Cum Lacedaemonius quidam (…) – Akteurspezifischer Wissenstransfer in anekdotischen Narrativen

Gemeinsamer Studientag der SFB-Teilprojekte A03 "Der Transfer medizinischer Episteme in den ‚enzyklopädischen‘ Sammelwerken der Spätantike" und B07 "Die Anekdote als Medium des Wissenstransfers", 22.-23.05.2019

29.01.2020

Studientag

Studientag

Bericht von Sophie Buddenhagen
 

Als interdisziplinäre Kooperationsveranstaltung des medizinhistorischen und des latinistischen Teilprojektes war es das Ziel dieses Studientages, der wechselseitigen Abhängigkeit von Episteme und Akteuren in anekdotischen Narrativen und den daran gekoppelten Transfers von Wissen nachzugehen.

Prof. Dr. Michael Niehaus (FernUniversität Hagen) eröffnete den Studientag am 22.05.2019 mit seinem Vortrag „Das Feld des Anekdotischen. Ein Strukturierungsversuch“ und widmete sich dem Spannungsverhältnis der Anekdote zwischen ihren definitorischen Polen. Niehaus sieht die „sprechende“ und die „stumme Anekdote“ als Gegenspieler in Bezug auf den Definitionsgegenstand der Anekdote; so sei die sprechende Anekdote vor allem durch ihre Form, die stumme hingegen vor allem durch ihren Stoff definiert. Demzufolge positioniert sich die Anekdote laut Niehaus zwischen dem definitiven dictum und dem „historischen Splitter“, wie er ihn nennt, der nur erzählt werden kann. 

Am 23.05.2019 führten Ricarda Gäbel (HU Berlin) und Dr. Lennart Lehmhaus (FU Berlin) mit Impulsreferaten aus medizinhistorischer Perspektive und Matthias Grandl (FU Berlin) und Sophie Buddenhagen (FU Berlin) aus latinistischer Perspektive in das Gespräch mit Herrn Niehaus ein.

In seinem ersten Impulsbeitrag ging Matthias Grandl (FU Berlin) dem Phänomen der ‚anonymisierten‘ Anekdote in Ciceros Schrift Tusculanae disputationes nach. Seine These war, dass die Anekdote gerade an jenen Stellen zu einer besonders demokratischen und eine breite Gemeinschaft von Rezipienten angehenden Erzählform wird, wo deren Protagonisten ihre Namen und Individualität verlieren und damit (stereo-)typisiert werden. Dieses Phänomen der ‚Ent-Individualisierung‘ zeitige – folge man Ciceros einschlägiger Strategie – eine Generalisierung der in Anekdoten vermittelten Wissensinhalte (zum Beispiel dient eine Reihe von ‚anonymisierten‘ Todesanekdoten der Darstellung der universal gültigen condicio humana); außerdem entstünden so gewissermaßen verallgemeinerte Anekdoten, die ein  Autor/Rhetor als wiederverwendbaren, ja ‚topischen‘ Baublock nutzen könne und die von sprichwörtlichem oder aphoristischem Wissensgut nicht weit entfernt seien. In einem zweiten Impulsreferat nahm Matthias Grandl am Beispiel von Hans Blumenbergs Monographie „Das Lachen der Thrakerin“ (1987) über den Brunnensturz des Thales insbesondere die weibliche Titelheldin in den Fokus und zeigt, wie eng die Wirkweisen der Anekdote mit dem spezifischen Akteur verbunden sind; schon Blumenberg mache deutlich, dass jegliche Aspekte der Thrakerin (ihre Rolle als Akteurin, ihre Nationalität oder ihr sozialer Status als Magd) von enormer Relevanz sind. Zuletzt erinnerte Matthias Grandl angesichts des Titels der Veranstaltung daran, dass – gerade unter Rückgriff auf alle Dimensionen von Bruno Latours Begriff des Akteurs – auch die Anekdote selbst als nicht anthropomorphe Akteurin innerhalb von Texten und argumentativen Strategien beachtenswert ist; gerade auch an Blumenbergs Text lasse sich zeigen, wie die Anekdote aktiv am Lauf ihrer Rezeption mitarbeite – Formulierungen wie die „Rivalität“ zweier Anekdoten, die Erzeugung von „Gegenanekdoten“ durch Anekdoten oder andere Personifizierungen seien nur einige Beispiele für die dort beobachtbare Rhetorik.

 Der sich anschließende gräzistische Impulsbeitrag von Ricarda Gäbel widmete sich der Frage, ob und in welcher Form Anekdoten in dezidiert medizinischen Fachtexten zu finden seien. Es konnte gezeigt werden, dass vor allem die Schriften des bekannten antiken Arztes Galen von Pergamon (2. Jhd. u. Z.) reich an anekdotischem Material sind, während die Kompilationen der spätantiken Ärzte Oribasius von Pergamon (4. Jhd. u. Z.), Aetius von Amida (6. Jhd. u. Z.) und Paulus von Aegina (7. Jhd. u. Z.) nahezu nichts Vergleichbares bieten. Dieser Befund ließ sich auf die unterschiedlichen Zielsetzungen un

