Cum Lacedaemonius quidam (…) – Akteurspezifischer Wissenstransfer in anekdotischen Narrativen

22.05.2019 - 23.05.2019
Studientag

Studientag

Gemeinsamer Studientag der SFB-Teilprojekte A03 "Der Transfer medizinischer Episteme in den ‚enzyklopädischen‘ Sammelwerken der Spätantike" (Leitung: Prof. Dr. Philip van der Eijk) und B07 "Die Anekdote als Medium des Wissenstransfers" (Leitung: Prof. Dr. Melanie Möller)

 
Im Rahmen dieses Studientags soll der wechselseitigen Abhängigkeit von Episteme und Akteuren in anekdotischen Narrativen und den daran gekoppelten Transfers von Wissen nachgegangen werden. Lässt sich die scheinbare Marginalität dieser kleinen Erzählform innerhalb großer Narrative mit der sozialen Stellung der in ihr auftretenden Figuren engführen, oder können Anekdoten und das in ihnen transportierte Wissen gerade durch die historische oder gesellschaftliche Relevanz ihrer Akteure an Signifikanz und Geltung gewinnen? Welche Schattierungen und Negationen erfährt Wissen im Blick auf die Protokolle der Anekdoten-Protagonisten? Als besonders fruchtbar erweist sich diese Fragestellung zum Beispiel für die Interpretation der Thales-Anekdote in Hans Blumenbergs „Das Lachen der Thrakerin“, wo auf die Implikationen von Stand und Geschlecht der Protagonistin für das Verständnis und die Rezeption des Miniaturnarrativs verwiesen wird.

Theoretische Impulse werden dabei sowohl durch ausgewählte Lektüren der Akteur-Netzwerk-Theorie (u.a. Bruno Latour, John Law) als auch durch die Begriffsarbeit der SFB-internen Konzeptgruppe ‚Wissensoikonomien‘ erfolgen. Inwiefern können Anekdoten zur Konsolidierung einer bestehenden Wissensoikonomie und zur Bildung einer exklusiven ingroup beitragen? Oder erlaubt es die Anekdote vielmehr, auch ‚exotischem‘ Wissen, vermittelt durch Fremde oder sog. outsiders, Raum in Text und oikos zu geben? So lässt sich in talmudischen medizinischen Texten beobachten, dass Wissen über Medizin und Rezepte gerade in Begegnungen mit (aufgrund ihrer Ethnizität, Religion oder ihres Geschlechts) Randständigen vermittelt wird.

Ebenso möchte dieser Studientag einmal mehr auf die in der Forschung breit diskutierte Abgrenzung der Anekdote von der narrativen Kleinform des exemplum eingehen. Sind die anekdotischen Akteure als besondere Individuen Ausdruck eines Einzelfalls oder erscheinen sie im Gegenteil als Typen exemplarischer Handlungen? Anders gefragt: Ergeben sich gerade durch Strategien der Individualisierung, Typisierung, Anonymisierung oder gar Stereotypisierung Transfers des dargestellten Wissens? In Ciceros philosophischen Schriften fällt beispielsweise eine strenge Individualisierung und historische Identifizierung von Anekdoten-Protagonisten ins Auge. Dies schürt nachgerade die Überprüfung des vermittelten Wissens und der argumentativen Strategie derjenigen Anekdoten, in denen Cicero in seltenen Fällen auch einmal nur „irgendeinen (namenlosen) Spartaner“ (s. Veranstaltungstitel) auftreten lässt.

Die genannten Frageperspektiven sollen dabei im Spiegel konkreter Fallbeispiele aus medizinischen Texten der griechisch-römischen sowie talmudischen Tradition, aus den biographisch-historiographischen Kaiserviten Suetons und aus Ciceros philosophischen Schriften beleuchtet werden. Dabei gilt es auch, das vom Teilprojekt B07 entwickelte theoretische Gerüst der Epistemologie der Anekdote fortzuführen und seine Eignung für die Erschließung anderer Textcorpora zu erproben.

Unser Gast Michael Niehaus wird den Studientag mit seinem Vortrag "Das Feld des Anekdotischen. Ein Strukturierungsversuch" am Vorabend einleiten und mit seiner theoretischen Expertise als zentraler Gesprächspartner die Impulse des Studientags mit uns diskutieren. 

Michael Niehaus ist seit 2014 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts, der Erzähl- und Interpretationstheorie sowie der intermedialen Narratologie, der Theorie der Subjektposition und narrativen Strukturen. Neben der Anekdote hat er ebenfalls zum Beispiel, zum Protokoll und zur Mikro-Narration geforscht und publiziert.
  

Zur Diskussion ganz herzlich eingeladen sind natürlich alle SFB-Mitglieder und andere am Thema Interessierte.
  

Zeit & Ort

22.05.2019 - 23.05.2019

Sitzungsraum der SFB-Villa, Schwendenerstraße 8, 14195 Berlin-Dahlem

Weitere Informationen

Um Anmeldung bei Sophie Buddenhagen (sophie.buddenhagen@fu-berlin.de) wird gebeten.