Multiple „Frühe Neuzeiten“ im Japan des 20. Jahrhunderts

Unterprojekt von Michael Facius

 
Das Projekt untersucht Verzeitlichungspraktiken im japanischen Blick auf die „Frühe Neuzeit“ (kinsei) im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Ausgangspunkt ist das gegenwärtige Interesse an den spezifischen Formen von Zeitlichkeit, die mit der „Moderne“ einhergehen. Damit ist nicht nur die vielzitierte „Beschleunigung“ oder „Kontraktion“ von Zeit gemeint, die neue Beförderungs- und Kommunikationstechnologien mit sich brachten. Noch fundamentaler setzte die Moderne ein neues Regime von Zeitlichkeit in Kraft, das veränderte, wie Menschen den Ablauf von Zeit und das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit begriffen. Zu diesem Regime gehörte die kapitalistische Zeit des Vierundzwanzig-Stunden-Tags und global synchronisierter Zeitzonen genauso wie die lineare Tiefenzeit der Geologie und Geschichtswissenschaft. Die „Moderne“ repräsentierte sich zudem als stetiges Voranschreiten, als Absetzbewegung von der Vergangenheit – und verräumlichte die Zeit, nach der Europa „auf der Höhe der Zeit“, andere Weltgegenden hingegen im Mittelalter oder in der Steinzeit verortet werden konnten.

Das Aufkommen und die wichtigsten Bestandteile dieses Regimes sind inzwischen bekannt. Wie es jedoch nach wie vor als selbstverständliche Grundlage unseres Blicks auf die Vergangenheit wirksam ist, bedarf weiterer Klärung. Hier setzt das Projekt an, indem es Formen der Verzeitlichung untersucht, das heißt konkrete Praktiken, durch die Gegenstände, Diskurse, zeitlich differenziert und zu diesem Regime kompatibel gemacht werden. Beispiele für solche Praktiken sind die geschichtswissenschaftliche Periodisierung, das Arrangement von Ausstellungen oder öffentliche Diskurse über die zeitgenössische Bedeutung der Vergangenheit.

Das Projekt fokussiert erstens auf japanische Blicke auf die „Frühe Neuzeit“ oder „Early Modernity“, unter der Annahme, dass diese als Zeitraum des Übergangs, des „fast, aber noch nicht ganz“ besonders ergiebig ist, um die Funktionsweisen des modernen Verzeitlichungsregimes zu erforschen. Dies trifft umso mehr auf Japan zu, dessen Verhältnis zur „Moderne“ als außereuropäische Gesellschaft stärker von Brüchen und Spannungen, von der Aushandlung des „eigenen“ gegenüber einer „fremden“ Moderne geprägt ist, wie dies etwa in der berühmt gewordenen Konferenz zur „Überwindung der Moderne“ von 1942 prägnant zum Ausdruck kam.

Zweitens widmet sich das Projekt den räumlichen „Rändern“ der Frühen Neuzeit: Wie konzipierten japanische Akteure die Überkreuzungen zwischen japanischen Nationalgeschichten und anderen zeitlichen Rhythmen, wie sie sich etwa bei Konzeptionen von Weltgeschichte oder in der kolonialen Situation in Taiwan und Korea zeigten? In welche Zeit etwa gehörten die Paläste der koreanischen Joseon-Dynastie, die zumindest teilweise auch nach der japanischen Annexion das Stadtbild von Seoul prägten und damit auf eine alternative Zeitlichkeit verwiesen? Wie wurden sie gefügig gemacht und neutralisiert, um der Nationalgeschichte oder dem Modell des zivilisatorischen Fortschritts zu entsprechen?

Das Projekt untersucht diese Fragen anhand von vier exemplarischen Fallstudien, die Verzeitlichungspraktiken in verschiedenen Foren, Zeitenspannen und räumlichen Konstellationen beleuchten:

  • Geschichtswissenschaft, Weltgeschichte und der Periodenbegriff der „Frühen Neuzeit“ (kinsei)
  • Kolonialismus, Tourismus und die frühe Neuzeit in Seoul und Taipei
  • Die „Landesabschließung“ als Symbol der frühen Neuzeit im öffentlichen Diskurs der Nachkriegszeit
  • Ausstellungen über chinesisch-japanische kulturelle Mittler der frühen Neuzeit.