Erzählungen von Alexander zwischen Asien und Europa

Interdisziplinärer Workshop veranstaltet vom Teilprojekt B02 „Das Wunderbare als Konfiguration des Wissens in der Literatur des Mittelalters“ (F. Quenstedt, T. Renz), 01.–02.10.2014

07.07.2015

Alexanders Greifenflug

Alexanders Greifenflug

Bericht von Falk Quenstedt und Tilo Renz, unter Mitarbeit von Peter Baltes

An diesem interdisziplinären Workshop mit Schwerpunkt bei den philologischen Disziplinen waren die Fächer Arabistik, Germanistische Mediävistik, Iranistik, Judaistik und Kunstgeschichte beteiligt. Neben den Mitgliedern des Sonderforschungsbereichs 980 haben auch Gäste von der Freien Universität Berlin, der Universität Zürich und der Goethe-Universität Frankfurt am Main zum Programm beigetragen.

Den Ausgangspunkt des Workshops bildeten zwei Charakteristika vormoderner Erzählungen über Alexander den Großen: Zum einen erscheint Alexander von der Spätantike bis ins späte Mittelalter nicht nur als Eroberer der Welt, sondern auch als ihr ‚Erforscher‘. Dabei begibt er sich in eine unbekannte geographische Ferne und gelangt zudem in Grenzbereiche des Göttlichen. Zum anderen sind Erzählungen über Alexander nicht auf einen bestimmten Sprach- oder Kulturraum beschränkt, sondern werden in ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen tradiert. Vor diesem Hintergrund verfolgte der Workshop vor allem zwei Fragestellungen: Erstens ging es darum, Unterschiede und Parallelen herauszuarbeiten, die sich aus der Tradierung von Erzählungen über Alexander in differente kulturelle Zusammenhänge ergeben. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf die Möglichkeit gelegt, dass solche Parallelen nicht nur auf gemeinsame antike Grundlagen, sondern auch auf synchrone Transfers hindeuten können. Es ging damit letztlich um die textgeschichtliche Frage nach verlässlichen Indikatoren für synchrone Transfers zwischen unterschiedlichen Alexandertraditionen. Die zweite leitende Fragestellung zielte auf die Darstellungsebene, nämlich auf die je unterschiedlichen Inszenierungen von Wissensstreben und Wissenserwerb der Figur Alexanders, sowie auf die Grenzen und Lizenzen dieses Tuns.

Fragestellungen und Arbeitsform des Workshops:

Die verschiedenen Traditionen der Erzählungen von Alexander, die in Spätantike und Mittelalter rund um das Mittelmeer bis weit in die Kontinente hinein in Erscheinung treten, wurden vor allem durch den Alexanderroman des Ps.-Kallisthenes geprägt, der wahrscheinlich im 4. Jh. in Alexandria entstanden ist. Die komparatistisch ausgerichtete Forschung, die diese verschiedenen, kulturell und sprachlich differenten sowie räumlich teilweise distanten Traditionen vergleichend betrachtet, hat immer wieder Parallelen zwischen ihnen aufgezeigt und dabei auch auf Austauschprozesse geschlossen (zuletzt Stoneman 2008). Aus diesem Grund sind Erzählungen von Alexander hervorragend geeignet für die Untersuchung transkultureller Transfers in der Vormoderne. Zudem gibt eine jüngere Gesamtdarstellungen einen Überblick über die unterschiedlichen Alexandertraditionen (Zuwiyya 2011) und erleichtert damit Untersuchungen potentieller Transfers; das gilt auch für eine jüngst erschienene Arbeit zur mehrsträngigen und facettenreichen arabischen Alexandertradition (Doufikar-Aerts 2010).

