Überlieferungsformen von Text und Bild im Alten Ägypten

Workshop organisiert vom Teilprojekt A02 „Altägyptische Philologie“ (Leitung: Prof. Dr. Jochem Kahl), 5./6. Juni 2013

06.11.2014

A02

A02

Das Forschungsvorhaben „Altägyptische Philologie“ des Teilprojekts A02 befasst sich mit dem Wissen und den Wissensformen der Alten Ägypter. Stark mit dem Begriff der Episteme verbunden ist die Frage nach der Tradierung und den Tradierungsformen von Bildern und Texten im Alten Ägypten. Ein wesentlicher, bislang noch nicht ausreichend geklärter Punkt, ist die Frage nach Bibliotheken und deren Organisation, einen anderen viel diskutierten Punkt bilden die Überlieferungsmechanismen, die bei Texten und Bildern griffen. Da aus pharaonischer Zeit keine Bibliotheken archäologisch erforscht sind, ihre Existenz aber dennoch durch Schriftquellen gesichert ist, bedarf es der Zusammenschau zahlreicher Detailbeobachtungen, um zu einem besseren Verständnis der Überlieferungswege des Wissens im Alten Ägypten zu gelangen. Insbesondere der Frage nach den Vorlagen widmete sich dieser Workshop, da in der ägyptologischen Diskussion integrale Vorlagen und Musterbücher – und damit Bibliotheksüberlieferung - als Wege des Wissenstransfers erörtert werden, aber auch die Autopsie von Originalen berücksichtigt werden muss.

Frau Dr. Barbara Lüscher (Universität Basel/Zürich) eröffnete den Workshop mit ihrem Abendvortrag „Ostraka als Textvorlagen. Der (Glücks-)Fall TT 87“. Der Fund von Ostraka aus den Gräbern des Nachtmin (TT 87) und des Mencheperraseneb (TT 79) der 18. Dynastie machten es möglich, einen einmaligen Einblick in die Arbeitsweise der Schreiber und des Dekorationsprozesses zu erhalten. Ein Vergleich der gefundenen Ostraka mit den funerären Texten, die die Grabkammer und den Grabschacht zieren, machte deutlich, dass diese als Vorlagen für die Dekoration des Grabes des Nachtmin gedient haben. Weitere Funde von bildlichen Ostraka zeugen zudem davon, dass dies auch für bildliche Dekoration zu belegen ist. Vorhandene Korruptelen weisen zusätzlich auf eine archivierte Vorlage, wodurch sich nun ein Teil des Prozesses zur Dekoration der Gräber erschließt.

Auch Frau Prof. Dr. Louise Gestermann (Universität Tübingen) sprach sich für eine Nutzung von Vorlagen aus, welche in einer Bibliothek archiviert wurden. Durch ihre bisherigen Forschungen zur Überlieferung ägyptischer Sargtexte in spätzeitlichen Grabanlagen konnte sie u.a. zeigen, dass die thebanischen Sargtexte auf eine Vorlage zurückgehen, deren Überlieferungsgeschichte von Mittelägypten nach Theben verläuft. Dies verband sie mit ihrem Vortrag „Text und Kontext: Zur Überlieferung funerärer Texte in der spätzeitlichen Grabanlage des Montemhet in Theben (TT 34)“, in dem sie entsprechend der Raumnummerierung Eigners das Dekorationsprogramm der Räume und Treppen 44 – 49 vorstellte, die zu der Grabkammer der Montemhet führen. Diese weisen eine beeindruckende Konzeption auf und zeigen auch produktive Eingriffe, deren Publikation uns nach Abschluss des noch andauernden Projektes einen weitreichenden Einblick in die spätzeitliche, funeräre Dekoration geben wird.

