Wissenskonzeptionen bei Platon, Teil I: ,Authentisches Wissen'

Workshop des Teilprojekts B03 „Imaginatio. Theologische und philosophische Bild- und Geschichtsstrukturen in Mittelalter und Früher Neuzeit“, 07.10.2014

04.11.2014

Authentisches Wissen

Authentisches Wissen

Bericht von Ursula Ziegler
 

In den platonischen Dialogen wird eine Vielzahl von Momenten sichtbar, die den platonischen Begriff von Erkenntnis und Wissen konstituieren und prägen. Vor diesem Hintergrund konzentrierte sich der erste Teil des Workshops auf den prozessualen Aspekt der Erkenntnissuche und des Wissenserwerbs, der durch die Dialogform in besonderer Weise akzentuiert wird. Zur Diskussion stand folglich die Frage, wie der Vollzug des philosophischen Forschens, wie Lernerfahrung und Erkenntnisweg in den Dialogen greifbar werden, darüber hinaus, welchen pädagogischen Impuls die dialogische Darstellung, mithin das sokratische Fragen und Prüfen impliziert, schließlich welche Bedeutung dem Weg der Suche selbst hinsichtlich des platonischen Konzepts von Erkenntnis und Wissen zukommt. In den drei Vorträgen wurde die Problemstellung aus einer je eigenen Forschungsperspektive beleuchtet, wobei sich vor allem in den Diskussionen zeigte, dass die Gesichtspunkte und Motive der Beiträge eng miteinander verschränkt sind: Das Ringen um eine Selbstständigkeit im Denken und Verstehen, die Frage nach dem motivationalen Grund, sich in philosophisch-ethischem Sinne zu bilden, schließlich das Verhältnis von Erkenntnisstreben und einem gelingenden Leben münden in die gemeinsame Frage nach der Gleichzeitigkeit von seelischer Verfassung und Erkenntnisgewinn. Die Problemstellung eines ‚authentischen Wissens‘ im Sinne einer Identifikation des nach Wissen Strebenden und dem Wissen selbst war deshalb in allen Vorträgen virulent.

Rainer Enskat (Halle) charakterisierte in seinem Vortrag „Platon und die Bedingungen authentischen Wissens“ zwei aufeinander verweisende Momente des platonischen Erkenntnisprozesses, die zugleich den Ausgang seiner Argumentation bildeten: Auf die sprachliche Wurzel unseres Begriffs der ‚Authentizität‘ verweisend, nämlich auf das griechische autós, kennzeichnete Enskat einerseits den platonischen Ausdruck ‚selbst durch sich selbst‘ als zentrales Moment des philosophischen Lernvorgangs und Erkenntnisstrebens. Andererseits machte Enskat im Hinblick auf den philosophischen Dialog die Formen des Zeigens bzw. die deiktischen Techniken des platonischen Sokrates als programmatisches Moment geltend. Die Lern- und Arbeitserfahrung der Seele, so Enskat, werde im platonischen Theaitet als eine Untersuchung und iterative Prüfung eines Logos im Gespräch mit dem anderen, aber auch der Seele ‚selbst mit sich selbst‘ kenntlich. Die wahre und gerechtfertigte Meinung als solche erschöpfe deshalb den platonischen Wissensbegriff nicht. Als paradigmatisch könne in diesem Zusammenhang das Beispiel der Wegekundigkeit aus dem Dialog Menon betrachtet werden: Gezeigt werde hier, dass eine Person in authentischer Weise ihre wahre Meinung an den Logos im Sinne rechtfertigender Gründe bindet, weil sie den Weg selbst geht resp. erforscht. In der formalen Sprache bedeute dies, dass die Person in erfolgsträchtiger Weise oft genug selbst untersucht hat, ob p oder nicht-p. Zum Ausdruck kommt damit nach Enskat die Relevanz des knowing how, welches zugleich das authentische und deiktische Wissensmoment verbinde: Wenn Sokrates auf Schritt und Tritt zeige, wie man Fragen stellt, wie man in der Erkenntnissuche vorgehen soll, wie ein Gespräch über philosophische Gegenstände zu führen ist, dann beruhe dies auf einem philosophischen knowing how. In anderer Weise zeigen sich nach Enskat überdies auch die Ideen als Orientierungspunkte und ‚Aspekte‘ dem Wissenssuchenden durch die authentische Suche.