d literarischen Strategien der dargestellten Werke zurückführen: Denn während die spätantiken Kompilatoren ihre Werke offenbar stark auf die praktische Nutzbarkeit des dargelegten Medizinwissens ausrichteten und dabei als Autoren meist nicht durch persönliche Äußerungen in der ersten Person in Erscheinung treten und nur in äußert seltenen Fällen Fallstudien aus der ärztlichen Praxis präsentieren, sind die galenischen Medizintexte auch gespickt mit derartigen Fallstudien, rhetorischer Stilistik und Selbstreferenzen. Anekdotisches findet sich daher häufig in Form von rhetorisch ausgefeilten Berichten über Galens erfolgreiche Behandlungen von Kranken und dient somit zur Illustration der medizinischen Brillanz Galens. Es konnten ferner auch Textstellen aus dem galenischen Corpus präsentiert werden, in denen sich für die Anekdote typische Elemente wie die Darstellung eines verwunderlichen, erstaunlichen und gegen die Erwartung der Rezipienten arbeitenden Sachverhalts nachweisen lassen.

Die große Bedeutung anekdotischer Narrative für den Transfer, aber auch die Autorisierung insbesondere therapeutisch-pharmazeutischen Wissens in spätantiken jüdischen Traditionen wurde im Beitrag von Dr. Lennart Lehmhaus herausgearbeitet. Talmudische Diskussionen neigen dazu, medizinisches Fachwissen in Anekdoten zu vermitteln, deren Protagonisten meist die rabbinischen Gelehrten selbst – als Patienten, Ratgeber oder gar Praktiker – sind, zuweilen in der Interaktion mit nichtrabbinischen oder nichtjüdischen ExpertInnen. Gestützt auf Überlegungen von Rüdiger Zill („Minima historia. Die Anekdote als philosophische Form“, in: Zeitschrift für Ideengeschichte VIII/3 (2014): 33-46) wurde gezeigt, dass diese medizinische Anekdote dem mündlichen Charakter der rabbinischen Tradition entgegenkommt. Bildhaft-konkret interagieren diese oft mit allgemein-theoretischen Leitsätzen oder Aphorismen zur Gesundheit, ohne reine Illustration zu sein. Dieser epistemische Mehrwert widerspricht dabei dem oft postulierten singulären Charakter der Anekdote und nähert die rabbinische Variante medizinischen Fallgeschichte an, die mit den Genres der Rezepte und Kommentare interagiert. Dabei zeigen sich auffällige Ähnlichkeiten zu der Funktion für die Wissensproduktion, wie sie Gianna Pomata in ihren diachronen Studien zu diesen Formen analysiert hat („The Medical Case Narrative: Distant Reading of an Epistemic Genre“, Literature and Medicine 32, 1 [2014]: 1-23). Für den Wissenstransfer in und innerhalb des später als autoritativ geltenden rabbinischen Traditionscorpus fungieren die Anekdoten, wie Lehmhaus betonte, zudem als diskursive Instrumente der Legitimation. Zum einen dienen Anekdoten, vergleichbar mit sogenannten efficacy labels/phrases in antiken Medizintexten, dem Nachweis erfolgreicher und vertrauenswürdiger Therapien, der oft von besonders angesehenen rabbinischen Gelehrtenfiguren erbracht wird. Zum anderen erleichtert die doppelt performative Darstellung von Rabbinern als Dialogpartnern und Träger solchen Spezialwissens die Legitimation technischer Episteme in religionsgesetzliche Wissenscorpora des spätantiken Judentums.

Abschließend führte Sophie Buddenhagen ihre Überlegungen zu den Akteuren der Anekdote unter Zuhilfenahme einiger Überlegungen der Akteur-Netzwerk-Theorie aus. So gibt es in der Akteur-Netzwerk-Theorie die Überlegung, Akteure als eine Art Knoten von Kommunikation zu verstehen, sodass die konstitutive Ebene von Netzwerken, die zwischenmenschliche Beziehung, in den Fokus trete. Laut den Überlegungen der Akteur-Netzwerk-Theorie lassen sich Situationen als Auslöser für Begebenheiten und somit anekdotische Schilderungen begreifen. Der netzwerkanalytische Fokus auf Kommunikation greift Buddenhagen Zufolge die Bedeutung des Oralitätscharakters von Anekdoten auf und schreibt unterschiedlichen Aspekten der Akteure je nach Netzwerk verschiedene Relevanzen zu. So sind für die Anekdote mitunter weniger die Akteure als Person als vielmehr ganz bestimmte Ausschnitte ihrer Persönlichkeiten interessant und relevant. Dies hat sie auch an einigen Textbeispielen der suetonischen Kaiserviten verifiziert: So werden beispielsweise in manchen Anekdoten die Akteure nicht namentlich eingeführt, sondern lediglich über ihre Funktionsbezeichnung (bspws. „Ritter“) vorgestellt, weil dies der maßgebliche Aspekt des Akteurs ist. Dies bestätigt die Annahme, dass für das Gelingen der Pointe die soziale Stellung der Akteure entscheidend beteiligt sei.

Zusammenfassend ergab sich in den Diskussionen, dass die vermeintliche Marginalität der Anekdote sich mit der sozialen Stellung der beteiligten AkteurInnen engführen lasse und sich ihre Pointe erst im Kontext durch Manifestation der In-/Outgroup entfalten könne. Durch die Akteure wird die Anekdote maßgeblich beeinflusst und gestaltet.