Periodizität und Kritik. Zur Rolle des Zeitschriftenwesens in der république des lettres im Zusammenwirken mit Akademien, Universitäten und Gelehrtenzirkeln

Studientag des Teilprojekts A07 „Erotema. Die Frage als epistemische Gattung im Kontext der französischen Sozietätsbewegung des 17. und frühen 18. Jahrhunderts“ mit Prof. Dr. Elisabeth Décultot (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg), 22.11.2019

09.12.2019

Chrysoloras_Erotemata

Chrysoloras_Erotemata
Bildquelle: Marcus Valerius Martialis, Epigrammaton Libri XIIII, Venedig 1552.

Bericht von Isabelle Fellner

Der Studientag warf die Frage nach dem sich wandelnden Modus der Wissensdiskussion in der frühneuzeitlichen Gelehrtenrepublik auf, der besonders durch die Umstellung auf Distanzkommunikation in gedruckten periodischen Publikationsmedien bestimmt wurde. Beteiligungsmöglichkeiten, Formate und Bedingungen für Anfang und Ende von Debatten transformierten sich durch die sich seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stetig vermehrenden gelehrten Journale und Zeitungen, die oft als „Tagebücher der gelehrten Welt“ beschrieben wurden. Ziel des Studientags war es, dem neuen Kritikideal der Unparteilichkeit, das durch die Medien der Periodizität ebenso induziert wie indiziert wird, nachzugehen und seinen Wandel in den Gelehrtendiskursen des 18. Jahrhunderts – im Spannungsfeld des Dekorums der Höflichkeit einerseits und der freimütigen Sachkritik andererseits – genauer zu verfolgen. 

Elisabeth Décultot (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg) analysierte in ihrem Vortrag den Briefwechsel zwischen Johann Jakob Bodmer und Johann Georg Sulzer, den sie in Beziehung zum Kommunikationsmodell des Periodikums setzte. Der Austausch zwischen regelmäßigen Briefpartnern wie Bodmer und Sulzer hat durch seine Kontinuität eine periodische Dimension und kann, so im Falle der beiden Schweizer, zudem als Versuchsfeld für die kritische Auseinandersetzung mit neu erschienenen literarischen Werken begriffen werden. Generell wurden zunächst in Briefen verhandelte Inhalte später oft in Periodika abgedruckt. Elisabeth Décultot machte deutlich, dass Bodmer und Sulzer als Akteure im deutschsprachigen literarischen Feld ihren Briefwechsel gezielt für strategische Zwecke nutzten. Im sich neu herausbildenden literarischen Zentrum Berlin, das die Machtverteilung zwischen Zürich und Leipzig durcheinander zu wirbeln drohte, fungierte Sulzer als Repräsentant des Zürchers Bodmer. Dieser war daran interessiert sein Werk Noah in der preußischen Hauptstadt zu verbreiten. Die von Bodmer eingesetzte Kampfrhetorik, etwa im Hinblick auf seinen Gegenspieler Gottsched, stellt Décultot zufolge eine ‚Territorialisierung‘ der literarischen Beziehungen dar. Diese Territorialisierung führte einerseits zu einer agonalen Dynamisierung der Konflikte, trug andererseits aber auch zu einer gewissen Stabilisierung des literarischen Feldes bei, da sie dieses besser beschreibbar machte. Insgesamt bildet der Briefwechsel zwischen Bodmer und Sulzer einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulisse des Rezensionswesens.  

Martin Urmann (Freie Universität Berlin) untersuchte den concours académique der französischen Akademien in Verflechtung mit den Praktiken des gelehrten Journalismus aus einer mediengeschichtlichen Perspektive. Zunächst nutzten die Akademien die Organe des gelehrten Journalismus, um die Themen der von ihnen ausgeschriebenen Preisfragen überregional annoncieren zu können. Außerdem bedienten sie sich der gelehrten Journale, um die gekürten Preisschriften im Druck zu veröffentlichen und stellten so das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit sicher. Auch die Recueils der Akademien ähneln in ihrem Aufbau den gelehrten Journalen. Eine weitere zentrale Verbindungslinie zwischen Preisfragen und gelehrtem Journalismus ist die Bedeutung beider Medien für die Verbreitung von Wissen und für die Gewinnung eines breiteren Lesepublikums. Weitere Gemeinsamkeiten zwischen Journalen und Preisfragen finden sich in der brieflichen Form von Eingaben, in den Auswahlkommissionen, die jeweils entschieden, welche Einsendungen gedruckt oder gekürt werden sollten sowie in der anonymen Einreichungs- bzw. Veröffentlichungsform von Beiträgen. Urmann zufolge lässt sich speziell an den Preisfragen ab den 1730er Jahren eine gesteigerte selbstreflexive Tendenz feststellen, die mit der Entstehung von „Meta-Journalen“ vergleichbar ist. Die rhetorischen Preisschriften wurden im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einem Medium der Wissensreflexion, das für die Epoche der Periodizität typisch ist, aber dennoch seine Eigenheiten beibehält.