Intermediale Verfahren und ästhetische Evidenz. Differenzen, Übergänglichkeiten, Interferenzen in den Künsten der Frühen Neuzeit

Ein Workshop organisiert von Iris Helffenstein (Teilprojekt B04 „Das Wissen der Kunst. Episteme und ästhetische Evidenz in der Renaissance“) und Sven Jakstat (Kolleg-Forschergruppe „BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik“), 16.05.2019

30.09.2019

Baltimore, The Walters Art Museum, Flügel eines Reliquiar-Diptychons, ca. 1355 1370, Detail.

Baltimore, The Walters Art Museum, Flügel eines Reliquiar-Diptychons, ca. 1355 1370, Detail.
Bildquelle:  Acquired by Henry Walters with the Massarenti Collection, 1902. (CC0 Lizenz)

Bericht von Iris Helffenstein und Sven Jakstat

Der Workshop widmete sich intermedialen Konstellationen in den Künsten der Frühen Neuzeit, die anhand von Fallstudien nördlich und südlich der Alpen in den Blick genommen wurden. Das Erkenntnisinteresse richtete sich in produktions- und rezeptionsbezogener Perspektive auf die Bedeutung der jeweiligen Materialien und medialen Verfahren sowie den aus ihrer Kombination, Evokation oder Konstratierung erwachsenden Mehrwert für die Generierung von Wissen und die Erzeugung ästhetischer Evidenz.

Ausgehend von dem Unterprojekt von Iris Helffenstein mit Schwerpunkt auf „Medialen Aushandlungen vom 14. Jahrhundert bis zur Frührenaissance in Italien“ (SFB 980, B04) und Sven Jakstats Projekt zu spanischen Altarbildern des 16. und 17. Jahrhunderts (BildEvidenz), die zugleich den zeitlichen Rahmen der Vorträge vorgaben, führte der Workshop anhand eines Spektrums vergleichbarer Phänomene aktuelle kunsthistorische Forschungsprojekte zu dem betreffenden Gegenstandsbereich in einem diskussionsintensiven Rahmen zusammen. Ziel der Veranstaltung war es, anschlussfähige Ergebnisse in Bezug auf die Materialität und Medialität von Wissenstransfer in der Vormoderne zu erarbeiten.

 

In ihrem Vortrag „Materielle Präsenz, intermediale Praxis, multisensorische Wahrnehmung. Lorenzo Monaco und die lavorii di mano um 1400“ widmete sich Iris Helffenstein (Berlin) anhand kleinformatiger Werke der Frage nach Intermedialität als künstlerischer und ästhetischer Praxis im Tre- und Quattrocento. Als Voraussetzung für eine Untersuchung intermedialer Verfahren dieser Zeit erachtet sie dabei ein Bewusstsein für unterschiedliche künstlerische Gattungen und ihre Eigenheiten auch vor der Zeit ihrer kunsttheoretischen Fixierung und Diskursivierung. Anhand eines sogenannten Tafelreliquiars des späteren 14. Jahrhunderts, das eine ältere Kreuzigungsdarstellung in der Verre églosmisé-Technik mit Tafelmalerei und Steinfragmenten in einem vergoldeten Rahmen kombiniert (Baltimore, The Walters Art Museum) sowie einer kleinen Kreuzigungstafel Lorenzo Monacos (Altenburg, Lindenau-Museum) untersuchte Helffenstein in produktions- wie rezeptionsästhetischer Perspektive intermediale Verfahren in einem Spektrum von genuin ‚mehrmedialen‘ Werken bis zu solchen, in denen Medialitäten und Materialitäten als eingespeichertes Wissen wirksam werden.

