Religiöses Wissen in der Lyrik der Frühen Neuzeit

Tagung des Teilprojekts A06 unter der Leitung von Peter-André Alt und Volkhard Wels an der Freien Universität Berlin, 26.-28.09.2014

04.11.2014

Religiöses Wissen

Religiöses Wissen

Bericht von Isabel von Holt, unter Mitarbeit von Liane Hennings und Paula Weigand
 

Gegenstand der Tagung waren im Sinne des Forschungsprogramms des SFBs 980 Transferbewegungen des religiösen Wissens in der frühneuzeitlichen Lyrik. Verhandelt wurde unter dem Begriff des religiösen Wissens nicht nur das konfessionelle Wissen einer traditionellen geistlichen Dichtung, sondern auch das sich neu herausbildende, religiöse Wissen im weiteren Sinne, wie es dann im 18. Jahrhundert in den religiösen Aufladungen etwa der ‚Naturlyrik‘ oder der ‚Liebeslyrik‘ erscheint. Im Fokus stand dabei auch die religiöse Praxis, die etwa im Sinne einer ‚Erbauung‘ oder ‚Andacht‘ mit dieser Lyrik verknüpft sein konnte, genauso wie die rhetorische und stilistische Faktur dieser Lyrik. Es ging mithin nicht nur um die religiösen Inhalte als solche, sondern immer auch um die Transformationen des religiösen Wissens an der Schwelle zur ‚Moderne‘.

Peter-André Alt (Berlin) zeigte in einem programmatischen Vortrag an ausgewählten Gedichten von Herbert, Czepko und Angelus Silesius, wie religiöses Wissen in diesen Gedichten diskursiviert wird, indem sich paradoxe Denkformen mit den Mitteln der Allegorie als poetisch ausgeformte Markierungen eines Glaubensdiskurses artikulierten. Diese Kombination von Bildlichkeit und Scharfsinnigkeit wirkt als Formprinzip, mit dem religiöses Wissen im Grenzbereich der Logik verhandelt werden kann. Diese spezifische Verbindung von Allegorie und Paradoxie konstituiert eine poetische Ordnung, die im zeitgenössischen Selbstverständnis jedoch keinen Gegensatz zur Vernunft, sondern gerade deren Stimulation bedeutet.

Kevin F. Hilliard (Oxford) sah in der Lyrik der Frühen Neuzeit Anzeichen einer Reflexion des Menschen über seine Position in der Welt, wobei diese Sinnfrage selbst einen kulturgeschichtlichen Bruch repräsentiert. Lyrik wird im Duktus des Selbstgesprächs – „Wer bin ich? Wo bin ich? Woher bin ich gekommen?“ – zum Medium einer Selbstverortung des Menschen in der Welt. In diesem lyrischen Selbstgespräch (beispielsweise bei Johann Gottlieb Walpurger, Gotthold Ephraim Lessing oder B. H. Brockes) ist zwar eine Entfernung von religiöser Dogmatik festzustellen, grundsätzlich wird das Gedicht aber als Mittel der Erkenntnis von Gottes Größe genutzt. In der spezifisch lyrischen Form wird so ein Gottbewusstsein geschaffen, durch das der Mensch schließlich seine wahre Bestimmung erkennt.

In dieselbe Richtung argumentierte Günter Butzer (Augsburg), der die religiöse Lyrik der frühen Neuzeit als eine Form der physischen Übung beschrieb, die eine spezifische Erfahrung vermitteln sollte. So erkannte er in John Donnes „Holy Sonnet 7“ eine meditationspraktische Form, die dem Leser ein neues Verständnis von Frömmigkeit vermitteln und gleichermaßen einüben sollte. Während bei Catharina Regina von Greiffenberg die solcherart einzuübende Weisheit auf der Verarbeitung eines hermetisch verharrenden Wissens fußt, beginnt in Thomas Trahernes „Eden“ die Suche nach religiösen Erkenntnissen in der Erforschung des eigenen Selbst, wodurch das religiöse Wissen an die eigene Biographie geknüpft wird. Anhand von Andreas Gryphius’ „An sich selbst“ und „Thränen in schwerer kranckheit“ zeigte Butzer, wie auch hier die religiöse Lyrik eng mit der Erzeugung eines Selbstwertgefühls verbunden wird und die Verankerung von Erkenntnissen durch Selbstreflexion ermöglicht.

Franz M. Eybl (Wien) beschäftigte sich in seinem Vortrag mit der Inszenierung optischer Evidenz in der religiösen Lyrik des 17. Jahrhunderts. Eybl zeigte, wie sich in dieser Lyrik ein „optischer Quantensprung“ vollzogen hat, mit dem sich neue Formen des Sehens etablierten. Unter anderem an der Raumwahrnehmung, der Zentralperspektive sowie den Strategien der Selbstinszenierung arbeitete Eybl ein „skopisches Regime“ heraus. Diese Modifikationen des „Weltansehens“ erforderten in den lyrischen Texten eine rhetorische Herstellung von „Augensinn“ und wirkten sich darüber verstärkt auf die meditative Praxis aus. Dieses Verfahren beschrieb Eybl als „optische Textung“, in der eine reflexive Verarbeitung der Kontemplation und dichterische Darstellung ineinander fielen. An Gedichten Spees, Greiffenbergs und Brockes’ zeigte Eybl schließlich auf, wie diese Inszenierungsstrategien optischer Evidenz stets an eine spezifisch theologische Heilstheorie gebunden werden.

