Träumende Pferde und träumende Propheten: Aristoteles’ Schriften zu Schlaf und Traum und ihre Rezeption in der griechischen, lateinischen, arabischen und hebräischen Tradition

Workshop des philosophischen Teilprojekts B03 „Imaginatio. Imaginatives Sehen und Wissen“ in Kooperation mit Lukas Mühlethaler (Institut für Judaistik / Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien), 26./27. Juni 2018

02.11.2018

„The Seven Sleepers of Ephesus“, Folio from a Falnama (Book of Omens), 1550.

„The Seven Sleepers of Ephesus“, Folio from a Falnama (Book of Omens), 1550.
Bildquelle: Rogers Fund, 1935.

Bericht von Claudia Cerami und Hanna Zoe Trauer

Gast: Dr. Rotraud Hansberger, LMU München

Konzeption: Dr. Rotraud Hansberger, Claudia Cerami, Hanna Zoe Trauer 

Die Frage nach der Möglichkeit, Zukunftswissen und göttliche Botschaften im Traum zu empfangen, stand im Zentrum der psychologischen und theologischen Überlegungen zahlreicher mittelalterlicher Philosophen. Aristoteles’ Auffassung, dass Träume keinen göttlichen Ursprung haben – warum sollten sonst beispielsweise auch Tiere träumen? – lässt sich kaum mit den religiösen Überlieferungen in Einklang bringen, die von zahlreichen Offenbarungen Gottes im Traum berichten. 

Ausgehend von den Schriften De Somno und De Divinatione per Somnum wurde im Workshop Aristoteles’ Auffassung zur Entstehung und Funktion der Träume, sowie seine Erklärung für Zukunftsvorhersagen im Traum erarbeitet und diskutiert. Dafür stellte Claudia Cerami einen Reader mit Stellen aus Aristoteles’ De Somno und De Divinatione per Somnum bereit, die engere und interessante Parallelen für die Rezeption und Transformation in den Arabischen Parva Naturalia enthalten, sowie griechische und lateinische Texte, die die Rezeption und Transformation in der hellenistischen und spätantiken Philosophie dokumentieren.

Am Anfang des von Frau Cerami eingeführten und moderierten close reading stand die aristotelische Definition des Schlafes in De Somno, da sie großer Bedeutung für die mittelalterliche arabische Adaption hatte und somit Aufschluss über die Grundlage der frühen arabischen und hebräischen Schriften zur Traumtheorie gibt: 

Aristoteles versteht den Schlaf darin als eine natürliche Funktion aller Tiere zur Erholung vom Wachzustand, und definiert ihn zugleich als Privation des Wachens und als Beschränkung der Sinneswahrnehmung. Im Zentrum der anschließenden Diskussion stand zudem die Frage nach Aristoteles’ Verortung des Schlafes in Bezug auf die Sinnesorgane und die Rolle des (allen Tieren gemeinsamen) Tastsinns sowie des sensus communis für den Schlaf.

Darauf aufbauend wurde die aristotelische Erklärung für die Tatsache, dass Träumende gelegentlich zukünftige Ereignisse vorhersagen, detailliert behandelt. Zentral war hier einerseits Aristoteles’ bereits angesprochene Ablehnung einer möglichen göttlichen Ursache für die Träume, sowie seine zahlreichen ‚natürlichen‘ Erklärungen für die Vorhersagen im Traum: als Zufall, als Zeichen (bspw. als Anzeichen für eine Krankheit, die der Träumende im Schlaf leichter wahrnehmen kann) und als Ursachen (für spätere Handlungen des Träumenden, der somit seine Vorhersage selbst erfüllt).  

Darüber hinaus wurden Aristoteles’ Behandlung der Träume bei den Melancholikern sowie seine Abgrenzung gegenüber der Traum-Erklärung Demokrits diskutiert; beide Stellen bieten besonders viel Raum für Interpretation und spielten entsprechend eine große Rolle in späteren Kommentaren und Umdeutungen.

Im Anschluss widmeten wir uns - unter der Anleitung von Dr. Rotraud Hansberger und anhand (originalsprachlicher) Ausschnitte der arabischen Adaption der Parva Naturalia, dem Kitāb al-iss wa-l-masūs, mit Fokus auf deren spezifischen Umgang sowohl mit dem aristotelischen Text, als auch mit der Frage nach der Möglichkeit von Offenbarungsträumen. Es handelt sich um eine besonders interessante Art der Rezeption und Modifikation, aufgrund derer Aristoteles für einige muslimische und hebräische Philosophen gerade zum Gewährsmann der gottgegebenen Träume werden konnte.

