Wissen en miniature – Theorie und Epistemologie der Anekdote

25.10.2018 - 27.10.2018

Eine Tagung des latinistischen Teilprojekts B07 "Die Anekdote als Medium des Wissenstransfers" (Leitung: Prof. Dr. Melanie Möller)
      

Ausgehend von unserem letztjährigen Workshop „Geschichte in Anekdoten – Wissenstransfer in Suetons Kaiserviten“, in dem wir bereits den epistemischen und epistemologischen Potenzen der Anekdote anhand von exemplarischen Lektüren der Schrift De vita Caesarum nachgingen, soll diese Tagung nun dazu dienen, die von unserem Projekt B07 untersuchte literarische Kleinform möglichst fach- und literarturübergreifend in all ihren verschiedenen Erscheinungsformen unter die Lupe zu nehmen. Impulsen aus der Philosophie, deren jüngste Beiträge die lange Zeit unwissenschaftlich anmutende Miniaturerzählung zur „philosophischen Form“ nobilitieren, werden Lektüren aus der Perspektive der Anglistik, Germanistik, Komparatistik, Kunstgeschichte, Mediävistik, Romanistik und nicht zuletzt unserer Klassischen Philologie gegenübergestellt, um dem über lange Zeit wirkenden Phänomen der Anekdote eine theoretische Kontur zu verschaffen. 

Maßgebend sind hierbei die zentralen Fragestellungen des Sonderforschungsbereichs, welchen Prozessen der Umstrukturierung, des Wandels und der Verschiebung Wissen im Zuge der Neukontextualisierung von Anekdoten oder im Akt des Anekdotisierens an sich unterworfen ist und inwieweit anekdotische Narrative darauf Einfluss – oder davon Abstand – nehmen. Welche Geltung kann das transparente wie subkutane Miniaturwissen der eingeflochtenen Anekdoten in Konkurrenz und Kontext eines teleologischen Haupttextes entfalten, und auf welche erzählerische Weise kann dies geschehen? Fragen nach Ausblendungen und Selektionen von Wissen, die auf die pointierte Kürze der Anekdote oder die wissensoikonomischen Implikationen ihrer Akteure zurückzuführen sind, sollen dabei ebenso im Vordergrund stehen wie ‚materialspezifische‘ Untersuchungen zur Formbarkeit, Anordnung und Lokalisierung der Anekdote im Text.        

Ziel der Tagung ist es, gerade in der Synopse möglichst vieler Textbeispiele unterschiedlicher Epochen und in der Bündelung interdisziplinärer Vielfalt ein möglichst facettenreiches Gerüst zur theoretischen Konturierung, Epistemologie und Phänomenologie der Anekdote von der Antike bis in die Moderne zu liefern.
       

Programm

 Donnerstag, 25.10.2018
 14:00  Ankunft und Empfang der Gäste
 14:30–15:00 Begrüßung und Einführung. Melanie Möller (Berlin): Theorie und Epistemologie der Anekdote.
  Sektion I. (Moderation: Sophie Buddenhagen, Berlin)
 15:00–15:45 Frank Wittchow (Achim): Vom Exemplum zur Anekdote? Das Erbe der Annalistik bei Livius und Tacitus 
 15:45–16:30 Inka Mülder-Bach (München): Einzelfall, Exempel, Ausnahme. Spielräume des Anekdotischen bei Fontane
 16:30–17:00 Kaffeepause
  Sektion II. (Moderation: Matthias Grandl, Berlin)
 17:00–17:45 Falk Quenstedt (Berlin): die groſſen wunderlichen ding dieſer welt – Formen und Funktionen des Anekdotischen bei Marco Polo 
 17:45–18:30 Simon Godart (Berlin): Heiterkeit. Anekdotische Isosthenie bei Montaigne 
 18:30–19:00 Kaffeepause
 19:00–19:45 Verena Lobsien (Berlin): Andrew Marvell, oder die Kunst des Schwebens
 20:00  gemeinsames Abendessen
 Freitag, 26.10.2018
  Sektion III. (Moderation: Simon Godart, Berlin)
 10:00–10:45 Melanie Möller (Berlin): Am Anfang war … die Kloake. Wissensanekdoten in antiker Biographik 
 10:45–11:30 Sophie Buddenhagen (Berlin): Epistemische Anekdoten in den Prodigien der Augustusvita Suetons
 11:30–12:00 Kaffeepause
 12:00–12:45 Tobias Reinhardt (Oxford): Zenons Hand 
13:00–14:30 Mittagsimbiss
 

Sektion IV. (Moderation: Christian Badura, Berlin)

14:30–15:15  Rüdiger Zill (Potsdam): Geschichten in Bewegung. Zum Funktionswandel der Anekdote im 17. und 18. Jahrhundert 
15:15–16:00 Christiane Reitz (Rostock): Parodie, parodiert oder wie wird man zur Anekdote? Ein kleiner Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte
16:00–16:30 Kaffeepause
  Sektion V. (Moderation: Claudia Reufer, Berlin)
16:30–17:15 Mira Becker-Sawatzky (Berlin): Anekdoten im frühneuzeitlichen Kunstdiskurs in Rom und Paris. Kontexte und Funktionen
17:15–18:00 Werner Busch (Berlin): Ad Reinhardts „Schwarzes Quadrat“ als Lebenslaufkommentar 
20:00  gemeinsames Abendessen
Samstag, 27.10.2018
  Sektion VI. (Moderation: Vera Engels, Berlin)
 10:00–10:45 Katharina Hertfelder (Berlin): Zur Anekdotenimprovisation bei Hans Blumenberg 
 10:45–11:30 Matthias Grandl (Berlin): Wie sich Anekdoten kommentieren. Theorie einer „Affordanz“ der Anekdote (nach H. Blumenberg, L. Sciascia und M. T. Cicero) 
 11:30–12:00 Kaffeepause 
12:00–12:45 Sebastian Matzner (London): Unerhörte Geschichten: Zur anekdotischen Nomenklatur gleichgeschlechtlicher Liebe als ‘epistemology of the closet’
 12:45–13:15 Abschlussdiskussion (Sophie Buddenhagen, Matthias Grandl und Melanie Möller, Berlin)
13:30  gemeinsames Mittagessen

Zeit & Ort

25.10.2018 - 27.10.2018

SFB-Villa, Sitzungsraum, Schwendenerstraße 8, 14195 Berlin

Weitere Informationen

Um Anmeldung wird gebeten. (Ansprechpartner: Matthias Grandl, magrandl@zedat.fu-berlin.de) 
Bei Bedarf ist eine Kinderbetreuung möglich. Anmeldung unbedingt erforderlich bis 1.10.2018.