In der Einführung zum Workshop stellten die Organisatoren unter dem Titel „Eine Heuristik des Transfers“ Begriffe und Kriterien zur Diskussion (Motive, Topoi, narrative Sequenzen), die herangezogen werden können, um Korrespondenzen und Transfers zwischen Texten zu beschreiben, die in räumlich weit voneinander entfernten Regionen entstanden sind und durch religiöse und kulturelle Grenzziehungen als voneinander getrennt begriffen werden. Angesichts der fragmentierten Überlieferungslage, die textgeschichtliche Rekonstruktionen in nur sehr eingeschränktem Maße erlaubt, stellt sich hier die Frage, ob sich Evidenzen für synchrone Austauschprozesse auf der Textebene ausmachen lassen. Ein erstes Indiz für solche Transferprozesse können, so die Veranstalter, Übereinstimmungen zwischen zwei Alexandererzählungen sein, von denen eine von der Tradition, in der sie steht, abweicht. Derartige Parallelen hinsichtlich eines in der einzelnen Alexander-Überlieferung ungewöhnlichen Motivs (oder Motivelements) können den Ausgangspunkt bilden, um nach weiteren Korrespondenzen zwischen zwei Texten zu fragen. Als Beispiel für solche Zusammenhänge wurde die Episode von Alexanders Greifenflug angeführt, die nicht von Anfang an in der Tradition des Alexanderromans erscheint, ab etwa 1000 n. Chr. aber gleichzeitig in Texten Verbreitung findet, die weit voneinander entfernt entstehen.

Die zweite Leitfrage richtete sich auf literarische Konfigurationen von Wissen: Alexander unterwirft nicht nur große Teile des Erdkreises, sondern er erkundet diesen auch, wie vor allem während seiner Reise bzw. seines Feldzuges durch den fernen Osten deutlich wird. Wie ist das Wissen beschaffen, das Alexander in den verschiedenen Texten und Texttraditionen auf seiner Reise erwirbt? Um welche Wissensgehalte und Themen handelt es sich? Welche Kultur-, insbesondere Religions-spezifischen Grenzen und Lizenzen von Wissenserwerb und Wissensstreben thematisieren die Texte dabei? Wie wird Wissenserwerb inszeniert und damit auch ästhetisiert? Und – sofern das historisch rekonstruiert werden kann – welche Wirkung soll damit erzielt werden?

Um diesen Fragen während des Workshops eng am Material nachgehen zu können und um den Austausch über Texte mit sehr unterschiedlicher disziplinärer Zuständigkeit zu erleichtern, wurde im Vorfeld des Workshops ein Reader zusammengestellt und allen Beteiligten zugänglich gemacht. Die Teilnehmenden wählten dafür Ausschnitte aus den Primärtexten aus, denen ihre Präsentation gelten sollte. Auf dem Workshop wurde nach einer kurzen Einführung durch die jeweilige Verantwortliche oder den Verantwortlichen über die bereitgestellten Textauszüge diskutiert. Um die Frage nach räumlichen Transfers dabei stets im Blick behalten zu können, hatten die Organisatoren eine Karte erarbeitet, die die Entstehungsorte der besprochenen Texte, verschiedene Verbreitungsräume der Traditionen sowie die Haupttransferwege der Texte verzeichnete.

Diskussionsschwerpunkte und Perspektiven

Im Verlauf des Workshops wurden mehrere Schwerpunkte der Diskussion deutlich, die die genannten zentralen Fragestellungen um weitere Aspekte ergänzten: 1) Eine grundsätzliche Ambivalenz der Alexander-Figur sowie Versuche, diese in jeweils relevante kulturelle, d.h. religiöse, soziale und politische Kontexte zu integrieren. 2) Die Verbindung von Wissen und Wissenserwerb nicht nur mit unterschiedlichen Lizenzen und Funktionalisierungen der Neugier des Herrschers, sondern auch mit Machtdiskursen im Allgemeinen. 3) Das Problem, Transfers zwischen Texten nachzuweisen, und insbesondere die Frage, ob sich dieser Nachweis auf die Ebene der Motive stützen kann. Da die drei Aspekte miteinander verflochten sind, werden sie in der folgenden Darstellung nicht streng voneinander getrennt, sondern es wird im Gegenteil immer wieder auf Verbindungen zwischen ihnen hingewiesen.


1) Ambivalenz und Integration

In sämtlichen Texten, die auf dem Workshop diskutiert wurden, ist die Alexanderfigur durch Ambivalenz gekennzeichnet. Stark vereinfacht ausgedrückt werden Alexander Züge eines vorbildlichen Herrschers zugesprochen, zugleich wird aber auch die Maßlosigkeit seines Eroberungs- und Wissensstrebens kritisch herausgestellt. Die Koordinaten dieser Ambivalenz können verschiedenartig ausgeprägt und gewichtet sein; sie weisen aber in den unterschiedlichen Darstellungszusammenhängen Ähnlichkeiten auf.

