken und narrative Techniken ausgebildet werden, die in der Folge auch für Zwecke außerhalb dieses Zusammenhangs anschlussfähig waren.

Die für die Untersuchung zentralen Texte sind im Bereich der mittelhochdeutschen Literatur die frühen Reiseerzählungen Herzog Ernst B, die „Reise“-Fassung des Brandan und der Straßburger Alexander des ‚Pfaffen‘ Lamprecht, die alle wahrscheinlich im späten 12. Jahrhundert entstanden sind. Im Bereich der arabischen Literatur werden Texte herangezogen, die dem Genre der ʿaǧāʾib-Literatur zugeordnet werden. Hier sind zu nennen: eine Sammlung von Reiseberichten mit dem Titel ʿAǧāʾib al-hind (‚Wunder Indiens‘) aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts; der Sind­bād-Zyklus, der wahrscheinlich zwischen dem 9. bis 13. Jahrhundert in mehreren Stufen entstand, jedoch erst später greifbar ist sowie die Kosmologie und Naturkunde des Zakariyā' ibn Muhammad al-Qazwīnī (um 1203–1283) mit dem Titel Aǧāʾib al-maẖlūqāt wa-ġarāʾib al-mauǧūdāt (‚Die Wunder der Schöpfung und die Kuriositäten des Seienden‘) aus dem späten 13. Jahrhundert.