Springe direkt zu Inhalt

Mediale und materiale Konfigurationen von Wissen in Zeichnungsbüchern der Renaissance

Unterprojekt von Claudia Reufer


Das Buch gilt aufgrund der formalen und medialen Eigenheiten traditionell als dasjenige Medium, in dem Wissen gespeichert und tradiert wird. Ist damit meist begrifflich gefasstes Wissen gemeint, widmet sich das Unterprojekt solchen Büchern, die ausschließlich Zeichnungen enthalten. Dabei fragt das Vorhaben zum einen nach dem epistemischen Potential von unterschiedlichen Liniengefügen und einzelnen zeichnerischen Darstellungen und zum anderen nach dem Anteil, den die etablierte und stark konventionalisierte Form des Kodex für die Generierung und den Wandel eines künstlerisch-bildlichen Wissens hat. Diese spezifische mediale Konfiguration – so die These – bestimmt das zur Darstellung gebrachte Wissen sowohl auf der Produktionsebene, als auch auf der Rezeptionsebene maßgeblich mit, bringt es allererst hervor und macht es zugleich erfahrbar.

Ausgehend von Büchern wie dem sog. Rosebery-Album oder der Florentiner Bilderchronik wird untersucht, inwiefern bereits die Wahl des Materials (Papier oder Pergament, Feder oder Griffel), aber auch die Form- und Strukturvorgaben (etwa der Falz), haptische Qualitäten oder Praktiken des Gebrauchs das zur Darstellung gebrachte Wissen beeinflussen oder prägen. So wird etwa die Darstellung historischen Wissens in der Florentiner Bilderchronik (um 1470) von Seite zu Seite erprobend variiert. Von der etablierten Darstellungsweise der Exempla in Registern gelangt der Zeichner zunehmend zu ganzseitigen Darstellungen einzelner Ereignisse, wobei die Teilung der Doppelseite teils bewusst genutzt, teils ignoriert wird. Von Interesse ist daher, welche Konsequenzen der Umgang mit dem Objekt, die Prozessualität der sukzessiven Entstehung von Seite zu Seite und Praktiken des Umblätterns, des Vor- und Zurückspringens für den künstlerischen Schaffensprozess und die Entstehung eines bildlichen Wissensdiskurses haben. Des Weiteren stellt sich die Frage, inwiefern das Medium Buch ein ‚Leseverhalten‘ vorherbestimmt oder nahe legt und so die Wahrnehmung und Rezeption der Bilder und somit des dargestellten Wissens steuert. Das sog. Rosebery-Album aus der Zoppo-Werkstatt (um 1460) etwa zeigt auf den recto-Seiten jeweils narrative mythologisierende Szenen, wobei es sich jedoch nicht um Illustrationen eines begrifflich tradierten Wissens handelt, sondern um eigenständige Schöpfungen, die mehr auf Assoziationen, Allusionen und Analogien rekurrieren als einer linearen narrativen Logik folgen.