Magie in Mittelalter und Früher Neuzeit

Arbeitsgespräch mit Gästen konzipiert von den Teilprojekten A06 „Alchemia poetica. Chemisches Wissen und Dichtung um 1600“ und B02 „Das Wunderbare als Konfiguration des Wissens in der Literatur des Mittelalters“, 01.–02.12.2017

25.04.2018

Der Begriff der Magie in Mittelalter und Früher Neuzeit

Der Begriff der Magie in Mittelalter und Früher Neuzeit

Bericht von Simon Brandl (FU Berlin, SFB 980, Wiss. Mitarbeiter im Teilprojekt A06), Jutta Eming (Projektleitung B02), Falk Quenstedt (FU Berlin, SFB 980, Wiss. Mitarbeiter im Teilprojekt B02), Volkhard Wels (Projektleitung A06)

Das Arbeitsgespräch ging von der Feststellung aus, dass der Begriff der Magie – selbst in einer historischen Eingrenzung auf die Epochen von Mittelalter und Früher Neuzeit – schwer bis unmöglich zu bestimmen ist. Mittelalterliche Magie-Begriffe in der Artes-Tradition stehen quer zur frühneuzeitlichen Ausdifferenzierung der neuplatonischen Magie oder der magia naturalis, die ihrerseits in einem schwierigen Verhältnis zu zeitgenössischen Theorien der Hexerei und Zauberei stehen. Literarische Feen, Monstren und Teufelsbündler scheinen mit der gelehrten Magie eines Marsilio Ficino oder Agrippa von Nettesheim kaum vermittelbar, umstritten ist ferner das Verhältnis der Magie des Paracelsus zur neuplatonischen Tradition. Neben eher philosophie- und religionshistorischen Problemen stellt sich insbesondere für Literaturwissenschaftler die Frage nach der spezifischen Bedeutung literarisch vermittelter Magie-Darstellungen, denn ganz offensichtlich gibt es, von Wolframs von Eschenbachs Parzival über die Historia D. Johann Fausten (= ‚Faustbuch‘) bis zu Harry Potter, enge Verbindungen zwischen von magischem Wissen und literarischen Inhalten und Darstellungsformen. Das Arbeitsgespräch sollte deshalb dazu dienen, unterschiedliche Möglichkeiten der Annäherung an den Magie-Begriff zu diskutieren. Dabei kristallisierten sich während zweier Tage intensiver Diskussionen verschiedene Schwerpunkte heraus: neben der grundlegenden Frage, ob der Magie-Begriff eher geist- oder eher sprachtheoretisch zu fundieren ist ging es vor allem um Aspekte des Zusammenhangs von Magie und Sprache, Fragen der Verhandlung von Legitimität sowie das Verhältnis von Theorie und Praxis.

   

Zum Begriff der Magie

Ausgehend von je spezifischen Gegenständen unterzogen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Arbeitsgesprächs den Begriff der Magie einer historisierenden Analyse. In den Impulsvorträgen von Thomas Leinkauf (Universität Münster) und Anne Eusterschulte (Freie Universität Berlin) zeigte sich, dass grundlegende naturphilosophische Leitgedanken bis weit in die Frühe Neuzeit mit relativer Konstanz wiederkehren. Eusterschulte stellte Giordano Brunos Theorie der menschlichen Seele vor, welche über unsichtbare Fesseln (vincula) mit dem Körper korrespondiert. Ferner umfasst sie in sich die geistigen Urbilder aller Einzeldinge, die sie gleichsam in einem Akt der Projektion (imaginatio) der an sich gestaltlosen Außenwelt aufprägt und diese somit in ihrer natürlichen Vielfalt zur Erscheinung bringt. Dabei wurde deutlich, dass Bruno unter dem Eindruck eines neuplatonischen Weltbilds steht, dem zufolge der Kosmos – um Thomas Leinkaufs Begriff aus seinem Referat aufzunehmen – über eine „pneumatische Substruktur“ verfügt: Alles Seiende geht auf einen lebendigen, sinnstiftenden Geist zurück, der sich im harmonischen Zusammenspiel der individuellen Erscheinungsformen der Natur indirekt zu erkennen gibt.

