Springe direkt zu Inhalt

Cyborgs, Bildträgerinnen, Plot-Maschinen: Figur-Ding-Beziehungen in Constance-Erzählungen und im Floreroman

Unterprojekt von Antonia Murath


Das Projekt erschließt die mittelhochdeutschen Versromane Flore und Blantscheflur und Mai und Beaflor im Kontext ihrer breiten Überlieferungstraditionen über die in ihnen verhandelten Figur-Ding-Beziehungen. Das dingtheoretische wird mit einem genderorientierten Interesse verbunden: Fluchtpunkt der Handlung ist jeweils eine Protagonistin, die durch Inzest, Exil, Verkauf oder Verschleppung marginalisiert ist, jedoch zugleich eine Wirkmacht entfaltet, die sich in Begehrensstrukturen, in Massenkonversionen oder in Revolten gegen die Autorität eines Herrschers äußert. Diese Wirkmacht ergibt sich, so die These, aus der Verbindung des marginalisierten, weiblich kodierten, exzeptionell tugendhaften Menschenkörpers mit Dingkörpern, die je mit eigenen Geschichten, Trajektorien oder Eigenzeiten ausgestattet sind. Die Protagonistin wird so Teil eines Akteur-Netzwerks (Latour) bzw. kann mit Donna Haraway als ein Cyborg gefasst werden. Dieser löst bestimmte Handlungsmomente erst aus (Plot-Maschine). Er trägt ferner visuell vermittelte Diskurse in die Texte (Bildträgerin), etwa transmediterrane Repräsentationen von Herrschaft und Macht über portable Objekte, oder Reliquiendiskurse. Diese Bildlichkeit kann an Konversionsnarrative oder imperiale Entwürfe rückgebunden werden. Schließlich stehen beide Versromane in einem transnationalen Kontext: Sie sind in nahezu allen europäischen Volkssprachen und einer Vielfalt von Gattungen überliefert. Hat die altgermanistische Forschung bisher überwiegend bilaterale Verhältnisse wie die Bocaccio-Rezeption oder deutsch-französische Kulturbeziehungen beleuchtet, dezentralisiert dieses Projekt die Analyse, indem es insbesondere nordwest-europäische Fassungen einbezieht. Vergleichend werden inselbritische, jiddische, skandinavische und niederdeutsche bzw. niederländische Versionen herangezogen.