Academies: The Historiography of Learned Societies in the ‘Age of Sociability’

Internationale Tagung organisiert vom romanistischen SFB-Teilprojekt A07 unter der Leitung von Anita Traninger gemeinsam mit Arjan van Dixhoorn (University College Roosevelt), 13.–14.12.2019

20.01.2020

Conference poster

Conference poster
Bildquelle: Koninklijk Zeeuwsch Genootschap der Wetenschappen

Bericht von Isabelle Fellner

Vom 13. bis 14. Dezember 2019 fand in Middelburg (NL) die internationale Tagung "Academies: The Historiography of Learned Societies in the ‘Age of Sociability’" statt, die gemeinsam mit Arjan van Dixhoorn (University College Roosevelt) organisiert wurde. 

Einleitend wurden die Teilnehmer/innen im Raadzaal des Middelburger Rathauses von Bert van den Brink, dem Präsidenten des University College Roosevelt und von Hugo Schorer, dem Präsidenten der Koninklijk Zeeuwsch Genootschap der Wetenschappen begrüßt. Daraufhin folgte eine thematische Einführung von Anita Traninger (Freie Universität Berlin) und Arjan van Dixhoorn (University College Roosevelt Middelburg), die den spezifischen Fokus der Tagung auf die europäische Sozietätsbewegung erläuterten. Ziel der Tagung war es, die etablierten Muster der Geschichtsschreibung zu den frühneuzeitlichen Akademien kritisch zu hinterfragen, um so zu neuen Beschreibungen von Aufbau und Funktionsweise der Sozietäten in ihrer historischen Entwicklung zu gelangen.

Martin Urmann (Freie Universität Berlin) widmete sich in seinem Beitrag einer Übersicht über die Forschungslage zu den frühneuzeitlichen Akademien. Obwohl die Akademien in langfristigen wissensgeschichtlichen Traditionen stehen, haben sie vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer als innovativ gesehenen, im 17. Jahrhundert etablierten Form Beachtung gefunden, in der sie als Katalysatoren der scientific revolution begriffen werden. Es hat sich allerdings gezeigt, dass eine solche (unkritische) Wiedergabe der historischen Selbstbeschreibungen der Akademien verdeckt, dass sie als solche fortdauernd von älteren rhetorischen und dialektischen Traditionen der Wissensverhandlung beeinflusst waren. Daraus ergibt sich laut Urmann die Notwendigkeit der Etablierung einer alternativen Genealogie der Akademien, die über die dominanten Modelle des 17. Jahrhunderts, die vor allem von der Royal Society und der Académie royale des sciences abgeleitet wurden, hinausgeht. 

Klaas van Berkel (University of Groningen) diskutierte den Fall der niederländischen Akademien im 18. Jahrhundert und deren Geschichtsschreibung. Während die ersten niederländischen Akademien in einer Zeit gegründet wurden, die noch keine klare Trennung zwischen den einzelnen Disziplinen kannte, erfolgte ihre Geschichtsschreibung in einem späteren Zeitraum bei bereits geänderter Lage: Im 19. und 20. Jahrhundert waren Disziplinen wie Chemie, Biologie oder Philologie fest etabliert und die mit den Akademien befassten Historiker/innen selbst stark in ihre jeweiligen Fächerkulturen eingebunden. Wie van Berkel darlegte, führte dies oft zu einem verzerrten historischen Bild der früheren Akademien, was er am Beispiel einer gelehrten Sozietät aus Groningen, Pro Excolendo Jure Patrio, gegründet im Jahre 1761, zeigte. 

Rienk Vermij (University of Oklahoma) strebte in seinem Beitrag eine Re-Evaluation der neueren Akademienforschung an. Er zeigte zunächst, dass gelehrte Sozietäten meist als integrales Element der Aufklärungskultur beschrieben wurden, speziell in den einflussreichen Arbeiten von Wijnand Mijnhardt. Wenn Akademien auf diese Art allerdings als Teil eines größeren Narrativs gesellschaftlichen Fortschritts in den Fokus genommen werden, ergeben sich laut Vermij mehrere analytische Probleme. Erstens wird in der Debatte ein fragwürdiger Fortschrittsglaube aufrechterhalten. Zweitens wird durch die Vorstellung, dass Akademien typisch für die Periode der Aufklärung seien, die weitaus länger zurückreichende Geschichte der europäischen Soziabilität ausgeblendet. 

Ausstellungsprogramm: Am Nachmittag des ersten Konferenztags besuchten die Teilnehmer/innen der Tagung die Sammlung der Koninklijk Zeeuwsch Genootschap der Wetenschappen. Im Zeeuws Museum finden sich – in Form einer modernen Wunderkammer präsentiert – diverse Objekte aus der historischen Sammlung der Akademie. Begleitet werden die Objekte von Zeichnungen des Künstlers Pepijn van den Nieuwendijk. Zudem gewährte die Bibliothek von Zeeland einen Blick in Drucke und Handschriften aus den Archiven der Akademie. 

Sebastian Kühn (Universität Hannover) eröffnete den zweiten Tag der Konferenz mit seinem Beitrag zur Organisation des gemeinschaftlichen wissenschaftlichen Arbeitens in den Akademien. Während kollaborative Unternehmungen von den Akademiemitgliedern selbst vor allem im Zeichen von Freundschaft, Gleichheit und freiem Austausch beschrieben wurden, zeigte Kühn, dass diese Aktivitäten entlang von anderen, hierarchischen Organisationsmodellen, wie sie insbesondere auch aus dem Handwerk bekannt sind, ausgerichtet waren. Wie etwa in Manufakturen oder auch im Verlagswesen war die gemeinschaftliche Arbeit der Akademien häufig geprägt von Hierarchien, Arbeitsteilung, Spezialisierung und Zentralisierung. Um seine These zu untermauern, führte Kühn verschiedene historische Beispiele aus der Londoner Royal Society, der Pariser Académie royale des sciences und der Berliner Societaet der Wissenschaften an. 

James McClellan (Stevens Institute of Technology) schloss die Tagung mit einer Retrospektive seiner eigenen jahrzehntelangen Forschung zu den Akademien. Beginnend mit seiner klassischen Studie „Science Reorganized“ (1985), einer aus seiner Doktorarbeit entstandenen Arbeit, die das Feld der Akademienforschung nachhaltig prägte, unterzog er mehrere seiner einschlägigen Werke einer konstruktiven Kritik, wobei er auf Mängel in seiner eigenen Herangehensweise hinwies. McClellan trat dafür ein, Akademien als facettenreiche Akteure zu sehen, die – stets stark an andere Institutionen gebunden – in komplexen sozialen und politischen Kontexten agieren und dabei insbesondere auch vor dem Hintergrund des europäischen Kolonialismus betrachtet werden müssen. Ziel der Akademienforschung muss es demnach sein, diesen besonderen Typ der Wissenschaftsorganisation mit noch größerer historischer Tiefenschärfe zu analysieren.