Im persischen Kontext etwa, der anhand des Šāhnāme (entstanden in Tūs, um 1000) diskutiert wurde – den Alexander- bzw. ‚Sekandar‘-Teil des persischen ‚Buchs der Könige‘ und seinen Autor Ferdousī stellte Farifteh Tavakoli-Borazjani (FU, Iranistik) vor – stehen sich ein sehr negatives und ein positives Alexander-Bild gegenüber. Das negative Bild sieht Alexander als Mörder des persischen Königs Dara (Darius) und der gesamten Aristokratie, als Vernichter der heiligen Schriften und Feuertempel des Zoroastrismus sowie als Mörder zoroastrischer Priester, der Träger eines körpergebundenen religiösen Wissens. Alexander erscheint damit als Inkarnation des Bösen und Vernichter persischer Kultur.

Diesem negativen steht ein positives, von muslimischen Autoren geprägtes Bild Alexanders als idealer Herrscher gegenüber: Ferdousī, der den spätantiken Alexanderroman über eine syrische und/oder mittelpersische Übersetzung rezipiert, reiht Alexander in die historische Kette persischer Könige ein. Dafür muss die Erzählung von Alexanders Herkunft verändert werden: In der griechischen Romanversion ist Alexander der Sohn des von den Persern vertriebenen ägyptischen Pharaos und Zauberers Nektanabos und der makedonischen Königin Olympias. Vor König Philipp, dem Ehemann Olympias’, kann das geheim gehalten werden; er sieht in Alexander seinen Sohn und Nachfolger. Bei Ferdousī hingegen ist Alexander der eheliche Sohn der Tochter Philipps und des persischen Königs Darab. Dieser verstößt seine Frau jedoch und schickt sie zurück nach Griechenland (‚Rum‘), nicht wissend, dass sie schwanger ist. Alexander (‚Sekandar‘) wächst zwar am griechischen Hof Philipps auf, ist aber ein Sohn des persischen Königs und damit – nach dem Sieg über seinen Halbruder Dara (Darius) – rechtmäßiger Erbe des persischen Throns. Er wird vom Usurpator (negatives Bild) zum legitimen Nachfolger (positives Bild). Eine Erzählung, die den Anspruch vertritt, historische Wahrheit widerzugeben, wird hier zum Instrument der Integration Alexanders in die persische Herrschergenealogie.

Vergleichbares findet sich in anderen Texten: Für die monotheistischen Kulturen des Mittelalters ist der antike Alexander ein polytheistischer, ‚heidnischer‘ Fremder. Auffällig ist jedoch in verschiedenen der im Workshop behandelten Texte, dass Alexander nicht nur im Sinne der Heilsgeschichte handelt (was er ja auch als ‚Heide‘ könnte), sondern dass er dies auch unter Berufung auf den jeweiligen monotheistischen Gott tut und dass er zu diesem Gott betet – beispielsweise im Alexander Rudolfs von Ems (östlicher Bodenseeraum, um 1240). Alexander erscheint in diesem Text – den Mireille Schnyder (Universität Zürich, Germ. Mediävistik) vorstellte – als ein Proto-Christ. Auf sein Gebet hin versetzt Gott einen Berg und ermöglicht dem Makedonen so, eine Mauer aus dem staunenswerten unzerstörbaren Zement Absichiton zu bauen und die Völker Gog und Magog zwischen zwei Gebirgszügen einzuschließen. In der jüdischen und arabischen Tradition findet sich Vergleichbares: Alexander wird zu einem Freund der Juden bzw. einem Proto-Muslim stilisiert. Im Sefer Aleksandros Mokdon (hebräisch, Rheinland, um 1325) – in die jüdische Alexander-Tradition führte Saskia Dönitz (Freie Universität Berlin und Goethe-Universität-Frankfurt, Judaistik) ein – besucht Alexander Jerusalem, wirft sich dem Hohepriester zu Füßen und erkennt den Tempel als Haus Gottes an. Diese Episode eines ‚Besuchs in Jerusalem‘, die ursprünglich auf Flavius Josephus zurückgeht, findet sich auch in anderen Texten der jüdischen Tradition und erscheint ebenfalls in späteren Rezensionen des griechischen Alexanderromans. In at-Taʿlabīs Qisas al-anbiyāʾ (‚Prophetenerzählungen‘, Nischapur, um 1000), die Ismail Mohr (SFB 980, Arabistik) präsentierte, baut Alexander auf staunenswerte Weise in Jerusalem eine Moschee und in Übereinstimmung mit der koranischen Prophetenfigur Dhū l-Qarnain (Sure 18, 83-98), die ihrerseits in der Kommentartradition mit Alexander dem Großen identifiziert wurde, errichtet er im Rückgriff auf als wundersam gekennzeichnetes und zugleich detailliert beschriebenes technisches Wissen die schon angesprochene Mauer gegen die Völker Yaʾǧūǧ und Maʾǧūǧ (Gog und Magog).