Jörg Robert (Tübingen) widmete sich der Ekstase als Erfülltsein von Gott in der Lyrik des 17. Jahrhunderts. Diese Ekstase ermöglicht das Überwinden von Grenzen und die Reise an fremde Orte sowie ins Jenseits. Transfer- und Transformationsprozesse von religiöser Erkenntnis brechen sich so Bahn, die wiederum in die inszenierte Wahrnehmungssituation der Lyrik einfließen. Robert illustrierte dies vor allem im Blick auf Angelus Silesius’ „Die glückselige Ertrinkung“, wo die unerhörte Selbsterfahrung der Ekstase in einer religiösen Erkenntnis mündet, die einer Offenbarung gleichkommt.

Die parodistische Wendung solcher religiösen Konstruktionen zeigte Ralph Häfner (Freiburg) an Johann Christian Günther und seinem burlesken Stil. In der Stilisierung des Gelehrten zum Märtyrer werden um 1700 Elemente der Commedia dell’arte auf das bürgerliche Leben übertragen und bewusst zugespitzt. Exemplarisch bezog Häfner sich auf Günthers Verssatire „Der entlarvte Crispinus“ (1718), ein satirisches Strafgedicht, das gegen den Juristen Theodor Krause in Verkörperung des zügellosen Hochstaplers Crispinus gerichtet ist. Die Entlarvung, in der Häfner eine Parodie der geistlichen Macht sieht, findet kommentierend in den Fußnoten statt, sodass der Autor selbst die Rolle eines belehrenden Märtyrers und Enttarnenden übernimmt. Diese Art der zeitgenössischen Satire ist kein Einzelfall, sondern eine gern genutzte Form des Verfechtens ‚wahren Wissens’ sowie der Enttarnung des Missbrauchs von Vernunft und verfügt dabei über performativen Charakter.

Eine weitere Überschreitung konfessionell gebundenen, religiösen Wissens zeigte Gesa Dane (Berlin) an dem „Venus“-Gedicht Daniel Caspars von Lohenstein auf. Lohensteins Lyrik ist mit diesem Preisgedicht Ausdruck der zunehmenden Individualisierung von Frömmigkeit am Ende des 17. Jahrhunderts. Obwohl Lutheraner, übernehme Lohenstein in dieses – zu seiner Zeit allerdings nicht gedruckte Gedicht – auch nicht-christliches, religiöses Wissen, indem die Geschöpfe der Welt einträchtig vereint dargestellt und auf christliches Götterlob vollständig verzichtet wird. Das Bild der Umarmung von Himmel und Erde übernimmt er von Lukrez und variiert dessen Gedanken zur Idee der Liebe in Form einer generativen Kraft, ausgedrückt in der Göttin Venus als allegorische Figuration.

Andreas Beck (Bochum) attestierte dem 17. Jahrhundert eine zunehmende Verinnerlichung des religiösen Wissens in der protestantischen Lyrik, im Gegensatz zur katholischen Dichtung. Dort wird weiterhin auch noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts konventionelles religiöses Wissen in Versform verhandelt, wie Beck an der Gelehrtenzeitschrift „Parnassus Boicus“ zeigte. Beck sprach hier vom „Glanz konventioneller Artistik“ und einer „Episteme in Beharrung“. Lyrik als Gattung wird der Glaubensvermittlung verschrieben, wie Beck an den Gedichten Gelasius Hiebers zeigte, die als gepredigte Religionshistorie verstanden werden können. In der konzisen metrischen Verfasstheit der Alexandrinerverse werden mit stetem Rekurs auf die Heilige Schrift u.a. Angriffe auf Häretiker unternommen oder Anfechtungen geradezu performativer Charakter verliehen, während parallel die Erfüllung in der Einswerdung von Mensch und Gott in Aussicht gestellt wird.

Den konfessionellen Aspekten der religiösen Lyrik widmeten sich Irmgard Scheitler (Würzburg) und Andreas Lindner (Erfurt). Irmgard Scheitler illustrierte konfessionelle Differenzen in Verbreitung und Gebrauch religiöser Gesangslyrik, indem sie aufzeigte, wie stark geistliches Liedgut im protestantischen Bereich weltlich kontrafaziert wurde. Wesentlich stärker als etwa der Druck von Liederbüchern erlaubt dies Rückschlüsse auf die allgemeine Präsenz geistlicher Gesangslyrik. Im direkten statistischen Vergleich mit zeitgenössischem katholischem Liedgut, von dem Kontrafakturen nur in sehr viel geringerem Maße nachzuweisen sind, zeigt sich die hohe Popularität des protestantischen Liedguts.

