Erzählung und Argument – Formen impliziter Syllogistik in vormoderner Literatur und Philosophie

Workshop des gräzistischen Teilprojekts A04 „Prozesse der Traditionsbildung in der De interpretatione-Kommentierung der Spätantike“ (Prof. Dr. G. Uhlmann, PD Dr. Michael Krewet, Dr. Christian Vogel), 18./19. Mai 2017

02.11.2018

Posterausschnitt

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Bericht des Teilprojekts A04

Der Workshop ging von dem Befund aus, dass Aristoteles in der Rhetorik mit dem Enthymem eine Form von Syllogismen explizit einführt, die sich dadurch auszeichnen, dass sie keine syllogistische Form im Sinne der Analytica Priora haben. Stattdessen arbeiten sie mit weniger Prämissen und damit, bestimmte Voraussetzungen für die Gültigkeit des Arguments nicht explizit zu machen. 

In diesem Sinn suchte der Workshop nach Formen impliziter Syllogistik und versuchte damit, die Reichweite dieser Technik über die rationale Wissenschaftstheorie hinaus auszuloten. Insbesondere die Möglichkeit, implizite, vom Rezipienten zu ergänzende syllogistische Strukturen aufzufinden, war dabei von Interesse.

Christof Rapp (LMU München) stellte einleitend Aristoteles‘ Konzept zur dialektischen Redekunst vor und zeigte, wie bei Aristoteles Argumentation und Überzeugung zusammengedacht wurden. Dabei zeigte er u. a. die Nähe der Rhetorik zur Topik, führte erhellend Aristoteles’ Lehre von den Enthymemen vor Augen und zeigte an Beispielen, inwiefern es sich bei den verschiedenen Arten von Enthymemen, die Aristoteles kennt, um verkürzte Syllogismen handelt.

Am Beispiel von Handschriften zu den Neuplatonikern und zu Aristoteles’ Schrift de interpretatione zeigten anschließend Gyburg Uhlmann und Michael Krewet an verschiedenen Beispielen, wie zur Erklärung von Argumenten im Text schon von mittelalterlichen Studierenden und Erklärern der Schrift Syllogismusschemata angeführt wurden. Diese gründen in Aristoteles’ Lehre von den drei Syllogismusfiguren in den Ersten Analytiken und in veranschaulichter Form und damit in einer für den in der Aristotelischen Logik geübten Leser oder Studierenden des handschriftlichen Textes didaktisch aufbereiteten und leichter nachvollziehbaren Weise die Verbindung zweier Begriffe des Textes über das Aufzeigen eines Mittelbegriffs einsichtig zu machen.

Während des Workshops standen jedoch nicht nur philosophische Texte im Fokus, sondern daneben und gleichberechtigt auch rhetorische und narrativ-literarische Werke. Exemplarisch wurden dabei solche Texte beleuchtet, die als philosophische oder philosophisch-propädeutische Narrative eine hybride Form jenseits rein rational-argumentierender oder rein-narrativ-veranschaulichender Texte besitzen. So zeigte Philip Schmitz (Universität Leipzig) in seinem Beitrag „musici carminis oblectamenta und nexae rationes“, wie sich in Boethius‘ Philosophiae Consolatio Erzählung und Argument sowohl in den metrischen als auch in den Prosapassagen zueinander verhalten.

Diskutiert wurde auch die Frage, welche Funktionen verschiedene narrative Strategien in philosophischen und in dichterischen Texten besitzen und in welchem Verhältnis sie zu explizit und implizit syllogistischen Argumentationsweisen stehen. Christian Vogelstellte Boethius‘ Auslegungen zum Verhältnis von syllogistischem und topischem Argumentieren in philosophischen und rhetorischen Kontexten vor. Daraus ergaben sich Überlegungen, dass sich aus der Argumentationsmethode seiner verschiedenen Texte auf die Zielgruppe und den Skopos der jeweiligen Argumentationspassage schließen lassen könne.  

Besonderes Augenmerk erhielt auch die Frage, wie syllogistische Strategien auch dort erkennbar werden, wo sie anfangs wohl kaum vermutet werden. Ingo Schrakamp und Julia Levenson zeigten, inwiefern auch in epistemischen Texten der keilschriftlichen Traditionsliteratur syllogistische Strukturen immanent sind. 

Wie weit sich der Bogen der Verwendung von Syllogismusfiguren spannen lässt, zeigte schließlich Anita Traninger überzeugend an Texten von Pico della Mirandola und Ermolao Barbaro, die teilweise sogar auf die Schemata, die auch aus den Aristoteleshandschriften bekannt sind, zurückgriffen.  

Am Ende des Workshops konnte festgehalten werden, dass Texte der Wissenschaft, Rhetorik und auch der Literatur Formen von syllogistischen Strukturen beinhalten – wenn manches Mal auch nur implizit – und dass der Syllogismus u. a. auch gerade darin seinen Bedeutung findet, dass er die Verbindung oder Nicht-Verbindung von zwei Begriffen im Einzelfall aufzeigen kann.

Programm

Donnerstag, 18.05.2017 

09:30-10:00
  Prof. Dr. Gyburg Uhlmann (Freie Universität Berlin):Eröffnung und Einführung 

10:00-11:00  Prof. Dr. Christof Rapp (Ludwig-Maximilians-Universität München):Argumentation und Überzeugung. Aristoteles' Konzept einer dialektischen Redekunst

11:00-11:30  Kaffeepause

11:30-12:30  Prof. Dr. Gyburg Uhlmann / PD Dr. Michael Krewet (Freie Universität Berlin): Syllogismus-Diagramme in Aristoteles-Handschriften – Formen des didaktischen Transfers

12:30-14:00  Mittagessen

14:00-15:00  Dr. Philip Schmitz (Universität Leipzig): musici carminis oblectamenta und nexae rationes – Erzählung und Argument in Dichtung und Prosa in Boethius' Philosophiae consolatio 

15:00-16:00  Dr. Christian Vogel (Freie Universität Berlin):Boethius und die Topik 

16:00-16:30  Kaffeepause

16:30-17:30  Prof. Dr. Anita Traninger (Freie Universität Berlin): Syllogismus und Paraphrase. Giovanni Pico della Mirandola und Ermolao Barbaro über das Verhältnis von Sprache und Denken
                

Freitag, 19.05.2017 

10:00-11:00  Dr. Ingo Schrakamp /
Julia Levenson 
(Freie Universität Berlin): Argumentationsstrukturen in epistemischen Texten der keilschriftlichen Traditionsliteratur

11:00-12:00 Diskussionsrunde