Orality and Literacy

Workshop des SFB-Teilprojekts C03 „Interaktion und Wandel orientalischer Rechtssysteme“ in Kooperation mit Dr. Mateusz Kłagisz, Orientalisches Institut der Jagiellonen-Universität Krakau, 3.–5. Juni 2014

08.10.2014

Teilprojekt C03

Teilprojekt C03

Bericht von Iris Colditz
 

 Der Workshop verhandelte Fragen zu Oralität und Schriftlichkeit, ihrem Verhältnis zueinander, zur Evolution von Schriftlichkeit sowie ihrer Rolle bei Wissensbewegungen und -transfers, sei es durch Wechsel des Mediums (Sprache - Schrift) oder durch Übersetzung. Dabei wurden die theoretischen Ansätze von Walter Ong (Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes, Opladen 1987) anhand exemplarischer Textstudien kritisch überprüft, nach denen Gesellschaften mit „primärer Mündlichkeit“ prinzipiell von anderen Denkstrukturen geprägt seien als Gesellschaften, in denen Schriftlichkeit vorherrscht. Die Erfindung der Schrift führe also zu einer grundlegenden und nachhaltigen Umstrukturierung der menschlichen Denkweisen und damit auch der kulturellen und gesellschaftlichen Muster. Diese deterministische Zuweisung von Eigenschaften und die darauf beruhende dichotome Kategorisierung von Gesellschaften ist durch empirische Studien hinterfragt oder zurückgewiesen worden. Dennoch bieten die von Ong anhand der Merkmale von mündlicher Dichtung beschriebenen Funktionsmechanismen des oralen Gedächtnisses (Mnemotechniken) interessante Ansätze. Standardisierte Formeln und formelhafte Wendungen, die aus mehr oder weniger präzise wiederholten Phrasen oder Begriffen in Versform oder Prosa bestehen, gehören bekanntlich aus mnemotechnischen Gründen zu den wichtigen Bausteinen oraler Texte. Diese sich wiederholende formelhafte Sprache ist im iranischen Kontext nicht nur in alt- und mitteliranischen Denkmälern und Inschriften zu finden, sondern auch in Werken der mittelpersischen Prosaliteratur, deren „orale“ Bestandteile im Rahmen dieses Workshops auf der Grundlage einiger Fallbeispiele genauer erfasst werden sollten. Als orale Elemente in der mittelpersischen Literatur sind u.a. beschrieben worden: Wiederholungsformen, formelhafter Wendungen, Dialoge, moralische Polarisierung, Zahlensymbolik. Die Methodologie und die Kriterien zur Bewertung solcher Elemente zur Definition von „Oralität“ der Literatur sind jedoch Gegenstand von Diskursen.

 Der erste Teil des Workshops („The Mādayān ī J̌ōšt ī Friyān as a Magical and Ritual Text“) beschäftigte sich mit den zahlreichen Elementen von Oralität in dem mittelpersischen Text Mādayān ī J̌ōšt ī Friyān, die auf eine lange mündliche Tradition verweisen. Der Text liegt in einer Fassung aus dem 9.-11. Jh. vor, die Erzählung ist im Kern aber viel älter, da bereits im Avesta (Yt.5.81-83) auf sie angespielt wird. In einem Rätselwettstreit wetteifern zwei Kontrahenten, der kluge J̌ōšt und der böse Zauberer Axt, um die richtige Antwort auf Fragen zum Wissen über Natur, Landwirtschaft, Sozialleben, aber auch Religion. Im Workshop konnte dargestellt werden, wie der Text weit über einen epistemischen Aspekt hinausgeht und die zoroastrische dualistische Vorstellung vom Kampf zwischen Gut und Böse und vom dichotomen Seelenschicksal des Gerechten bzw. Trughaften widerspiegelt. Die verwendeten oralen Elemente haben dabei auch rituelle und magische Aspekte, wie zum Beispiel der Fluch als wirksamer Spruch, den Feind zu bannen. Der zweite Teil des Workshops („New Persian Translations of Middle Persian Texts“) untersuchte Probleme und Besonderheiten solcher Übersetzungen. Dabei wurden u.a. die Anpassung des Neupersischen an die mittelpersische Syntax und die Verwendung seltener Wörter aus dem Dari, einer frühen Variätät des Neupersischen, herausgearbeitet.

Im Rahmen des Workshops behandelte Mateusz Kłagisz in einem öffentlichen Vortrag Elemente von Oralität und Schriftlichkeit in der mittelpersischen Literatur („Middle Persian Orality and Literacy“). Diese markiert selbst den Übergang der iranischen Gesellschaft zur Schriftlichkeit, da viele bis dahin über lange Zeiträume überlieferte Texte erstmals schriftlich fixiert wurden. Oralität behielt jedoch trotz der Verschriftlichung eine große Bedeutung. Dies gilt zum einen für die religiöse Überlieferung (kosmogonische Vorstellung von der Erschaffung der Welt aus dem Gebet, Anspruch des Auswenig-Wissens des Avesta) aber auch für epische und andere erzählende Literatur. Zudem kann sich auch eine „sekundäre“ Oralität für bereits verschriftlichte Stoffe herausbilden, wie eine Tradition der Rezitation (z.B. noch für das neupersische Šāhnāme des Ferdousī, um 1000 n.Chr.).

Der massive Gebrauch formularischer Elemente und syntaktisch festgefrorener Phrasen ist auch in Rechtstexten zu finden, die die juristischen Implikationen bestimmter Formeln in vielen Fallbeispielen genau benennen ‒ eine Parallele zu dem in rituellen und magischen Texten bedeutsamen „wirksamen Spruch“ (avestisch ma̧θra, mittelpersisch mānsr). Für das Teilprojekt C03 bot der Workshop deshalb die Möglichkeit, eine von John R. Searle (in „The Construction of Social Reality“)vorgebrachte These zuüberprüfen, die davon ausgeht, daß durch die konstituierende Kraft des performativen Sprechakts im bestimmten Rahmen neue „institutionelle Fakten“ geschaffen werden: allein durch das Aussprechen formelhafter Worte erhalten die Akteure oder Teilnehmer am Sprechakt einen neuen Status und neue Funktionen, wobei die Ausübung der neuen Funktionen sowohl einen kollektiven Konsens als auch ständige Interaktion in der Gesellschaft voraussetzt. Searle eruiert nicht die Frage, warum das Aussprechen bestimmter Worte oder Formeln (im Rechtskontext beispielsweise bei Stipulation, Vertragsschließung, Eheschließung etc.) diese Wirkung ausübt. Die Problematisierung der oralen Formelsprache in mittel- und neupersischen religiösen und magischen Texten ermöglichte auch die Erörterung der Frage, inwieweit die juristische Formel in einem sakralen oder magischen Kontext steht und daher eine konstituierende und bindende Wirkung erhält, und was mit den so geschaffenen Institutionen geschieht, wenn sich der sakrale, magische und religiöse Kontext wandelt oder auflöst.

http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/iranistik/archiv/vortraege-archiv/index.html