In beiden Fällen ist eine Tendenz zur Rationalisierung von Magie zu beobachten: ein magus ist jemand, der, etwa zu medizinischen Zwecken, mit unsichtbaren Naturkräften umzugehen weiß. Dieser Vorstellung fühlte sich auch Paracelsus verpflichtet, dessen Magie-Begriff Volkhard Wels (Freie Universität Berlin) vorstellte. Der paracelsische Begriff der magia richtet sich gegen die vorherrschende galenisch-aristotelisch geprägte Naturphilosophie und steht damit in Opposition zur Schulmedizin. Im Mittelpunkt dieser frühneuzeitlichen Form einer ‚alternativen Medizin‘ steht im Paracelsismus das Konzept der okkulten Ursachen, d.h. im wörtlichen Sinne der verborgenen Ursache-Wirkungsverhältnisse, die mit einer Philosophie in aristotelischer Tradition unvereinbar sind. Magie bedeutet im Paracelsismus somit an erster Stelle eine Alternative zu Aristotelismus und Galenismus als der ‚Schulmedizin‘ der Universitäten. Frank Fürbeth (Universität Frankfurt) machte darauf aufmerksam, dass das Wort ‚Magie‘ erst ab dem 15. Jahrhundert breitere Verwendung findet, insbesondere für den positiv gewendeten Begriff der magia naturalis; zuvor sei in akademischen Kontexten – je nach argumentativem Zusammenhang – von astrologia, nigro- bzw. necromantia oder auch superstitio gesprochen worden. Bernd Otto (Universität Erfurt) verwies demgegenüber auf mittelalterliche Ritualtexte arabischer Provenienz, darunter das berühmte Buch Picatrix, das bereits eine Form von magia naturalis lehrt. Der Begriff magia erscheint hier, im 13. Jahrhundert, bereits als Übersetzung des arabischen Begriffs sir.

Jutta Eming (Freie Universität Berlin) sprach angesichts der Schwierigkeiten, den Begriff ‚Magie‘ historisch-systematisch zu bestimmen, die Möglichkeit an, einen strukturalistischen Ansatz zu wählen, dem gemäß von ‚magischem Denken‘ als einer ontogenetischen Entwicklungsstufe zu sprechen wäre. Dies wäre zugleich die einzige Möglichkeit, einen überhistorischen Magie-Begriff geltend zu machen. Die verbreitete Auffassung jedenfalls, dass Magie ‚heidnische‘ Wissensreste bündelt, welche im christlichen Mittelalter zunehmend marginalisiert würden, kann keine Gültigkeit mehr beanspruchen. Vielmehr ist davon auszugehen (mit Valerie Flint und anderen), dass Wissenstraditionen, die aus unterschiedlichen Gründen als ‚magisch‘ zu bezeichnen sind (z.B. astrologische oder geomantische) entgegen theologischer ‚Ausgrenzungsversuche‘ (Bernd Otto) einen kontinuierlichen Gegenstand der akademischen Auseinandersetzung bilden. Mittelalterliche literarische Texte reflektieren diese Diskurse, indem sie zum Beispiel christlich begründete Wunder mit magischen Themenkomplexen korrelieren. Tobias Bulang (Universität Heidelberg) hob in diesem Zusammenhang hervor, dass ein überhistorischer, strukturalistischer Magie-Begriff den Vorteil mit sich bringt, suprakulturelle Vergleichbarkeiten herzustellen.

Wilhelm Schmidt-Biggemann (Freie Universität Berlin) arbeitete in seinem Beitrag den auffälligen Umstand heraus, dass die christliche Liturgie strukturanalog zu magischen Ritualen verfährt, was sakrale und magische Handlung in hohem Maße einander annähert. In beiden Fällen spielt die Performativität von Sprache, oft unterstützt durch Rhythmus und Klang, eine wesentliche Rolle.

   

Magie und Sprache

Damit ist zu einem zweiten Schwerpunkt des Arbeitsgesprächs überzuleiten, der den Zusammenhang von Magie und Sprache betrifft. Sowohl mit Blick auf Sprechhandlungen – zum Beispiel Zaubersprüche, Beschwörungsformeln, Formen des Segens oder die Konsekrationsworte im Rahmen der katholischen Messe –, als auch hinsichtlich sprachlicher Strukturen wie Wiederholungen, Reimbildungen, Klangeffekte und Rhythmisierungen spielt die sprachliche Form eine zentrale Rolle für die Magie.

Bereits aus Anlass der Einführung von Jutta Eming entzündete sich – am Beispiel des althochdeutschen ‚Zweiten Merseburger Zauberspruchs‘ – eine entsprechende Diskussion. Mit Verweis auf Schöpfungstheologie, Kabbala und die Vorstellung der lingua adamica, der kein zeichenhafter (aristotelischer) Sprachbegriff zugrunde liegt, wurde das Konzept eines direkten Wirkzugriffs der Sprache auf die Dinge von Wilhelm Schmidt-Biggemann betont. Dem wurde die eingangs bereits angesprochene Pneuma-Konzeption entgegengehalten, welche von mentalen Strukturen ausgeht, die als gemeinsame Grundlage von Sprache und Welt im Sinne eines Mediums gegenseitige Bezugnahmen ermöglicht und dabei auch die Schöpfungstheologie einbegreift (Leinkauf). Man konnte hier so weit übereinkommen, dass innerhalb des Neuplatonismus verschiedene Strömungen zu unterscheiden sind (z.B. wäre Plotin von Proklos abzugrenzen), die mit Blick auf Magie unterschiedliche Konzeptionen hervorgebracht haben.