Andreas Lindner illustrierte an der Genese lutherischer Standes- und Berufsethik als Rubrik evangelischer Gesangsbücher die zunehmende Verinnerlichung dieser Standes- und Berufsethik auf. Die Bedeutung von Arbeit und Gebet zur Führung eines sündenfreien Lebens sind so vom Klosteralltag in die Welt gekehrt worden und ließen das Gesangsbuch zu einem wichtigen Medium der Vermittlung christlicher Werte werden. Von der Reformation bis zur Aufklärung sind dabei eine zunehmende Ausdifferenzierung eines klaren Pflichtenschemas gegen Gott und sich selbst zu erkennen.

Eine Reihe weiterer Vorträge hatte insbesondere die Genese der ‚Naturlyrik‘ um 1700 zum Gegenstand, wobei insbesondere die Art der Gotteserkenntnis diskutiert wurde. Mark-Georg Dehrmann (Hannover/Berlin) zeigte, wie Shaftesbury im Naturhymnus von „The Moralists“ (1709/1711) einen theologischen Diskurs über das Verhältnis von Gott und Naturerkenntnis führt. Indem die Natur hier als geordneter Kosmos beschrieben wird, dessen Teil auch der Mensch ist, wird über die Natur ein privilegierter Zugang zu Gott geschaffen, der in seinen Werken erkennbar und greifbar wird. Die Wendung zur Natur führt zur Selbsterkenntnis und somit zu Gott. Im Rückschluss spricht Gott aus den Menschen, sofern sie Anteil an der Liebe zur Natur haben, wodurch die Vorstellung einer übernatürlichen enthusiastischen Begeisterung abgelegt wird.

Ganz ähnlich verortete Volkhard Wels (Berlin) in seinem Vortrag die Naturlyrik von Barthold Heinrich Brockes. Wels plädierte dafür, die Grenzen zwischen einer ‚vormodernen‘, christlichen Theologie und einem ‚aufgeklärten‘, ‚modernen‘ Deismus nicht mehr so scharf zu ziehen, wie dies in der älteren Forschung oft geschah. Vielmehr muss innerhalb der lutherischen Theologie zwischen einer den naturphilosophischen Schriften Melanchthons verpflichteten Tradition und einer genuin lutherischen Tradition unterschieden werden. Während erstere die Erscheinungen der Natur auf die Weisheit Gottes zurückführt und damit Wege zum späteren Deismus und der Erkenntnis Gottes aus der Natur ebnet, deutet Zweitere die Erscheinungen der Natur in einem soteriologischen Sinne auf das Heilsgeschehen hin. So etwa steht die Passionsblume in der lutherischen Tradition für das Leiden Christi, verweist aber andererseits in der Vollkommenheit ihrer Blüten auf die Weisheit des Schöpfergotts.

Hans-Georg Kemper (Tübingen) beschrieb anhand von Beispielen aus der Naturlyrik im Anschluss an den achten Psalm das Verhältnis von Gott und Natur. Auch hier wird der Mensch als Teil der Natur und somit als Teil von Gottes Schöpfung dargestellt. Gerade in Auseinandersetzung mit Psalm 8 manifestiert sich jedoch die Diskrepanz zwischen der Preisung des Menschen als Gottes höchstes Kunstwerk einerseits und dem Bewusstsein des Menschen in seiner Nichtigkeit angesichts der Allmacht Gottes andererseits, zwischen Naturlehre und Schöpfungslehre im weiteren Sinne. Die Verortung des Menschen in der Welt wird zum Indikator einer Reflexion des eigenen Daseins und Selbstbewusstseins.
   

Die Tagungsbeiträge illustrierten an unterschiedlichen Gegenständen die Formen und Funktionen lyrischer Strategien im Umgang mit religiösem Wissen. Das Spektrum reicht von Engführung von Allegorie und Paradoxie über den Modus des Selbstgesprächs bis hin zu Inszenierungsstrategien, die geradezu performativen Charakter aufweisen. Diese Tendenzen werden gleichzeitig komplementiert durch gezielte Grenzüberschreitungen einerseits, die sich als parodistische Wendungen oder auch Inkorporation paganen Ideenguts manifestieren. Andererseits sind in parallelen Strömungen auch konfessionelle Aspekte religiöser Lyrik weiterhin zentral, wobei die Divergenz von katholischer und protestantisch geprägter Dichtung noch einmal deutlich wird. Schließlich zeigte die Auseinandersetzung mit dem sich um 1700 entwickelnden Genre der Naturlyrik, dass hier bereits neue Möglichkeiten der Gotteserkenntnis diskutiert werden, indem der Naturbegriff, der dieser Lyrik zugrunde liegt, entschieden religiös geprägt ist.

 Mit ihrem umfassenden Programm und den diversen Fallbeispielen aus der Geschichte der frühneuzeitlichen Lyrik hat die Tagung vor Augen geführt, welche Dimensionen des Verhältnisses von religiösem Wissen und lyrischen Darstellungsformen künftig noch genauer zu untersuchen sind und gleichzeitig fruchtbare Ansätze zu einer Systematisierung dieses facettenreichen Verhältnisses geliefert.