Öffentlichkeit und ihre Medien. Neue Konzeptionen der öffentlichen Sphäre zwischen Früher Neuzeit und Aufklärung

Studientag des Teilprojekts A07 „Erotema. Die Frage als epistemische Gattung im Kontext der Sozietätsbewegung des 17. und frühen 18. Jhds“ in Koop. mit dem Einstein-Projekt „Zur Genealogie des Begriffs der Unparteilichkeit“, 24.10.2014

06.11.2014

Öffentlichkeit und ihre Medien

Öffentlichkeit und ihre Medien

Bericht von Martin Urmann

Im Zentrum des Studientags stand die Auseinandersetzung mit Form und Wandel der öffentlichen Sphäre in der Frühen Neuzeit bis zur Epoche der Aufklärung. Ausgehend von der Diskussion aktueller Forschungsansätze und der Kritik an Habermas’ Thesen zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ lag der analytische Fokus auf den verschiedenen Medien, Kommunikationspraktiken und Öffentlichkeitsforen der frühneuzeitlichen Gelehrtenrepublik und ihrer konstitutiven Rolle für die Aufklärung.

In seinem Diskussionsimpuls zu „Neuen Theorien der Öffentlichkeit“ ging Martin Urmann (Freie Universität Berlin, SFB 980) im Anschluss an einen Aufsatz von Andreas Gestrich („The Early-Modern State and the Rise of the Public Sphere“) auf die Operationalisierung der Systemtheorie Niklas Luhmanns in der aktuellen historischen Forschung zur Entstehung und Entwicklung der frühneuzeitlichen Öffentlichkeit ein. Der Luhmann’sche Ansatz der Anschlusskommunikation und ihrer kontingenten Evolution bietet demnach im Vergleich mit dem Habermas’schen Modell wichtige analytische Vorteile, insofern er die problematische Fixierung der öffentlichen Sphäre auf das räsonierende (Lese-)Publikum als Kernstück der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘ vermeidet und die öffentliche Meinung als Beobachtung zweiter Ordnung in den Blick rückt. Zudem misst die Theorie Luhmanns der Entwicklung und Eigendynamik der frühneuzeitlichen Kommunikationssysteme zentrale Bedeutung bei. In der gemeinsamen Diskussion wurden die Stärken des Luhmann’schen Kommunikationsbegriffs hervorgehoben, zugleich jedoch auch die für die Systemtheorie typische Ausblendung der Akteursperspektive sowie der dominante Modernitätsfokus der Rede von der funktionalen Differenzierung kritisch angemerkt.

Anita Traninger (Freie Universität Berlin, Einstein Junior Fellow und SFB 980) betonte in ihrem Diskussionsbeitrag zu „Öffentlichkeit und Geheimnis“ ausgehend von Norbert Hinskes einschlägigem Aufsatz zum „Wahrheitsverständnis der deutschen Spätaufklärung“ die strukturelle Verschränkung von Öffentlichkeit und Geheimhaltung in der Kommunikationspraxis der Aufklärung. Wie die miteinander verbundenen Beispiele der Berlinischen Monatsschrift und der Berliner Mittwochsgesellschaft als zwei maßgebliche Instanzen der Spätaufklärung in Deutschland zeigen, ist die Geheimhaltung entgegen dem normativen Fokus auf Öffentlichkeit als systematischer Faktor des Aufklärungsprozesses in Rechnung zu stellen, und dies nicht nur an den Rändern der aufklärerischen Bewegung. In ihren kritisch über Hinske hinausgehenden Erläuterungen hob Anita Traninger zudem auf das qualitative Gefälle hinsichtlich des Unparteilichkeitsbegriffs als der zentralen ideellen Klammer zwischen den beiden Berliner Aufklärungsinstitutionen ab und betonte angesichts der forcierten Geheimhaltungspolitik der Berliner Mittwochsgesellschaft und ihres gesteigerten Unparteilichkeitsanspruchs zugleich die argumentativen Kosten des aufklärerischen Öffentlichkeitsdispositivs, gerade auch im Vergleich mit den tradierten Debattenmodi der Universität. In der allgemeinen Diskussion wurde der Mehrwert eines solchen Blicks auf die konkreten kommunikativen Praktiken und Öffentlichkeitsstrategien der Aufklärung hervorgehoben und die Frage nach den weiteren Implikationen der Geheimhaltung gestellt.