Weiter ausdifferenziert wurde die Debatte durch den Hinweis auf musikalische und rhythmische Aspekte der Sprache, die den Körper beeinflussen können (Gebete, Wiegenlieder), was etwa bei Campanella in medizinischem Zusammenhang als eine Wellentheorie gedacht wurde. Metrisch rhythmisierte Sprache kann so zu therapeutischen Zwecken verwendet werden (Wels). Durchaus vergleichbar scheint der Ansatz Giordano Brunos, wie ihn Anne Eusterschulte darstellte. Im Versuch, Magie als Wissenschaft zu rehabilitieren, beruft sich Bruno auf die Auffassung einer Konsubstanzialität von Seelenpneuma und Kosmos, wobei er als Medium vincula annimmt. Bruno entwickelt damit eine Bewusstseinstheorie, die letztlich auch darauf zielt, angstbesetzte Imaginationen als (nichtsdestotrotz wirksame) Illusionen zu erkennen gleichsam wissenschaftlich zu entdämonisiereren. Dabei kommt er in der Diskussion einer ‚mittleren Magie‘ auch auf Sprache zu sprechen, die für ihn ein Mittel unter anderen ist, die vincula zu adressieren. Die Verbindung von Sprache und Dingen gelangt damit bei Bruno als ein physiologisch-psychologischer Zusammenhang in den Blick.

   

Legitimität der Magie

Ein dritter Schwerpunkt der Diskussionen betraf das Problem der Legitimität magischen Wissens: Magie und Zauber gelten in der Regel als illegitime Wissensbestände und Praktiken. Das zeigt auch die relativ häufige Verwendung von Zauberer-Figuren als Gegenspieler der Helden in mittelalterlichen Erzähltexten, was dann in der Frühen Neuzeit im Faustbuch seine vielleicht berühmteste Ausformung findet. Dem steht der Versuch gegenüber, Magie als gelehrte Praxis oder als magia naturalis zu legitimieren. Ein besonders interessanter Fall ist hier die Eucharistie, deren Analogie zur magischen Praxis offensichtlich ist. Wilhelm Schmidt-Biggemann zeigte in diesem Sinne, wie sich mit Blick auf die Ritualisierung, aber auch auf eine gemeinsame Tendenz zur Wahrung eines Geheimnisses Magie und Sakramentaltheologie ähneln. Historische Abgrenzungen (die mit Legitimitätsaussagen einhergehen) müssen folglich nicht mit systematischen Zugriffen und Praktiken übereinstimmen. Aber auch historisch blieb die Analogie zwischen Magie und Sakrament nicht unbemerkt und konnte in polemischer Absicht schließlich von den Protestanten aufgegriffen werden, um die katholische Sakramentaltheologie als Magie zu schmähen und damit zu delegitimieren (Otto).

Von unmittelbarer Bedeutung wird die Frage nach der Legitimität magischen Wissens, wo es um die historische Rechtfertigung der Hexenverfolgungen geht. Tobias Bulang beschrieb diese als eine „verfehlte Ethnologie“: Die klassifikatorischen Zugriffs-Instrumente des frühneuzeitlichen Verwaltungsstaats hätten dazu geführt, dass dörfliche Praktiken (etwa apotropäischer Art), die zuvor vielleicht unbedenklich waren, von staatlichen Juristen mit klerikaler Ausbildung als magische Praktiken gedeutet worden seien. Erst diese Klassifizierung führte zu ihrer Inkriminierung und zur massiven Verfolgung von Akteuren. Das neue Bewusstsein einer Allgegenwart magischer Praktiken sowie der gleichzeitige Zugriff des juristischen Diskurses hätten einen Drang zur Vereindeutigung bewirkt, der etwa bei Jean Bodin zu einer fundamentalen Verurteilung der gesamten neuplatonischen Magie-Tradition führte. In diesem Zusammenhang wurde auch diskutiert, inwiefern weitere mentalitäts- und medienhistorische Veränderungen der Frühen Neuzeit für die Hexenprozesse auschlaggebend werden konnten.

Barbara Mahlmann-Bauer (Universität Bern) zeigte, dass in narrativen Settings Verhandlungen der (Il-)Legitimität von Magie gerade nicht zu Vereindeutigungen führen, sondern diese im Gegenteil brüchig werden lassen. So diskutiert das an die Historia von D. Johann Fausten anschließende Wagnerbuch von 1593 Positionen zeitgenössisch aktueller Magie-Debatten (Paracelsus, Pomponazzi) und verarbeitet argumentative Strategien der Legitimierung von Magie (Giambattista della Porta), indem sie diese von verschiedenen und unterschiedlich bewerteten Figuren vertreten lässt. Darüber hinaus werden Magie-Konzeptionen im Zuge der Fernreiseerzählungen des Protagonisten nach Amerika (basierend auf Girolamo Benzoni) mit fremden medizinischen Praktiken, die auch positiv beurteilt werden, parallelisiert. Das rückt etwa Paracelsus in die Nähe indigener Medizinmänner und bewirkt Irritationen geläufiger Grenzziehungen in der Bewertung magischen Wissens.