Ursula Ziegler (Berlin) setzte sich in ihrem Vortrag „Philosophischer Eros und die Frage der Motivation im Kontext des Platonischen Wissenskonzepts“ mit der Frage auseinander, wie das antreibende oder motivationale Moment, das Platon seinem Begriff von Erkenntnis und Wissen selbst zuschreibt, aufzufassen sei. Unter der Voraussetzung, dass der platonische Erkenntnis- und Wissensbegriff eng mit der Frage des guten, gelingenden bzw. gerechten Lebens verknüpft ist, kennzeichnete Ziegler die philosophische Suche als eine Übung: Die von Sokrates in der Apologie dargelegte Tätigkeit des Philosophierens als ein übendes Sich-Artikulieren des Denkens oder Trainieren des Logos hinsichtlich der Tugend verband Ziegler mit dem Eros-Konzept des Symposion, welches die poietische Kraft des philosophischen Eros als einen sich stets erneuernden Prozess des Erzeugens und Hervorbringens beschreibt. Die im Symposion akzentuierte Thematik der Liebe unterstreiche hierbei das intersubjektive Moment: In der Bezogenheit auf und Vermittlung durch den anderen werde ein reflexives Moment herausgefordert, das die philosophische Übung gerade nicht als eine habituelle, sondern als eine dynamische kenntlich werden lässt. Zugleich zeige Platon, dass in der freundschaftlichen Liebe die Orientierung zum Schönen und Guten hin gleichsam erleichtert werde, wobei sich die Attraktivität des Schönen mit der wohlverstandenen Suche selbst intensiviere. Das Ineinandergreifen von Erkenntnisstreben und seelischer Haltung, welches die Motivationskraft des philosophischen Wissens erst plausibel macht, sei dann aber darin begründet, dass das platonisch verstandene Wissen nicht allein als ein Wissen über einen Gegenstand erscheint, sondern dass es an den seelisch-übenden Vollzug des Reflektierens und Denkens gebunden bleibt.

Jörg Hardy (Münster) knüpfte mit seinem Vortrag „Die existenzielle Dimension der sokratischen Rechenschaftsgabe in Platons Apologie“ an die Frage der Authentizität wie auch an das motivationale Moment an: Die sokratische Befragung der Gesprächspartner ziele mit der Prüfung von deren Lebensweise zugleich auf ihr seelisches Selbstverhältnis und ihr Wollen. In den Prüfungen werden, so Hardy, verschiedene epistemische Ebenen angesprochen: eine Art perfektes, göttliches Wissen über Sachverhalte, gegenteilig dazu das irrtümliche Wissen im Sinne einer Selbsttäuschung bzw. Ignoranz hinsichtlich der eigenen Unwissenheit, schließlich drittens ein Wissen zweiter Ordnung als ein Wissen über das eigene Wissen und dessen Grenzen. Wer über Letzteres verfüge, kenne den epistemischen Status seiner Meinungen, d.h. er überschaue die relevanten Gründe, die für oder gegen eine Überzeugung sprechen. Das Wissen zweiter Ordnung entspreche der philosophierenden Einstellung und begründe die sokratische Kompetenz der Prüfung. Ausgerichtet ist die sokratische Rechenschaftsgabe nach Hardy an einem Definitionswissen: Erstrebt werde bezüglich unserer Meinungen, die uns zu unseren Handlungen anleiteten, eine Verbesserung ihrer Qualität. Im Hinblick auf eine gute, glückszuträgliche Verfassung der Seele seien dabei drei vorrangige modale Ziele ausschlaggebend: ein bestmögliches Wissen über Sachverhalte, das vom Wissen gelenkte Wollen und Handeln sowie das gerechte und moralische Handeln.

Die abschließende Diskussion des Workshops zeigte, dass die Frage des platonisch gedachten Erkenntnisweges und das Verhältnis von Seele und Wissen zwar einerseits noch viele weitere Problemstellungen impliziert, dass aber andererseits in dem Workshop eine Vielzahl an Facetten aufgegriffen wurden, die zu einem durchaus kohärenten Bild dieses Weges führten.