(Nicht)Wissen – Dynamiken der Negation in vormodernen Kulturen

Jahrestagung des SFB 980 Episteme in Bewegung 27.-29. Juni 2019 in Berlin

      

Um Prozesse des Wissenswandels in der Vormoderne erforschen zu können, bestimmt der SFB Episteme in Bewegung Episteme als ‚Wissen von etwas‘, das mit einem Geltungsanspruch versehen ist. Ausgehend von der Beobachtung, dass Episteme auch und gerade dort in Bewegung ist, wo Wissen unbestimmt bleibt oder im Akt der Vermittlung abgelehnt, verkannt oder ausgeblendet wird, fokussiert die Jahrestagung 2019 das Verhältnis von Wissen, Transfer und Negation in europäischen und nicht-europäischen Kulturen der Vormoderne. Negation wirkt dabei insofern als Impuls im Wissenstransfer, als Prozessen der Ausblendung, der Zerstörung oder des Verbergens kreative Potentiale innewohnen. Wenn wir in dieser Hinsicht unser Augenmerk auf die sinnstiftenden Dynamiken der mitwirkenden Negation richten, sprechen wir von einem negativen Transfer – in Abgrenzung zu einem Verständnis dieses Begriffes im Sinne von Verlust, Behinderung und Hemmung. Negation begreifen wir hierfür zum einen als genuinen Bestandteil eines bestimmten Wissensmodus, der an verneinende, widersprüchliche oder elliptische Darstellungsweisen gebunden ist, zum anderen als Kategorie, die es ermöglicht, das Ausgeschlossene, Abgelehnte oder Verlorene bei der Neukontextualisierung von Wissen in den Fokus zu rücken. In diesem Rahmen gilt es sowohl die epistemischen Veränderungen auf der Elementarebene der Vermittlung im Kontext der historischen Situation zu untersuchen, als auch nach ihrer wissensgeschichtlichen Wirkmacht und damit nach der strukturellen Dimension negativer Transfers zu fragen. Der SFB lädt dazu ein, auf seiner siebten Jahrestagung diesen Potentialen der Negation in der Vormoderne auf den Grund zu gehen und die Frage zu erörtern, inwiefern negative Transfers notwendig, konstitutiv oder produktiv für die Generierung neuen Wissens sind.

Analysiert, reflektiert und diskutiert werden unterschiedliche Formen des negativen Transfers, die einer epistemischen Neukontextualisierung geschuldet sind. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Wissenstransfers in gewissem Umfang stets mit Negationen einhergehen. Mit jedem Einschluss sind auch Ausschlüsse verbunden, so dass sich Behauptung und Verdrängung als komplementäre Prozesse der Wissensgenerierung erweisen. Dynamiken der Selektion eignet folglich neben einer positiven auch eine negative Seite, der jedoch gleichfalls ein konstruktives Potential zugesprochen werden kann, wenn der nachwirkende Einfluss des Ausgeschlossenen auf den jeweiligen Wissensbestand in den Blick rückt. So werden beispielsweise Apokalypsen im Prozess der Kanonisierung größtenteils ausgeschlossen, apokalyptische Motive gehen zugleich aber in Textgattungen wie Kommentare und Heiligenviten ein. Durch die Korrelation von institutionellen Mechanismen der Exklusion mit den Möglichkeiten gattungsbedingter Inklusion wird die Negation apokalyptischer Texte somit nicht mehr als Geschichte des Verlustes erzählt, sondern rückt als Voraussetzung für den Transfer von Wissen in den Blick. Im Zentrum der Tagung steht das abgelehnte, aussondierte, vergessene oder herabgewürdigte Wissen jenseits akzeptierter epistemischer Geltungsbereiche, das auf Ab-, Um- und Sonderwegen latent mit neuen Funktionen ausgestattet wird oder in anderem Gewand weiterwirkt.

Schwerpunkt 1 – Negation als Variation

Bei jedem Akt der Wissensvermittlung droht geltendes Wissen mehr oder weniger stark verändert und damit teilweise negiert zu werden. So können mit dem Wissen verbundene Texte, Artefakte, Orte oder Praktiken unter verschiedenen Aspekten partiell oder vollständig umfunktionalisiert, zerstört, übersehen oder missverstanden werden. Abschreibfehler bei der Erstellung von Manuskripten stellen einen typischen Fall für eine Variation des Wissens auf der elementaren Ebene der Wissensvermittlung dar. Aber auch Fehldeutungen, Einebnungen von Unterschieden durch Übersetzungen, materieller Verfall, Montagen, didaktische Reduktionen etc. verändern den transferierten Wissensgegenstand und stellen epistemische Geltungsansprüche auf die Probe. Welche Arten von Variationen lassen sich auf dieser Ebene unterscheiden und welche Faktoren erweisen sich in den mehr oder weniger komplexen Austauschprozessen als relevant? Die gezielte Frage nach sozio-kulturellen Gegebenheiten, politischen Konstellationen, materialen und medialen Bedingungen hilft je spezifische historische Situationen zu erschließen, die produktive Deutungsprobleme, Medienwechsel, Vermischungen, Umdeutungen oder Ausblendungen begünstigen, auch wenn sich nicht immer die genauen Gründe und Auslöser für entsprechende Abweichungen eruieren lassen.