   

Theorie und Praxis

Wiederholt wurde im Verlaufe des Arbeitsgesprächs daran erinnert, dass Legitimitätsurteile immer auch davon abhängen, ob das Magie-Wissen auf eine konkrete Praxis zielt oder theoretischen Charakter hat. So war es laut Bulang vor allem die Dämonisierung der praktischen Ausübung von Magie seitens des theologisch-juristischen Diskurses, die bei der Konfrontation mit ‚paganen‘ dörfliche Praktiken das Einschreiten der staatlichen Institutionen nach sich zog. Die These Bulangs, dass Hexenglauben und -verfolgungen zu einer erstmaligen Fundamentalchristianisierung der Bevölkerung führte, wurde kontrovers diskutiert.

Klarer stellte sich für die Teilnehmer der Praxisbezug der paracelsischen magia dar, welche sich entsprechend ihrer similia-similibus-Doktrin von jeglicher Form der Hexerei abgrenzte. Überhaupt sind es ausschließlich die Repräsentanten der Naturphilosophie – neben Paracelsus vor allem Plotin und Giordano Bruno –, die Konzeptionalisierungen des Magie-Begriffs hinterlassen haben.

Bernd Otto zeigte in seinem Vortrag zunächst verschiedene heuristische Möglichkeiten einer (diskursgeschichtlichen) Annäherung an den Magie-Begriff auf: eine Konzentration auf eine den Magie-Begriff positiv selbstreferentiell verwendende „westliche Gelehrtenmagie“ bringt etwa andere Texte und Diskurszusammenhänge in den Blick, als ein Ansatz, der sich auf verschiedene „patterns of magicity“ konzentriert, d.h auf Ideen, die zwar mit Magie assoziiert wurden, den Magie-Begriff aber nicht unbedingt verwenden. Das zieht beispielsweise eine stärkere analytische Inklusion von Texten nach sich, die auf konkrete Praktiken zielen. Im Anschluss stellte Otto eine kürzlich in Leipzig entdeckte umfassende Sammlung von Zaubersprüchen, Beschwörungsriten und -texten aus dem späten 17. Jahrhundert vor – einer Sammlung von Texten, die durchwegs anwendungsbezogen zu magischer Praxis anleiten. Die dabei äußerst zahlreich und in großer Konkretheit beschriebenen Ritualtechniken, welche zum Beispiel materielle Bereicherung oder erotische Befriedigung versprachen, ließ die Frage aufkommen, welcher intellektuelle oder symbolische Mehrwert dieser Sammlung, deren Anschaffung einen Sammler des frühen 18. Jahrhunderts ein Vermögen gekostet hat, angesichts der zweifelhaften Wirksamkeit der darin dargestellten Praktiken zukam.

   

Der Begriff ‚Magie‘ stellt sich in der Gesamtschau der Tagungsbeiträge als facettenreich und inhomogen dar. Einen Ansatz, die historischen, systematischen und strukturellen Bestimmungen von Magie zu überwölben, bietet wohl am ehesten seine in allen Traditionen mit gedachte metaphysische Dimension, welche sich in der Wirkung auf die Dinge zur Geltung bringen kann, aber nicht muss, weil sie prinzipiell unabhängig von diesen besteht. Unter dieser Voraussetzung kann sie sich mit verschiedenen Formen des Wissens – sowie mit unterschiedlichen Praktiken – verbinden: ob auf dem Gebiet der Mantik, der Hexerei, der Beschwörung, des (sakralen) Ritus oder der Medizin. Damit einhergehend stellt sich die Frage nach der Legitimität solcher Wissens- und Handlungsformen, die ihrerseits vor allem von der Frage abhängt, ob Magie einer übernatürlichen, möglicherweise dämonisch-diabolischen Sphäre entstammt oder ob es sich bei ihr um eine Aktualisierung natürlicher Kräfte handelt. Letzterer Standpunkt wurde vor allem – häufig mit einem Hang zur Rationalisierung verknüpft – von naturphilosophischer Seite vertreten. Sie trat in der Frühen Neuzeit einer langen Tradition von magia daemoniaca gegenüber, der zufolge es sich bei Magie nicht nur um etwas Übernatürliches, sondern Dämonisches und folglich um Teufelswerk handelt, das es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.