In seinem Diskussionsimpuls zur „Aufklärung als Stilfrage“ nahm Kirill Abrosimov (Universität Augsburg) Bezug auf Elena Russos Überlegungen in Styles of Enlightenment, um die Frage nach dem kommunikationsgeschichtlichen Profil der Aufklärung neu zu stellen. In Abkehr vom Habermas’schen Modell der einen vernunftorientierten Öffentlichkeitssphäre entwickelte er im Anschluss an Russo die Konzeption konkurrierender Stile in der Adressierung und Konstituierung verschiedener Öffentlichkeiten und unterschied idealtypisch zwischen dem der Konversation und dem vielstimmigen selbstreflexiven Dialog verpflichteten Modell und dem Pathos der Begeisterungseloquenz bzw. der politischen Sprache des Neo-Republikanismus seit den 1730er Jahren. Im Gegensatz zu Russo sind diese Stilkonzeptionen für Abrosimov jedoch nicht linear den Vertretern eines galanten Literaturideals von Mlle de Scudéry bis Marivaux einerseits und den normativer ausgelegten Sprecherpositionen der „philosophes“ andererseits zuzuordnen. Vielmehr sind die Protagonisten der Aufklärung, wie Abrosimov betonte, als Virtuosen verschiedener Stilentwürfe und Kommunikationsmodelle zu verstehen, welche je nach medialem Format und Adressat unterschiedlich ausgelegt wurden. Die allgemeine Diskussion vertiefte die Kritik an der Bipolarität von Russos grundsätzlich fruchtbarem analytischem Ansatz und unterstrich die Wichtigkeit der Frage nach den konkreten Kommunikationssituationen und -medien.

Luciana Villas Bôas (Universidade Federal do Rio de Janeiro/Freie Universität Berlin) knüpfte in ihrem abschließenden Diskussionsbeitrag zu „Autorschaft und Aufklärung“ an die Konzeptionen Dorotheas von Mücke („Authority, Authorship, and Audience: Enlightenment Models for a Critical Public“) an und stellte die Frage nach der sich wandelnden Rolle von Autorschaft, insbesondere auch mit Blick auf ihre politischen Implikationen. Entgegen dem dominanten Fokus der Aufklärungsforschung auf das Lesepublikum ist der Blick verstärkt auf das sich selbst artikulierende Publikum zu richten, in dem potentiell jeder zum Autor werden kann und „can talk back“, wie Villas Bôas mit von Mücke betonte. In diesem Zusammenhang hob sie auch die Konzeption der „live audience“ hervor, eines Publikums, das sich zwar ursprünglich im schriftlichen Rahmen konstituiert, dann aber in einem konkreten Debattenkontext ein unmittelbareres Interaktionspotential entfaltet. Am Beispiel von Kants Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung?“ wurde die Autorschaftsproblematik von Villas Bôas weiter entfaltet, verbunden mit der grundsätzlichen Frage nach einem Metabegriff von Aufklärung. In der anschließenden Diskussion wurde insbesondere der Zusammenhang von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Konstitution des Publikums erörtert sowie die Frage nach der Rolle des Volkes im Prozess der Aufklärung gestellt.

Die gemeinsame Abschlussdiskussion verdeutlichte nochmals, dass der Frage nach der spezifischen medialen Verfasstheit der unterschiedlichen Sphären von Öffentlichkeit ebenso zentrale Bedeutung beizumessen ist wie der Erforschung der konkreten Kommunikationspraktiken der historischen Akteure. Insgesamt wurde die Notwendigkeit theoretischer Konzeptionen offenbar, die die Fülle der empirischen Einzeluntersuchungen zu relationieren und zu integrieren erlauben.