Hierbei erwies sich die genaue Lektüre des ersten Workshop-Teils als besonders fruchtbar, da der arabische Adaptor bei seiner radikalen Umdeutung der Zukunftsvorhersage durch Träume (die für ihn gerade nicht natürlich erklärbar, sondern von Gott erhalten sind) erstaunlich nah am griechischen Text des Aristoteles bleibt, dem er durch subtile Veränderungen neue Bedeutungen verleiht. Das Vorgehen lässt sich an einem (von zahlreichenähnlichen) Beispielen illustrieren: Während für Aristoteles die Sinneswahrnehmung im Schlaf im Zustand der Potentialität ist (da sie nicht oder nur eingeschränkt vorhanden ist) und in Aktualität ist, wenn der Mensch wach ist, wird aus dieser aristotelischen "potentiellen Sinneswahrnehmung im Schlaf“ in der arabischen Fassung die "Wahrnehmung von potentiellen Dingen im Schlaf", also die Möglichkeit, im Schlaf die Zukunft zu sehen.

Der zweite Teil des Workshops verfolgte somit einerseits das Ziel, zu verstehen, wie der arabische Adaptor die Zukunftsvorhersage im Schlaf durch Verbindung zum Intellekt der Sphäre und somit zumgöttlichen Einfluss zu erklären suchte, sowie andererseits, herauszuarbeiten, auf welche Weise die jeweiligen Theorien an den aristotelischen Text angebunden blieben. Diese besondere Art des Transfers der aristotelischen Theorie zu Schlaf und Traum bot zugleich die Möglichkeit, in der Diskussion differenzierter über Fragen des (negativen) Transfers nachzudenken— unter anderem auch anhand späterer mittelalterlicher Philosophen, für die jene arabische Adaption bereits zum Standard geworden war. Dies exemplifizierte Hanna Zoe Trauer anhand des jüdischen Philosophen Shem Tov Falaquera, für den Theorien in der Tradition dieser arabischen Adaption die Autorität des Aristoteles innehatten; die natürlichen Erklärungen der Träume des Aristoteles hielt er daher für nicht authentisch und wies sie als falsch zurück. 

Anschließend dokumentierte Claudia Cerami durch Stellen aus Ciceros De Divinatione und Nemesios’ De Natura Homini seine hellenistische und spätantike Tradition, die sich in einer entscheidenden Hinsicht von Aristoteles entfernt und den arabischen Parva Naturalia annähert, nämlich durch die Aufwertung des Traums zu einer höheren Erkenntnisform. Dabei zeigte sie, wie diese Autoren, sowie der Adaptor der arabischen Parva Naturalia, Aristoteles’ Grundsatz, dass die Sinneswahrnehmung im Schlaf gebunden ist, zugleich übernehmen und zur entgegengesetzten These verwandeln, dass die Seele nämlich erst im Schlaf, wenn sie sich von den Sinnen befreien kann, Einsicht gewinnt in die intelligible Welt und in zukünftige Ereignisse. Die Verbindung zwischen dieser Tradition und den Arabischen Parva Naturalia wird noch enger dadurch, dass der Zusammenhang zwischen Träumen und Einsicht in die intelligible Welt/Zukunft als Beweis entweder für die Existenz Gottes oder für den Ursprung der Notion Gottes auftaucht. Abschließend zeigte Claudia Cerami, dass die spätere Tradition auch dabei an Aristoteles anknüpfen konnte, da die These von der Befreiung der Seele von den Sinnen im Schlaf in Aristoteles’ Fragment 10 Rose bezeugt ist, das wahrscheinlich aus dem verlorenen Dialog De Philosophia stammt.

Dr. Rotraud Hansberger beschäftigte sich bereits in ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „The transmission of Aristotle's Parva naturalia in Arabic“ (Oxford 2007) mit dem Kitāb al-iss wa-l-masūs. Nach einer Zeit als Research Fellow in Cambridge und London ist sie derzeit akademische Rätin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und bereitet die Edition des Textes vor („Kitāb al-Ḥiss wa-l-maḥsūs: The Arabic Version of Aristotle’s Parva Naturalia. Edition, Translation and Study of the text preserved in MS Rampur 1752“). Ihr Artikel „How Aristotle Came to Believe in God-given Dreams: The Arabic Version of De divinatione per somnum“ bietet einen Überblick über die arabische Rezeption der aristotelischen Schriften zu Schlaf und Traum, die im Zentrum des zweiten Workshoptages stehen wird.

Claudia Cerami promoviert bei Prof. Dr. Anne Eusterschulte über die Notion der Materie bei Alexander von Aphrodisias.

Hanna Zoe Trauer ist Mitarbeiterin im Teilprojekt B03 mit dem Unterprojekt Theologie und Ästhetik des Offenbarungstraums in Schriften des jüdischen Mittelalters