 

2) Wissen, Macht, Neugier und Verwunderung

Es war ein Hauptanliegen des Workshops, die vielfältigen Verbindungen der Alexander-Erzählungen zu verschiedenen Aspekten von Wissen zu diskutieren und hier Spezifika dieses Verhältnisses in den unterschiedlichen Texten zu identifizieren und miteinander zu vergleichen. Im Rahmen der Einführungen der Teilnehmenden und des Abendvortrags sowie der Diskussion der ausgewählten Texte zeigte sich eindrücklich, dass Wissen hier in vielfältiger Weise virulent ist. Die Aufnahme von Wissensbeständen in narrative Zusammenhänge, Darstellungen und Problematisierungen von Wissenserwerb sowie wirkungsästhetische Dimensionen, die an Wissen und Erkenntnis geknüpft sind, erscheinen dabei häufig im Zuge der Inszenierung und Verhandlung von Neugier und in dargestellten oder evozierten Momenten der Verwunderung. Diese wiederum stehen – mit Blick auf die Figur Alexanders als Welteroberer kann das nicht überraschen – in beinahe sämtlichen Fällen im Zusammenhang mit Macht- und Herrschaftsfragen. Nichtsdestotrotz werden Erkenntnisprozesse in einzelnen Texten und bildlichen Darstellungen auch weitgehend um ihrer selbst willen zum Gegenstand der Darstellung; dies vor allem im arabischen und persischem Kontext. In den Darstellungen könnenferner wirkungsästhetische Effekte hervortreten, wie in Illustrationen des Šāhnāme, oder theoretische Interessen verfolgt werden, wie in der philosophischen Bildungserzählung des Ibn Tufail.

Zunächst zum Verhältnis von Neugier und Macht: Alexanders Neugier ist in der Mehrzahl der Texte nicht nur im Zusammenhang seiner Eroberungen und damit als Teil der Thematisierung von Macht und Herrschaft zu sehen, sondern wird mit dem Motiv der Herrscherhybris verknüpft und ist daher auch mit den religiösen Implikationen eines jeweiligen Textes verbunden. Hier eröffnet sich ein gewisser Spielraum für Neugier-Darstellungen und ihre Funktionalisierungen: Während bei at-Taʿlabī der Bau der Mauer gegen die ‚unreinen Völker‘ mithilfe technischen Wissens geleistet wird, markiert Rudolf von Ems an dieser Stelle, obwohl Alexander im Sinne der Heilsgeschichte handelt, gerade seine Hybris: Erst nach einem schamerfüllten Bittgebet ist ihm der Bau möglich.