Durch den auf seiner Doktorarbeit basierenden Vortrag „Reproduktive und kreative Aspekte der Rezeption der ägyptischen Jenseitskosmographien des Neuen Reiches im 1. Jahrtausend v. Chr.“ gewährte Dr. Daniel Werning (Humboldt-Universität zu Berlin) einen Überblick der bildlichen und textlichen Rezeption des reproduktiv überlieferten Höhlenbuches. Er konnte in seiner Dissertation belegen, dass eine Szene des Höhlenbuches in der Grabanlage des Petamenophis durch Kollation zweier weiterer Zeugen erzeugt wurde. Da eine der beiden älteren Zeugen eine fehlerhafte Verdoppelung zweier Figuren zeigt, die sich auf die architektonische Gegebenheit des Grabes zurückführen lässt, und sich diese Verdoppelung auch bei Petamenophis findet, vermutet Daniel Werning, dass eher eine Abschrift von einem Grab vorgenommen wurde. Dieser Befund beweist, dass durch Kollation versucht wurde, einen authentischen Text zu erzeugen. Emendationen und moderate Änderungen in der Morpho-Syntax zeigen zudem, dass nicht in die Interpretation des Textes eingegriffen werden sollte. Es lassen sich jedoch auch kreative Aspekte in der Überlieferung des Höhlenbuches nachweisen, wie u.a. die personalisierte Addition in Form von Figuren und Nennung des Grabherren. Auch stellte er die Nutzung der Szenen des Höhlenbuches für das Buch der Erde vor.

Dies wirft unweigerlich die Frage nach dem Aussehen der Vorlagen auf. Prof. Dr. Jochem Kahl (Freie Universität Berlin/SFB 980 TP A02) präsentierte in seinem Vortrag „Siut – Theben – Tebtynis: Zur Tradierung von Texten aus Gaufürstengräbern der Ersten Zwischenzeit und des Mittleren Reiches“ römische Papyri des 2. Jhdts. n. Chr., die im Temenos des Tempels von Tebtynis in den Kellern eines an die Tempelwand grenzenden Hauses gefunden wurden und Bestandteil einer Bibliothek gewesen waren. Auf den fragmentarisch erhaltenen Papyri haben sich keine bildlichen Darstellungen erhalten, doch zeigen sie Textbestände aus den Gaufürstengräbern der Ersten Zwischenzeit und des Mittleren Reiches aus Siut. Die Überlieferung dieser Texte erfolgte jedoch wahrscheinlich erst nach Theben und zu einem späteren Zeitpunkt von Theben ausgehend nach Tebtynis.
Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist, dass es sich um integrale Kopien handelt. Die architektonischen Textträger konnten im Zusammenhang mit dem für sie bestimmten Text erschlossen werden. Die Texte waren vollständig, entsprechend des gezeichneten Architekturteils und des spezifischen Dekorationsmusters angeordnet und durch die Nennung von Namen personalisiert. Da jedoch gerade im Vergleich zu den in Siut befindlichen Parallelen diverse Unterschiede, u.a. im Bereich des lokal üblichen Dekorationsmusters, festzustellen sind, muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei den Tebtynis-Papyri um keine direkten Kopien der Gräber aus Siut handelt. Die Funktion der Tebtynis-Papyri lässt sich als Erinnerungstexte fassen.

Die vorangegangenen, zusammengefassten Vorträge warfen nun zusätzlich die Frage nach den Überlieferungsmedien und ihrer Funktion, sowie terminologischen Benennung auf.

