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Sozial relevante kommunikative Alltagsroutinen der Frühen Neuzeit

Unterprojekt von Linda Gennies

 
Das Unterprojekt fokussiert drei für das soziale Miteinander zentrale Aspekte kommunikativen Verhaltens: (i) Anredeformen, (ii) Grußformeln und (iii) sozial-organisierende Sprechakte. 

(i) Im Bereich der Anredeformen werden neben Anredepronomina auch Nominal- und Abstraktanreden in den Blick genommen. Dabei soll zunächst die soziolinguistische und pragmatische Verteilung der verschiedenen Anredeformen in mehrsprachigen Sprachlehrwerken der Frühen Neuzeit ermittelt werden. Sowohl die Nominalanreden, die teils im nicht-wörtlichen Sinne gebraucht wurden (z.B. Bruder), als auch die im Untersuchungszeitraum neu aufkommenden und sich im gesamten projektrelevanten europäischen Raum verbreitenden Abstrakt­anreden des Typs Euer Gnaden sind darüber hinaus von besonderem Interesse, da von ihnen ein umfassender Wandel im Anredesystem der europäischen Sprachen ausgeht: Hatten im Spätmittelalter noch alle überregional bedeutsamen europäischen Kultur- und Handelssprachen ein Höflichkeits­pronomen 2PL, blieb es bis ins 17. Jahrhundert mit vous nur im Französischen erhalten; im Italienischen wurde es hingegen von Lei 3SG.FEM, im Deutschen zunächst von er/sie 3SG und schließlich von Sie 3PL sowie im Spanischen von der speziellen Form usted verdrängt. Im Rahmen des Unterprojekts soll das drei Jahrhunderte umfassenden Lehrbuchkorpus auf die soziokulturellen und situativen Einflussfaktoren und Mechanismen dieses Wandels hin untersucht werden. 

(ii) Daneben vollzieht sich in der Frühen Neuzeit verstärkt die allmähliche Verdrängung religiöser durch tageszeitbezogene Grußformeln (Typ Guten Tag statt Grüß Gott), deren Verlauf ebenfalls anhand der mehrsprachigen Sprachlehrwerke untersucht werden soll. 

(iii) Schließlich werden Ausdrucksroutinen für weitere häufig wiederkehrende Sprechakte (wie z.B. Bitten, Entschuldigungen und Komplimentieren) in doppelter Hinsicht betrachtet: Einerseits sollen die verschiedenen Sprechakte als sozial variabel dargestellt und zudem in ihrer historischen Dimension nachgezeichnet werden. Andererseits sollen abstraktere Handlungsmuster aus den Dialogen destilliert werden, beginnend bei einfachen Regularien wie einem etwaig zu sprechenden Tischgebet bis hin zu komplexen und oft mehrfach verschachtelten, relativ ritualisierten Sequenzen von Fragen und Antworten oder anderen Turn-Typen in Verkaufsverhandlungen.