Die Verbindung von Wissen und Macht zeigt sich auch darin, dass Alexander in seiner Rolle als Herrscher über personale Wissensträger verfügen kann. So erscheinen etwa in Ulrichs von Etzenbach Alexander (Prag, um 1285) immer wieder Gelehrte mit unterschiedlichen Zuständigkeiten. Laut Ralf Schlechtweg-Jahn (FU Berlin, Germ. Mediävistik), der den Text vorstellte, zeichnet sich Ulrichs Alexander vor allem durch eine konsequente Höfisierung, also durch eine ‚kulturelle Übersetzung‘ in soziale Ordnungs- und literarische Gattungsmuster der zentraleuropäischen höfischen Kultur, aus. Bei der Beschreibung von Alexanders Tauchglocke zeigt der Text großes Interesse für technische Details (Dämmmaterial, Luftzufuhr) und bemüht sich darum, die Funktionalität der Vorrichtung plausibel zu machen. Er beruft sich dabei auf ein Expertenwissen, über das Alexander durch Gelehrte an seinem Hof verfügt. Besonders im Vergleich mit Rudolf von Ems wird deutlich, dass dieser Text die religiöse Dimension zurücktreten lässt. Das führt zu eigenen Akzentsetzungen, die zum Beispiel beim Greifenflug-Motiv sichtbar werden: Hier geht es weniger um die Hybris des Herrschers als um den imaginierten Blick zurück aus der Höhe auf eine zunehmend distanzierte Erde (mit der Welt droht auch der Erfahrungsraum des Wunderbaren abhanden zu kommen, wie die Figur selbst konstatiert). Allein dass die Kraftreserven der Greifen, die das Fluggerät tragen, erschöpft sind, zwingt Alexander zur Rückkehr – ganz ähnlich beim Flug des Kay Kavus im Šāhnāme – und nicht etwa eine numinose Grenzmarkierung (die Stimme Gottes, eine Engelsgestalt), wie es in vielen anderen Versionen des Motivs und auch schon in seinem mutmaßlichen talmudischen Prätext der Fall ist. Die Höfisierung zeigt sich hier daran, dass Alexander mit Hilfe des Fluggeräts vom Hofstaat ungesehen im Garten der ‚orientalischen‘ Königin Candacis landen kann, die in diesem Text deutlich als Minnedame gestaltet ist. Damit hat die Greifenflug-Episode bei Ulrich von Etzenbach nun die zusätzliche Funktion und Pointe, ein Rendezvous zu ermöglichen.

Eine besondere Form von Wissen wird auf Alexanders Machtstreben bezogen. Es handelt sich um eine Wissensmodalität, die sich dem weltlichen Herrscher entzieht und entziehen muss, weil sie häufig mit ‚Weisheit‘ und Distanz zum Streben nach irdischen Gütern in Verbindung gebracht wird. In der westlichen Überlieferung ist die Konfrontation Alexanders mit einem derartigen Wissen aus der Episode über die Begegnung des Makedonenherrschers mit den indischen Brahmanen bekannt, die nur das Nötigste zum Leben haben. So zeigt sich zum Beispiel im Straßburger Alexander (frühes 13. Jahrhundert) im Zusammentreffen Alexanders mit Mitgliedern der östlichen Gemeinschaft, die hier Occidraten heißen, dass der große Eroberer mit ihrem Verzicht auf weltliche Güter nichts anfangen kann. Auf die Bitte der Fremden, ihnen mit seiner Machtfülle ewiges Leben zu geben, reagiert Alexander zornig, denn sie weist ihn auf die Grenzen seiner Macht hin.

In der arabischen Alexandertradition wird der Herrscher selbst mit dem Genre der Weisheitssprüche und mit der besonderen Form von Wissen, die sie vermitteln, in Verbindung gebracht: zum Beispiel in den Nawadir al-Falasifa (Bagdad, 9. Jh.) des Gelehrten, Arztes und Übersetzers Hunain ibn Ishaq – Nora K. Schmid (SFB 980, Arabistik) stellte den Text, seine kulturgeschichtliche Verortung in der arabischen Übersetzungsbewegung sowie seine späteren Transferwege in den westlichen Mittelmeerraum vor. Eine knappe Erzählung über den bevorstehenden und dann eintretenden Tod Alexanders dient diesem Text dazu, zahlreiche Spruchweisheiten – von Alexander selbst und von verschiedenen Philosophen und Weisen – über die Themen Sterben und Tod zusammenzustellen. In al-Andalus, dem muslimischen Spanien des Mittelalters, gelangten Texte dieser Art in die hebräische und spanische Literatur; über Petrus Alfonsi (frühes 12. Jh.) in veränderter Form in lateinische Texte und über diese möglicherweise auch in den bereits erwähnten Straßburger Alexander, in dem an Alexanders Grab ebenfalls Spruchweisheiten und Gleichnisse erscheinen, die in der französischen Vorlage dieses mittelhochdeutschen Textes noch nicht vorkommen.