Claudia Reufer (FU Berlin/SFB 980/ TP B04 ) erläuterte in ihrem Beitrag „Tradierung bildlichen Wissens in Musterbüchern der Renaissance“ die Überlieferungsmedien, ihre Funktionen und Verwendung innerhalb eines Tradierungsprozesses. In einer terminologischen Aufarbeitung unterschied sie generell zwischen Skizzen- und Musterbüchern. Das Skizzenbuch, abgeleitet von italienisch schizzare „spritzen, klecksen“ diente dem Entwurf und rekurriert nicht zwingend direkt auf ein vollendetes Werk. Sie verwies beispielhaft auf die berühmten Skizzen des Leonardo da Vinci, die belegen, dass die Anfertigung von Skizzen häufig einer Visualisierung und Vorstellung eines Entwurfs diente.
Das Musterbuch, ebenso Model-book oder Exemplum genannt, war eine Sammlung von Ikonographien und Motiven, die als Vorlagen benutzt werden konnten, was Frau Reufer anhand des Wolfenbütteler Musterbuches aus dem 13. Jahrhundert veranschaulichte. Anhand der Zeichnungen, die zwischen byzantinischen, venezianischen und sächsischen Stilrichtungen einzuordnen sind, zeigt sich zudem die Praxis des Transfers über große räumliche Distanzen hinweg. Auch in der Ausbildungstradition hat es einen besonderen Wert, da Schüler durch Nachahmung, durch das kopierende Zeichnen, das Handwerk zuallererst erlernten, zugleich aber auch eine eigene Sammlung an Musterzeichnungen anlegen konnten. Am Beispiel der Zeichnungsbücher des venezianischen Künstlers Jacopo Bellini, die bildhaft vollendete Zeichnungen beinhalteten, demonstrierte sie, wie sich diese Tradition weiter entwickelte und eine eindeutige Zuordnung als Muster-, Zeichnungs- oder Skizzenbuch häufig unmöglich macht.

Die Problematik, „Vorlagen“ keine genaue terminologische Zuordnung geben zu können, zeigt sich ebenfalls in der Kunstgeschichte, da die Terminologie sich auf die Überlieferungsprozesse und ihre Medien stützt und eine entsprechende Zuordnung belegt werden muss, diese sich jedoch wandeln kann. Für die Ägyptologie zeigt sich am folgenden Beitrag, dass neben dem Fehlen von erhaltenen Vorlagen auch der Umgang mit den Texten eine ein Verständnis für den Prozess erschwert.  

In seinem Vortrag „Tackling Textual and Ritual Syntax. Mechanisms for Textual Adaptation in the Pyramid Texts for the Sixth Dynasty Queens“ thematisierte Dr. Antonio Morales (FU Berlin/SFB 980/ TP A02) die Natur und Funktion funerärer Texte – namentlich Pyramidentexte und Sargtexte, die in der Forschung als Teil derselben Tradition betrachtet werden. Zunehmend tritt auch die Idee eines kontinuierlichen Flusses in den Vordergrund, in dem produktive und reproduktive Formen der Überlieferung koexistierten und nicht nur in der Verbreitung von Materialien sondern auch in der Ausformung der Auffassung von Tradition und Innovation eine kritische Rolle spielten.
Ein weiterer Gegenstand der jüngeren Forschung, der bei der Re-Definition dieser beiden Korpora mitwirkte, ist die Feststellung, dass die ursprüngliche Verortung dieser Texte – ihr Sitz im Leben – nicht die Gräber waren. Das Repertoire von Texten, das in den Pyramiden der Königinnen der sechsten Dynastie gefunden wurde, belegt eine Mittelposition, die die Lücke zwischen der traditionellen Verwendung des Korpus in den Pyramiden der Könige des Alten Reiches und die innovative Verwendung der Texte auf Grabwänden, Särgen und Sarkophagen des Mittleren Reiches überbrückt. Daher – im chronologischen Sinne – fungieren die Pyramidentexte der Königinnen als Drehangel oder Anknüpfungspunkt zwischen zwei Stadien der Evolution der funerären Literatur. Dies ist wesentlich, da die Pyramidentexte der Königinnen in einem architektonischen Milieu benutzt wurden, das von dem stereotypen Plan der Königspyramiden abweicht und sie eher dem Umfeld der Privatgräber und Särge des Mittleren Reiches nahe stehen. Auch wirkt sich das Argument, dass die meisten der Pyramidentexte existierten, bevor sie erstmals auf die Wand der Unaspyramide und seiner Nachfolger geschrieben wurden, darauf aus, wie die Sammlungen, die für die Königinnen zusammengestellt wurden, zu verstehen sind. Das Bewusstsein, dass die auf den Wänden der Pyramiden der Könige und Königinnen ursprünglich von mündlichen Rezitationen und Ausführungen kamen, wirft die Frage auf, ob es ein Grundprinzip hinter der Verkettung von hunderten von Texten gibt, die für jeden König und Königin angefertigt wurden.

