HeadKonzept

Aristotelismus und Naturwissen

21. - 23.06.2017

Ort
Tagung der Teilprojekte A06 "Alchemia poetica. Chemisches Wissen und Dichtung um 1600" (Leitung: PD Dr. Volkhard Wels) und B06 "Kosmologische Wissensformationen der Vormoderne: Institutionalisierte Metaphysik der Astronomie in den akademischen Netzwerken der Renaissance" (Leitung: Prof. Dr. Jürgen Renn)
 
Konzeption: PD Dr. Volkhard Wels und Dr. Pietro D. Omodeo
   

Thema der Tagung ist der frühneuzeitliche Aristotelismus an protestantischen Universitäten. Dieser kann im Sinne des Forschungsprogramms des SFB 980 als eine dynamische Wissenstradition beschrieben werden, die durch institutionelle und intellektuelle Neukontextualisierungen, durch Tradierung und Transfer ständig umgestaltet und transformiert wird, gleichzeitig sich aber weiterhin als ein Wissen versteht, das sich im Wesentlichen aus dem Kanon des aristotelischen Corpus ableitet.

Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei die Auseinandersetzung dieser Form des Aristotelismus mit dem neuen, aus Beobachtung und Experiment abgeleiteten Wissen von der Natur, wie es in dem Zeitraum von ca. 1550 bis 1650 in den Aristotelismus einzudringen und diesen zu verändern beginnt. Mit diesem Wissen von der Natur sind gleichermaßen Astrologie, Astronomie, Medizin, Psychologie, (Al-)Chemie, Physik und Biologie gemeint, aber auch die Methodologie, das heißt die Logik, Argumentations- und Wissenschaftstheorie in ihrer Anwendung auf das naturphilosophische Wissen. Wir gehen dabei von der Überzeugung aus, dass dieser Aristotelismus keinesfalls ein normiertes und unbewegliches System ist, sondern etwa auf die Herausforderungen des Paracelsismus oder später des Carte­sia­nis­mus reagiert, genauso wie er auch schon auf die methodologischen Heraus­for­de­rungen des Ramismus reagiert hat. Wie genau sich diese Veränderungen, Trans­fer­bewe­gungen und Anpassungsprozesse abspielen, als Assimiliation, Trans­formation, Abgrenzung oder Aneignung, ist ein zentraler Aspekt der Tagung.

Ohne Zweifel hat dabei das Wissen von der Natur in der Frühen Neuzeit eine konfessionelle Dimension. Der Aristotelismus insbesondere erscheint an den protestantischen Universitäten der Frühen Neuzeit im Gefolge des Philippismus, verstanden im weitesten Sinne als die auf Philipp Melanchthon zurückgehende Reform des universitären Curriculums. Dieser Philippismus war keinesfalls nur eine Erscheinung an den theologischen Fakultäten, sondern hat auch das Wissen von der Natur tiefgehend beeinflusst. Aus Wittenberg heraus reicht Melanchthons Einfluss in die Medizin (Daniel Sennert), die (Al-)Chemie (Andreas Libavius), die Physik (Paul Eber) und in die Astronomie (Erasmus Reinhold, Kaspar Peucer). Insbesondere an späthumanistischen Universitäten und Gymnasien wie Rostock, Helmstedt, Frankfurt/O., Kopenhagen, Königsberg, Altdorf oder Marburg bildet sich eine lebendige Tradition heraus, deren Auswirkungen gerade für das Natur­wissen allerdings nach wie vor nicht genügend erforscht sind. Sicherlich kann man aber schon jetzt sagen, dass dieses Naturwissen eine mehr oder weniger starke konfessionelle Prägung hat, indem etwa Konzepte der Metaphysik oder Theologie Konsequenzen und Implikationen für das naturphilosophische Wissen haben.

Die aristotelisch-melanchthonische Naturphilosophie kann dabei in einen Gegen­satz zu konkurrierenden Wissenschaftskonzeptionen geraten, die ihrerseits wie­de­rum konfessionell aufgeladen sind. Das gilt für die Auseinandersetzung mit dem Ramismus im 16. Jahrhundert und mit dem Cartesianismus im 17. Jahrhundert genauso wie für die Auseinandersetzungen zwischen methodologischem Aristote­lis­mus und der Theologie der Gnesiolutheraner im Laufe des 16. Jahrhunderts. Ähnlich gilt dies für den Gegensatz zu neuplatonisch-hermetischen Wissenschafts­kon­zeptionen, wobei hier der Paracelsismus an allererster Stelle zu nennen wäre. Erbitterte Kämpfe, wie sie zwischen Thomas Erastus und Andreas Libavius auf der einen Seite und den Paracelsisten auf der anderen Seite geführt werden, sind symp­to­matisch für das entstehende Konfliktpotential.

Das konkrete Programm wird im Frühjahr hier abrufbar sein.

Zeit & Ort

21. - 23.06.2017

Villa des SFB 980 und Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin-Dahlem

Weitere Informationen

Der Eintritt ist frei. Um Anmeldung wird gebeten: protestant_aristotelianism@mpiwg-berlin.mpg.de