Sumerisch in Ebla – Linguistische, philologische und grammatologische epistemische Wissensbestände in der 2. Hälfte des 3. Jtsd. v. Chr.

Unterprojekt von Priv.-Doz. Dr. Ingo Schrakamp

 
Das antike Ebla, Tell Mardīḫ ca. 55 km südwestlich von Aleppo, zählte im 3. Jtsd v. Chr. zu den bedeutendsten Städten Syriens. 1974–1975 wurde im frühbronzezeitlichen Herrscherpalast Palast G ein Tontafelarchiv mit rund 15.000 Tontafeln und Tontafelfragmenten geborgen. Es umfasste ursprünglich schätzungsweise 3.500 Tafeln, erstreckte sich über eine Laufzeit von rund 40 Jahren, wurde bei der Zerstörung von Palast G um 2310 v. Chr. durch einen Brand konserviert und stellt damit einen der bedeutendsten Textfunde aus dem 3. Jtsd v. Chr. dar. Der größte Teil des Archivs besteht aus Verwaltungsurkunden, die verschiedene Bereiche von Wirtschaft und Verwaltung dokumentieren, jedoch finden sich auch Texte der Herrscherkorrespondenz, Beschwörungen, Rituale, Hymnen, Schreiberübungen sowie lexikalische Listen. Obwohl die Texte aus Ebla in einem frühen semitischen Idiom abgefasst sind, das unterschiedlich als ein Dialekt des Akkadischen oder eine dem Akkadischen eng verwandte Sprache klassifiziert wird, sind sie durch den intensiven Gebrauch sumerischer Wortzeichen für Nomina und Verben und somit durch eine spezifische, schriftliche Zweisprachigkeit charakterisiert.

Mit der mesopotamischen Keilschrift übernahmen eblaitische Schreiber als Akteure eines Transfers von Schrift- und Sprachwissen die Tradition mesopotamischer Listen. Sie bildete den Ausgangspunkt für neue, lokale Listenwerke wie Zeichenlisten, Syllabare sowie ein- und zweisprachige Wortlisten, die sumerischen Wortzeichen eblaitische Entsprechungen gegenüberstellten und als älteste Bilinguen für die Abfassung und das Verständnis der urkundlichen Alltagsdokumentation eine zentrale Bedeutung besaßen. Da Sumerogramme oft verkürzt oder modifiziert wurden, Bedeutungsverschiebungen unterlagen und die Schrifttradition der Ebla-Texte nach der Zerstörung von Palast G keine Fortsetzung fand, ist ihre Interpretation oft kontrovers. Eine systematische Untersuchung der für das Verständnis der Ebla-Texte so zentralen Sumerogramme ist bislang jedoch ein Desiderat.

Vor diesem Hintergrund untersucht das Unterprojekt an Hand der Sumerogramme in den Ebla-Texten den Transfer von Schrift- und Sprachwissen von Mesopotamien nach Ebla, die Binnenströme von Schrift- und Sprachwissen zwischen Listen- und Alltagstexten innerhalb des Palastarchivs sowie seine Neukonfiguration.