Verschiedene Beiträge zum Workshop befassten sich mit der Frage nach Wissensstreben und Wissenserwerb in Episoden der Alexandertraditionen, die nicht unmittelbar einen Bezug zu Fragen von Macht und Herrschaft herstellen. Grundlegend für die Schilderung des Strebens nach und des Erwerbs von Wissen scheint in den unterschiedlichen Texten die Verknüpfung mit Momenten der Verwunderung und der Konfrontation mit dem Nicht-Wissen (im Sinne von ignorantia) zu sein. Dabei können die literarischen Darstellungen ganz unterschiedliche Aspekte von Unwissenheit und Staunen betonen. So wurde Alexander auf dem Workshop zum Beispiel mit Blick auf die arabische Spruchdichtung eine uneingeschränkte Freude am Wunderbaren attestiert. Der Darstellung von Verwunderung in literarischen Texten (oder bildlichen Darstellungen) kann eine wirkungsästhetische Dimension bzw. eine Reflexion der Wirkung des jeweiligen Textes (oder Bildes) eingeschrieben sein.

Der kunstgeschichtliche Abendvortrag verfolgte unterschiedliche Wirkungsästhetiken mit Blick auf Erkenntnisvorgänge anhand europäischer und persischer Bildtopoi. Vera Beyer (SFB 980, Kunstgeschichtliches Transferprojekt) widmete sich dem Vergleich von Darstellungen einer Szene am Hof der Candace in Illustrationen spätmittelalterlicher Manuskripte des Roman d’Alexandre en prose einerseits und Darstellungen der korrespondieren Episode um die Königin Nishabah im Šāhnāme andererseits. Sie geben eine Szene der Romanhandlung wieder, in der Alexander als Bote verkleidet am Hof der orientalischen Königin Candace empfangen wird. Sein Inkognito wird aber von Candace/Nishabah mithilfe eines Portraits, das sie zuvor von Alexander hat anfertigen lassen, aufgedeckt. Die Szene der Aufdeckung wird in den Illustrationen dargestellt. Die europäischen Darstellungen arbeiten hier mit der Ununterscheidbarkeit zwischen der Figur Alexanders und der seines Spiegelbildes; Zeigegesten anderer Figuren wirken vereindeutigend. Die sehr komplexe Darstellung im Šāhnāme hingegen verfolgt eine ganz andere Wirkungsästhetik: Hier ist vielmehr – so die These – die Aufdeckung des Inkognito Gegenstand der Darstellung und fordert den Betrachter zur Performanz der Entschlüsselung heraus, die anhand einer komplexen Verweisstruktur innerhalb des Bildes geleistet werden muss. Zunächst ist nicht klar, bei welcher der vielen dargestellten Figuren es sich um Alexander handelt. Ein Erkenntnisvorgang wird hier zum Gegenstand der Darstellung.