Schwerpunkt 2 – Negation als strukturell wirksamer Faktor

Von dieser elementaren Ebene der Vermittlung ist die Strukturebene solch negativer Transfers zu unterscheiden, die aus wissensgeschichtlicher Perspektive eine wirksame Veränderung geltenden Wissens nach sich ziehen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn der Abschreibfehler oder Korrekturvorschlag im Manuskript plötzlich zur Standardlesart des Textes wird. Doch auch wenn eine als elementar zu fassende Variation auf eine bewusste Auflehnung abzielt, müssen sich abgrenzende Innovationsbehauptungen und explizite Ablehnungen, die historisch thematisiert werden, nicht zwingend durchsetzen. So wirken dialektisch-rhetorische Traditionen der Universitäten auch in französischen Sozietätsbewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts trotz aller Bruchbehauptungen fort und erweisen sich damit als Formen inszenierter Negation. Welche Faktoren sind demgegenüber für die demonstrative Akzeptanz oder stillschweigende Integration von Abweichungen innerhalb des geltenden Wissensbestands maßgeblich? Und in welcher Weise können sich Formen des Verbergens, Verschweigens, Unterdrückens oder Verbietens solcher Abweichungen schwächend oder stärkend auf geltendes Wissen auswirken und latent für die Genese neuen Wissens verantwortlich sein? Zugespitzt formuliert: Welches Wissen gibt es trotz oder gar aufgrund von Negation? Besondere Relevanz erhält in diesem Zusammenhang die Frage nach der Rolle der beteiligten Akteure und Institutionen sowie nach den Prozessen der Autorisierung und Zensur.

Schwerpunkt 3 – Negation als Bedingung für Wissen

Ein besonderer Fall von Negation kommt dort zum Tragen, wo es nicht um das Zerstören, Verbergen oder Umdeuten von Wissen innerhalb von Transferprozessen geht, sondern ein Wissensgegenstand im Akt seiner Vermittlung Negation induziert und derart an einen bestimmten Wissensmodus gebunden ist. Dies ist etwa der Fall in der negativen Theologie jüdisch-christlicher Traditionen, die apophatische Redemodi entwickelt, um eine sprachliche Reflexionsform für die Transzendenz Gottes zu schaffen, welche noch im Akt der Diskursivierung jegliche Diskursivierbarkeit ihres Redegegenstandes unmittelbar in Frage stellt. In vergleichbarer Weise bleibt im Bereich vormoderner Ästhetik ein Wissen um das Natur- und Kunstschöne zuweilen elusiv, es lässt sich trotz des Versuches seiner definitorischen Vermittlung nicht konkret fassen. Negation erfährt in diesem Zusammenhang eine entscheidende Positivierung: In beiden Fällen erweist sie sich als Konstituens der reflexiven Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, der sich der theoretisierenden Festschreibung entzieht. Auf diesem grundlegenden Aspekt der Negation als Bedingung von Wissen liegt der dritte Schwerpunkt der Tagung. Welche Relevanz kommt in unterschiedlichen Wissensbereichen der Vormoderne einem solchen Wissen zu, das qua Gegenstand an bestimmte Darstellungsstrategien der Negation geknüpft wird? Welche strukturellen Analogien und Unterschiede lassen sich aus einer transdisziplinären und transkulturellen Perspektive heraus beobachten? Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit es Geltung erlangen kann und welche Konsequenzen ergeben sich für die Vermittel- und Lehrbarkeit dieses Wissens?

In diesem Sinne wird unterschiedlichen Facetten und Modi der Negation, ihren Wirkweisen, Funktionen, Bedingungen und Folgen anhand von Fallbeispielen historisch unterschiedlichster Provenienz auf der Tagung nachgegangen. Auf dieser Basis wird die allgemeine Bedeutung dieser Phänomene für die Tradierung und den Wandel von Wissen sowie deren Relationierung diskutiert und eruiert, inwiefern die Kategorie der Negation – im Unterschied zu Konzepten des Bruchs und der Revolution – eine nuancierte Beschreibung vormoderner Wissensgeschichte erlaubt.