Springe direkt zu Inhalt

Gösta Ingvar Gabriel, Freie Universität Berlin: „Mytho-historische Erzählstoffe als Deutungsmachtarenen im antiken Babylonien“

15.01.2021 | 10:00 c.t.

 

Mythen spielten im antiken Babylonien eine zentrale Rolle. Sie deuten die Vergangenheit, legitimieren die Gegenwart und erlauben einen Blick in die Zukunft. Wer Macht über die Deutung der Vergangenheit besitzt kann somit gegenwärtige Ansprüche politischer Macht untermauern, die sich in die Zukunft erstrecken. In dieses Umfeld gehört auch die babylonische Historiographie, die entsprechend der emischen Weltsicht mythische und historische Erzählstoffe miteinander verbindet. Im Vortrag wird dargelegt, wie die ‚Sumerische Königsliste‘, die vielleicht wichtigste babylonische Chronik, immer wieder überarbeitet wird. Sie wird fortlaufend entsprechend veränderter Weltdeutungen reaktualisiert. Als mytho-historischem Werk unterliegt sie dabei der Restriktion, dass nichts gestrichen werden darf, nur geändert oder hinzugefügt. Hierdurch entstehen Schichten, in denen sich ältere und jüngere Weltdeutungen überlagern. Im Laufe dieser Schichtungen entsteht unfreiwilliger Weise ein neuer mythischer Zeitabschnitt, der inhaltlich nicht definiert ist. Dieses mythische Vakuum greift die Herrscherliste von Lagaš auf, indem sie es mit einer neuen Erzählung füllt. Diese neue Erzählung stellt einen Angriff auf die Weltdeutung und den Anspruch der ‚Sumerischen Königsliste‘ dar. Auf diese Weltdeutungsattacke reagieren die Tradenten der ‚Sumerischen Königsliste‘ wiederum, indem sie den unfreiwillig entstandenen Zeitabschnitt beseitigen. Die Herrscherliste von Lagaš verliert damit ihren argumentativen Anknüpfungspunkt. An diesem Beispiel wird deutlich, dass sich an den Veränderungen und den Interaktionen von Texten und Stoffen ein intensiver Wettstreit greifen lässt. Die untersuchten mytho-historischen Werke erweisen sich dabei als babylonische Deutungsmachtarenen.

Dr. Gösta Ingvar Gabriel ist Mitarbeiter am Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin, wo er eine eigene, von der DFG geförderte Emmy Noether-Nachwuchsgruppe leitet.

Weitere Informationen

Der Vortrag findet als digitaler Stream statt. Nicht-SFB-Mitglieder melden sich bitte bei Interesse unter info@sfb-episteme.de an und bekommen dann einen Zugangslink zugeschickt.