 

Unter dem Titel „Eine Vergleichsmaschine am rudolphinischen Kaiserhof und die epistemologische Produktivität der Druckgraphik in der Frühen Neuzeit“ untersuchte Britta Dümpelmann (Berlin) ein ungewöhnliches Werk: Einen (heute verlorenen) „Kunstkasten“, der im Inneren eine Zeichnung Albrecht Dürers einem Ölgemälde Jan Brueghels d. Ä. gegenüberstellt. Dabei überträgt Brueghel die als Helldunkelzeichnung auf koloriertem Papier ausgeführte Darstellung Dürers in ein anderes Medium und belegt diesen Transferprozess in der Signatur mit den Schlagworten „Dürer inventor“ respektive „Brueghel fecit“. Ausgehend von diesem als Hochzeitsgeschenk von Prag nach Florenz gelangtem Werk, das sie einem regelrechten Prinzip des vergleichenden Sehens in den beteiligten Kunstsammlungen – der Prager Kunstkammer und der Sammlung der Florentiner Tribuna – zuordnet, ging Dümpelmann der Konzeption von Invention und Ausführung, unterschiedlichen Rezeptions- und Präsentationsformen von Helldunkelzeichnungen Dürers im Verlauf der Zeit sowie der Frage nach dem epistemologischen Mehrwert des vergleichenden Sehens im Sinne einer wechselseitigen Aufwertung der in Beziehung zueinander gestellten Medien nach.

 

Im Mittelpunkt des Beitrags von Sven Jakstat (Berlin) stand das ehemalige Hochaltarretabel des Benediktinerklosters San Benito in Valladolid. Dieses wurde von Alonso Berruguete entworfen und zwischen 1526 und 1533 ausgeführt. Der prestigeträchtige Auftrag stellt innerhalb der Altarbildproduktion auf der Iberischen Halbinsel insofern eine Ausnahme dar, als es sich um eines der wenigen großformatigen Altarbilder handelt, bei dem ein und derselbe Künstler nicht nur für den Entwurf, sondern darüber hinaus für die Ausführung der Gemälde als auch der dreidimensionalen Bildwerke verantwortlich war. Der individuelle künstlerische Geltungsanspruch Berruguetes trat hierbei in ein spannungsreiches Verhältnis zu den überkommen Traditionen der Altarbildproduktion auf der Iberischen Halbinsel mit ihren spezifischen Anforderungen an die Kombination unterschiedlicher Bildmedien. Diese Spannungen erlauben Rückschlüsse auf die Funktionsweise derartiger Retablos und Wirkung der in ihnen zusammengeführten Bilder. Jakstat analysierte, wie durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Bildmedien und Bildtypen innerhalb eines Retablo in einem bewussten Wahrnehmungsprozess „Evidenzeffekte“ erzielt werden, und inwiefern diese maßgeblich die Wahrnehmung der Retablos bestimmen.

 

Im abschließenden Beitrag mit dem Titel „El Greco, der Synagonist. Maler, Bildhauer, Architekt und Kommentator“ setzte sich Yannis Hadjinicolaou (Hamburg) anhand früher Werke El Grecos mit der Frage auseinander, inwiefern das produktive Zusammenspiel unterschiedlicher künstlerischer Gattungen den Schaffensprozess des aus Kreta stammenden Künstlers und Gelehrten prägte. Ausgangspunkt für seine Überlegungen war ein frühes Porträt El Grecos, das vermutlich den Hofbildhauer Pompeo Leoni bei der Arbeit an einer Marmorbüste König Philipp II. zeigt. Diese wenig bekannte Porträtdarstellung erlaubte es El Greco im Medium der Malerei den Werkprozess des Bildhauers zu reflektieren. Des Weiteren stellte Hadjinicolaou in einer nahsichtigen Analyse El Grecos um 1570 gefertigte Zeichnung aus der Staatlichen Graphischen Sammlung in München vor, die er insofern als paradigmatisches Beispiel für El Grecos synagonistisches Schaffen deutet, als das großformatige Blatt im Medium der Zeichnung die Malerei und die Bildhauerei in ein produktives Spannungsverhältnis tretet lässt. Der Vortragende untermauerte seine Thesen anhand der kunsttheoretischen Anmerkungen El Grecos, die er handschriftlich in einer Ausgabe der Viten Vasaris und in einem Band von Vitruvs De architettura hinterließ, sowie mit Hilfe der Altarbilder aus Illescas bei Toledo. Die Verwendung des Neologismus „Synagonismus“ wird von Hadjinicolaou in der Auseinandersetzung mit den Werken El Grecos als produktiver Aushandlungsprozess verständlich, der es ermöglicht, traditionelle, stärker an der Konkurrenz der unterschiedlichen künstlerischen Gattungen orientierte kunsthistorische Konzepte kritisch zu hinterfragen.