Normative Knowledge in the Age of the Greek homines novi in the Ottoman Empire

Workshop des Teilprojekts C06 „Transfer und Überlagerung. Wissenskonfigurationen in der Zeit der griechischen homines novi im Osmanischen Reich (1641–1730)“, 30.11.–01.12.2012

27.10.2014

Regelwissen

Regelwissen

Bericht von Nikolas Pissis

Mit dem Workshop wurde die vom Teilprojekt C06 konzipierte Reihe von Arbeitstreffen eröffnet, deren Fokus den jeweiligen Wissensbereichen der frühen phanariotischen Kultur, gedacht als thematischen Teilmengen der Mavrokordati-Bibliothek, gilt. Als Auftakts-Thematik wurde das Regelwissen im Milieu der ersten Phanarioten, insbesondere der Mavrokordati-Dynastie, bestimmt. Es galt aus interdisziplinärer Perspektive den diversen Gattungen (Fürstenspiegel, Rechtskodifizierungen, Moralistik, didaktischer Roman), den sich überlappenden Traditionssträngen (antik, byzantinisch, osmanisch, frühneuzeitlich-westeuropäisch), sowie der Funktionalität des Regelwissens nachzugehen, insbesondere was dessen Einsatz für die Legitimierung der noch jungen phanariotischen Elite betrifft. Zentral waren Fragen nach der Qualität des Wissenstransfers und Wissenswandels im phanariotischen Kontext: Unter welchen Bedingungen vollzieht sich dieser Wandel? Wie wirkt die Rekontextualisierung von älteren, scheinbar unveränderten autoritativen Texten, wie etwa byzantinischen Fürstenspiegel, auf das mittransportierte politische Wissen zurück? Wie interagiert es mit anderen Wissenstraditionen oder mit einem veränderten institutionellen Rahmen und seinen Bedürfnissen? Welche Bedeutung ist Praktiken wie der Kommentierung, der Paraphrasierung, der Übersetzung in Prozessen des Wissenstransfers in unserem Zusammenhang beizumessen?

Die einleitenden Vorträge von Jacques Bouchard (University of Montreal) und Dimitris Apostolopoulos (Nationales Forschungsinstitut Athen) gingen Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Phanarioten auf die Spur. In der Argumentation letzteren haben die Phanarioten als neue Istanbuler orthodoxe Elite, welche die ältere (die sog. Archonten) verdrängte, einer neuen, legitimierenden Ideologie bedurft. Diese Suche spiegelt sich in ihrer Rezeption von Varianten der Naturrechtlehre wieder. Evgenia Kermeli (Bilkent University Ankara) untersuchte die Interaktion zwischen osmanisch-islamischem und postbyzantinisch-christlichem Rechtsrahmen und betonte die Dynamik deren Wechselwirkung in Abgrenzung von älteren, statischen Wahrnehmungen in der rechtsgeschichtlichen Forschung. Die Funktion des spezifisch osmanischen Rechtspluralismus stellte den Gegenstand auch des Diskussionsbeitrags von Eleni Gara (Ägäis-Universität) dar. Vasileios Syros (Finnish Center of Political Thought, Helsinki) bot einen Überblick über Diskurse des Niedergangs in der islamischen politischen Tradition mit dem Schwerpunkt auf die osmanische Fürstenspiegelliteratur.

Chariton Karanassios (Athener Akademie) und Nikos Panou (Brown University) befassten sich mit den hellenistischen und byzantinischen Fürstenspiegeln, die Sevastos Kyminitis, der gelehrte Akademiedirektor am Hofe des walachischen Fürsten Constantin Brâncoveanu (1688–1714), für seinen Patron übersetzte bzw. in interpretierenden Paraphrasierung ins zeitgenössisch gesprochene Griechisch übertrug. Karanassios betonte die Absicht von Kyminitis, eine religiös definierte, auf der christlichen Tugendlehre beruhende Legitimation des Fürsten zu bieten, während Panou besonders das Verhältnis zwischen politischen Realitäten und ihren diskursiven Repräsentationen auslotete und die Funktion der Paraphrasen als textuelle Repräsentationen des Fürsten im Kontext seiner Selbstinszenierung analysierte. Lambros Kamperidis (Concordia University Montreal) zeichnete zunächst die Tradition der Weisheitsliteratur und ihrer populären und mythischen Elemente (etwa der Tiersymbolik) nach, um die Absage zu deuten, die ihr Nikolaos Mavrokordatos in seinem Liber de officiis (1719) erteilte. Die klassische Tradition (besonders Cicero), an der sich der Fürst stattdessen orientierte, bestimmte auch die Rezeption des Werks in der zeitgenössischen europäischen Gelehrtenrepublik, an die es in erster Linie adressiert war.

Tassos Kaplanis (Universität Zypern) thematisierte die Problematik von Sexualität und Gender im Kontext des phanariotischen Regelwissens, insbesondere anhand der Präsenz von maskulinen und misogynen Diskursen. Gegenüber neuaufkommenden, libertären Haltungen, wie sie uns aus der zeitgenössischen griechischen Liebesdichtung besonders der venezianischen Gebiete bekannt sind, reagierte Nikolaos Mavrokordatos durch eine konservative Wende, die durchaus konform mit der Reaktion der osmanischen Elite sowie der orthodoxen Kirche war, und offenbar seiner Profilierung bzw. Legitimierung dienen sollte. Schließlich präsentierte Stessi Athini (Universität Patras) den Fall von Les aventures de Télémaque (1699), verfasst von Fénelon ad usum delphini, in seiner Funktion als Erzieher von Louis’ XIV. Enkel, ein Werk, das am Hof der Mavrokordati von Dimitrios Prokopiou Pamperis, ebenfalls Erzieher des Fürstensohnes Konstantinos, ins Griechische übersetzt wurde. Neben den frankophilen Neigungen und dem regen Interesse für alles, was mit dem Hof von Louis XIV. zu tun hatte, dürften für die Rezeption des didaktischen Roman seine zahlreichen Aphorismen, gelesen in der vertrauten Tradition der Maximen-Literatur, ausschlaggebend gewesen sein.

Aus den einzelnen Beiträgen und besonders der Diskussion wurde die Vielschichtigkeit der normativen Diskurse und ihrer Referenzen deutlich; zwischen den Funktionen des politischen, des moralischen und des rechtlichen Wissens wurden Parallelen sowie Interdependenzen aufgezeigt. Die Reformulierung von herkömmlichen Vorbildern, ob klassisch, spätantik oder byzantinisch, und zeitgenössischer Ansätze, wie die verschiedenen Varianten naturrechtlicher Argumentation, im spezifischen Kontext des Phanariotenmilieus wurde im Workshop eingehend thematisiert, stellte ja die Legitimation der neu aufgekommenen Elite ihr vordergründiges Anliegen im Umgang mit den verschiedenen Formen des Regelwissens dar. Die Einbeziehung der islamischen Tradition in ihrer Dynamik und ihrer Interaktion mit der christlichen im Osmanischen Reich, etwa in der Gesetzgebung, der Sozialmoral oder dem Herrschaftsverständnis, erwies sich als besonders aufschlussreich. Dabei wurden konkrete Desiderata und Forschungsperspektiven angesprochen und als Anreize für die Arbeit des Teilprojekts aufgenommen. Ausführliche Abstracts der Beiträge in englischer und französischer Sprache sind auf der SFB-Homepage hochgeladen und frei zur Verfügung gestellt worden:

http://www.sfb-episteme.de/veranstaltungen/Archiv/Workshop_Regelwissen.html