In ihrem Vortrag „Dependenz bildlicher Darstellungen in spätzeitlichen Grabanlagen“ thematisierte Michaela Engert (Freie Universität Berlin/SFB 980 TP A02) die Abhängigkeit verschiedener bildlicher Darstellungen. In einem Überblick konnte sie zeigen, dass das Definieren von Parallelen bildlicher Darstellungen durch ihre Variation in der Anordnung häufig erschwert wird. Sie präsentierte zu diesem Zweck die zwei spätzeitlichen Darstellungen der bekannten Handwerkerszene, deren Parallele sich im Grab des Ibi in Deir el-Gebrawi aus dem Alten Reich findet. Die überregionale Verbreitung der Szene bezeugt, dass eine Überlieferung nur mittels eines Überlieferungsträgers möglich war, der die Anordnung der Motive in entsprechender Reihenfolge wiedergab. Da die spätzeitlichen Zeugen jedoch auch ein Abhängigkeitsverhältnis zueinander besitzen, das durch die gemeinsame Verwendung „jüngerer“ Motive zu belegen ist, und die ältere der spätzeitlichen Darstellung weitere Kontaminationen aufweist, wird evident, dass eine „stemmatische Abhängigkeit“ für Szenen des täglichen Lebens nur erschwert realisierbar ist.
Dies lässt sich ebenfalls für eine Opfergabenszene belegen, deren älteste Belege aus der südlichen Opferhalle des Hatschepsuttempels stammen und für die mehrere spätzeitliche Parallelen ausmachen lassen, die die Darstellungen in unterschiedlichem Umfang wiedergeben. Auch lässt sich eine spätzeitliche Teilparallele zu dieser Darstellung feststellen, die einen Material- und Objektwechsel von der Tempel- bzw. Grabwand zu der Dekoration eines Opfertisches vollzieht. Gerade an diesem Beispiel wird evident, dass hinsichtlich des Arbeitsprozesses eine Auseinandersetzung mit den für die Überlieferung zuständigen Personen, mit der Frage nach Vorlagen für bildliche Darstellungen und ihrer Rezeption erfolgen muss, sowie die Betrachtung der architektonischen Gegebenheiten innerhalb der Gräber.

 

Durch das Zusammenführen von Spezialisten, die sich mit der Überlieferung und Überlieferungsmechanismen auseinandersetzen, konnte eine Zusammenschau erzeugt werden, die auf einen vielfältigen Umgang mit den Wissensbeständen, deren Überlieferung, Rezeption und Überlieferungsmechanismen hindeutet. Für die als reproduktiv-überliefert geltenden Pyramiden- und Sargtexte konnte gezeigt werden, dass konzeptionelle Veränderungen in Bezug auf die Spruchfolge und die Verortung einen Hinweis auf die Koexistenz von produktiven und reproduktiven Formen der Überlieferung geben. Auch für die Rezeption des Höhlenbuches konnten kreative Aspekte der Überlieferung durch die Addition von Figuren und Texten, sowie die Verwendung der Szenen für das Buch der Erde gezeigt werden. Einmalig ist der Befund, dass Teile des Höhlenbuches mittels neuer Phrasen kreativ zu einem neuen Text geformt wurden.

Für die bildlichen Darstellungen zeigt sich, dass sich neben Anpassungsprozessen, die auf die architektonischen Gegebenheiten zurückzuführen sind, durch „Kontaminationsprozesse“ neue Darstellungen erzeugt wurden. Für die sich anschließende Frage nach den Vorlagen konnte durch die Präsentation von Ostraka eine Lücke innerhalb des Arbeitsprozesses geschlossen werden. Die Nahtstelle der auf philologisch und künstlerische Arbeit hinweisenden Befunde findet sich in der Existenz von integralen Kopien.