Einen Sonderfall in der Reihe der diskutierten Alexander-Texte bildet der ‚philosophische Inselroman‘ des Ibn Tufail, Hayy b. Yaqzān (Granada oder Marrakesch, frühes 12. Jh.) – den Benjamin Jokisch (SFB 980, Iranistik) zur Diskussion stellte. Denn Ibn Tufails Text ist nur durch eine singulär belegte Episode mit der Überlieferung zu Alexander verbunden. Ausgehend vom Motiv einer isolierten Inselexistenz, das sich wahrscheinlich in einem andalusischen oder maghrebinischen Alexanderroman befand, hat der Philosoph, Astronom und Hofarzt der Almohaden Ibn Tufail (lat. Abubacer) die Bildungsgeschichte eines Findelkindes erzählt. Das zentrale Thema des Wissenserwerbs macht es wahrscheinlich, dass Ibn Tufail sich auf die Alexander-Tradition bezogen hat. Von einer Gazelle ernährt, erkennt der Protagonist Hayy im beobachtenden und experimentellen Umgang mit der ihn umgebenden Natur (bis hin zur Obduktion seiner verstorbenen Ersatzmutter, um sich deren plötzliche Leblosigkeit zu erklären) nach und nach deren Gesetze – abseits von jeglicher Tradition, ja, sogar abseits von Sprache. Für den Transferaspekt ist interessant, dass der Text wahrscheinlich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe gewirkt hat und seine lateinische Übersetzung (Philosophus autodidactus) in der europäischen Aufklärung einiges Interesse hervorrief, wie Bezugnahmen bei Moses Mendelsohn und Lessing, oder auch seine erste deutsche Übersetzung durch Friedrich Nicolai zeigen. Im Kontext der Frage nach dem Verhältnis der Figur Alexanders zum Wissenserwerb und zu unterschiedlichen Formen des Wissens kann Ibn Tufails Protagonist als Kontrast- oder Gegenfigur verstanden werden: Hayy sammelt nicht nur Phänomene und Eindrücke, sondern er beschreibt darüber hinaus auch systematisch den Vorgang der Erkenntnis; zudem ist der Wissenserwerb hier allein auf den Protagonisten selbst bezogen und nicht mit einer sozial- oder machtbezogenen Dimension verknüpft (mit Ausnahme des letzten Text-Abschnitts). Möglicherweise deutet sich damit auch eine kulturelle Differenz zwischen den verschiedenen westlichen und östlichen Alexander-Darstellung an, die auf dem Workshop diskutiert wurden: In persischen und arabischen Texten scheint die Affinität Alexanders zum Wissen größer und unvermittelter zu sein als in den behandelten Vertretern der europäischen Alexander-Überlieferung; und auch das Spektrum der Wissensformen, mit dem Alexander verbunden wird, scheint hier weiter zu sein (etwa Alexander als Autorität für Spruchweisheiten über Sterben und Tod). Ibn Tufails Hayy könnte als Indikator dieser gesteigerten Affinität Alexanders zum Wissen verstanden werden.

 

3) Transfer

Das Problem der Nachweisbarkeit von Transfers zwischen unterschiedlichen Textzeugen wurde in der Einleitung der Organisatoren sowie vor allem in den Beiträgen von Dönitz, Tavakoli, Jokisch und Schmid aufgegriffen. Insbesondere Saskia Dönitz stellte in ihrem Beitrag, der stark auf die kulturgeschichtlichen Kontexte und Verwendungsweisen der Alexandertradition in der rabbinischen Literatur rekurrierte, mit Blick auf Thesen Richard Stonemans in Frage, ob es zulässig ist, von Parallelen zwischen talmudischen Quellen und späteren griechischen, lateinischen aber auch arabischen Ausformungen der Tradition auf Transferprozesse zu schließen. Dönitz machte auf Unterschiede in der Gestaltung der einzelnen Motive sowie in ihrer Funktionalisierung (Exempel) aufmerksam. In der Diskussion wurde die Schwierigkeit angesprochen, allein anhand von Motivparallelen Transfers ‚nachweisen‘ zu wollen. Solche Nachweise sind besonders problematisch, weil mit Transfers in andere Kontexte eine Integrationsleistung verbunden ist, durch die Hinweise auf ‚Quellen‘ häufig getilgt werden. Auch die Gegenposition wurde stark gemacht: Eine große Dichte der Ähnlichkeiten, etwa Parallelen in signifikanten und außergewöhnlichen Details sowie in der spezifischen Reihung mehrerer Motive, die im Detail auch Unterschiede aufweisen können, lasse durchaus Kontakte und Austauschprozesse plausibel erscheinen. Im spezifischen Fall, in dem rabbinische Quellen womöglich für griechische und/oder lateinische Alexandertexte als Vorlage gedient haben, wie auch im Allgemeinen kann man wohl festhalten, dass Transfers zwar nicht oder nur sehr selten konkret nachgewiesen werden können, dass umgekehrt letztgültige Nachweise, dass es nicht zu Transfers gekommen ist, aber ebenso schwer zu führen sind. Es bleiben unterschiedliche Grade von Plausibilität, die den einen oder den anderen Befund nahelegen können.

Ausblick

In der Schlussrunde des Workshops wurde der Wunsch formuliert, an den Fragestellungen, die in den Diskussionen angesprochen wurden, in der interdisziplinär besetzten Gruppe weiterzuarbeiten. Aus den erörterten Fragen ergeben sich Perspektiven für eine Anschlussveranstaltung. Dabei sollte sowohl über systematische Problemstellungen (z. B. Möglichkeiten und Grenzen der Nachweisbarkeit und der Beschreibung von Transferprozessen) als auch über die konkreten Untersuchungsgegenstände (z. B. narrative Sequenzen, die in den einzelnen Texten ähnlich gestaltet sind) vertiefend diskutiert werden. Der Workshop hat gezeigt, dass die vielfältigen Erzählungen über die Alexander-Figur in der Vormoderne die Möglichkeit bieten, Verhandlungs- und Darstellungsweisen von Wissen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten über einen gemeinsamen Nenner – nämlich über eine Figur, auf die Wissensdiskurse bezogen sind – miteinander zu vergleichen. Da der Protagonist dieser unterschiedlichen Erzählungen in der Vormoderne im Allgemeinen stärker in religiöse und soziale Kontexte eingebunden ist als in der Moderne, kommen diese bei Vergleichen anhand einer zentralen Figur notwendig mit ins Spiel. Transkulturelle Vergleiche dieser Art erlauben zudem stets Rückschlüsse auf die Transferwege, welche Motive, narrative Sequenzen und einzelne Texte genommen, und auf die Veränderungsprozesse, die sie dabei durchlaufen haben. Das gilt nicht nur für textbasierte Überlieferung, sondern auch für andere Medien, insbesondere für bildliche Darstellungen, z. B. auf Luxusgegenständen oder im sakralen Raum, die ihrerseits im Austausch mit der Literatur stehen. Folgende Frageperspektiven, die der Workshop eröffnet hat, sollten weiter verfolgt werden:

  1. Eingehender untersucht werden sollte das je unterschiedliche und womöglich kulturspezifische Verhältnis Alexanders zu Wissen, d. h. zum Wissenserwerb, zu den verschiedenen Arten und Weisen des Wissens, insbesondere zum Spektrum der Wissensinhalte, mit denen Alexander jeweils verbunden wird. Ausgangspunkt für die Untersuchung unterschiedlicher Wissensmodi, die sich in Erzählungen über Alexander finden, könnten beispielsweise Darstellungen der Beziehung Alexanders zu seinem Lehrer Aristoteles sein.

  2. Interessant scheint ferner die Frage zu sein, wie die jeweiligen Darstellungen selbst Wissenstransfers zwischen Alexander und anderen personalen Wissensträgern (z. B. den Brahmanen) inszenieren. Was für Wissen wird im Einzelnen ausgetauscht? Welche formalen Mittel werden zur Darstellung der Wissenstransfers eingesetzt und in welcher Weise werden sie narrativ funktionalisiert (Dialog, Brief, Bericht, Blickführung in Bildern etc.)?

  3. Lohnend wäre es zudem, in vergleichender Perspektive der Frage nachzugehen, wie die einzelnen (textuellen und bildlichen) Darstellungen und Darstellungstraditionen mit Vorlagen oder anderen Materialien umgehen, auf die sie sich beziehen. Nach welchen Kriterien werden die rezipierten Prätexte ausgewählt? Berufen sich die Darstellungen explizit auf die Quellen, die sie aufgreifen? Wie verändern sie das verwendete Material?

  4. Als besondere Form der Verwendung von Vorlagen sollte schließlich die Frage nach den Transfers zwischen unterschiedlichen kulturellen Kontexten weiter untersucht werden. Hier muss das Problem der ‚Plausibilisierbarkeit‘ von Kontakt und Austausch anhand konkreter Fallstudien weiterverfolgt werden. Auch die bereits angesprochene Beobachtung, dass Transfers im Zuge kultureller Übersetzungsprozesse unsichtbar werden können (nicht müssen!), sollte weiter nachgegangen werden.

   


Literatur

Doufikar-Aerts, Faustina: Alexander Magnus Arabicus. A Survey of the Alexander Tradition through Seven Centuries ; from Pseudo-Callisthenes to Ṣūrī. Paris u.a. 2010 (Mediaevalia Groningana, New Series, 13).

Stoneman, Richard: Alexander the Great. A Life in Legend. New Haven, Conn. u.a. 2008.

Zuwiyya, David (Hg.): A Companion to Alexander Literature in the Middle Ages. Leiden  Boston 2011.