Formen und Transformationen Pythagoreischen Wissens: Askēsis – Religion – Wissenschaft

Internationale Tagung organisiert vom Teilprojekt C02 "Askese in Bewegung: Formen und Transfer von Übungswissen in Antike und Spätantike", 22.-24. Oktober 2013

07.04.2014

Tagungsposter

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Bericht von Almut-Barbara Renger und Alessandro Stavru
 

1. Überlieferungs- und Forschungslage

In der pythagoreischen Überlieferung stehen zwei Auffassungen einander gegenüber – Pythagoras als Guru und religiöser Führer einerseits, als Philosoph und Wissenschaftler andererseits. Diese zum Teil stark voneinander divergierenden Ansätze sind schon für den antiken Pythagoreismus charakteristisch und haben bis in die Neuzeit und in die Forschung der Gegenwart hinein eine Fülle von Thesen provoziert. Im vorherigen Jahrhundert haben sich insbesondere folgende Forschungsperspektiven herauskristallisiert: Auf der einen Seite wurden die „schamanischen“ und „mystischen“ Elemente des pythagoreischen Wissens untersucht und bis auf die legendäre Gestalt des Pythagoras zurückverfolgt (vgl. insbes. Dodds 1951, Burkert 1962/1972, Kingsley 1995); auf der anderen Seite wurden die „philosophischen“ und im engeren Sinne „wissenschaftlichen“ Aspekte des Pythagoreismus studiert, oft im Versuch, die „irrationalen“ Elemente des „Protopythagoreismus“ zu relativieren wenn nicht sogar zu leugnen (so zuletzt Zhmud 1997/2012). Parallel zu diesen Ansätzen wurde vor allem von angelsächsischen Gelehrten der Versuch unternommen, diese beiden Stränge pythagoreischen Wissens zu verbinden und in Einklang zu bringen. Grundlegend waren hier die Arbeiten von Burnet (1908), Cornford (1922/1923) und Guthrie (1962), wonach Pythagoras zugleich als ein religiöser Führer und als ein Wissenschaftler präsentiert wurde. Die aus diesem Ansatz resultierenden Rekonstruktionen waren allerdings oft nicht ohne Widersprüche, so dass sich in den letzten Jahren die Tendenz durchgesetzt hat, diese beiden Wissensrichtungen zu trennen und separat zu analysieren (vgl. v.a. die Arbeiten von Carl Huffman). Dies hat u.a. dazu geführt, dass die verschiedenen Wissensbestände der pythagoreischen Tradition bis heute zumeist unabhängig voneinander erforscht werden und die Zusammenhänge ihrer Entstehung, Tradierung und Epistemisierung immer mehr in den Hintergrund gerückt sind.


2. Intention und Desiderat der Tagung. Ausschreibung eines internationalen Call for Papers

Um dieser Tendenz entgegen zu wirken, wurde unter der Schirmherrschaft der „International Association for Presocratic Studies“ und der „Gesellschaft für Antike Philosophie“ vom Teilprojekt CO2 zu einer Konferenz über die „Formen und Transformationen Pythagoreischen Wissens: Ethik – Religion – Wissenschaft“ ein internationales call for papers ausgeschrieben. Die aus mehreren Ländern der Welt eingegangenen Abstracts wurden von einem Panel renommierter Pythagoreismusforscher (A. Bernabé, J. Bremmer, G. Cornelli, L. Gemelli Marciano, R. McKirahan, C. Macris, L. Zhmud) evaluiert. Dieser Evaluation folgend wurden 26 Redner eingeladen, um den Fragen nachzugehen, inwiefern die verschiedenen, in der pythagoreischen Tradition bezeugten Wissensbestände sich im Laufe der Jahrhunderte transformiert haben und inwiefern das in den akousmata bzw. symbola überlieferte praktische Übungs- und Erfahrungswissen der pythagoreischen Akteure – mit seinen asketischen und superstitiösen Aspekten institutionalisierter Vorschriften und Lebensregeln – sowohl mit den „religiösen“ als auch mit den im engeren Sinne „wissenschaftlichen“ Wissensformen des Pythagoreismus zusammenhängt.

3. Askēsis und Religion

Eröffnet wurde die Konferenz mit der Keynote von Alberto Bernabé (Madrid): „Some Thoughts about Pythagorean Eschatology“, der sich in seinem Vortrag mit dem orphischen Wissen über Pythagoras auseinandersetzte. Es wurden Probleme und mögliche Lösungen zur Frage nach einer „Pythagoreischen Eschatologie“ aufgezeigt. Insbesondere wurde anhand einer Fülle von ikonographischen und textuellen Belegen gezeigt, wie dieses Wissen und die damit zusammenhängenden religiösen Lehren sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelten und modifizierten.

Richard McKirahan (Los Angeles), Gabriele Cornelli (Brasilia) und Maurizio Giangiulio (Trento) betrachteten pythagoreisches Wissen im Kontext asketischer Lebensdeutung und religiöser Aspekte. R. McKirahan gab einen Überblick über Philolaos’ Auffassung der Seele und wies auf deren Zusammenhänge mit anderen Aspekten pythagoreischen Wissens hin. G. Cornelli untersuchte diesen Sachverhalt bei Aristoteles und zeigte, wie sich die pythagoreischen Mythen zur Seelenwanderung im aristotelischen corpus ausdifferenzieren. Die Neubewertung des pythagoreischen bios theōretikos anhand der Fragmente von Aristoxenos und Timaeos war der Fokus im Beitrag von M. Giangiulio. Hier wurde dargelegt, inwiefern die akousmatische Tradition innerhalb der pythagoreischen Gemeinden Großgriechenlands als etabliertes Wissen galt.

3. Orphische und platonische Transformationen

Hinsichtlich der Aneignung der Figur des Orpheus seitens des Pythagoreismus hinterfragte Francesc Casadesús (Mallorca) Pythagoras’ Rückgriff auf Elemente orphischen Wissens vor dem Hintergrund der ihm von Heraklit vorgeworfenen kakotechniē. Luc Brisson (Paris) analysierte die ideologischen und wissenstheoretischen Inhalte der Begegnung zwischen Orpheus, Pythagoras und Platon in den Fragmenten des orphischen Dichters Aglaophamus.

In seinem Vortrag über die griechische Arithmologie diskutierte Leonid Zhmud (St. Petersburg) im Kontext neuplatonischer Transformationen das Wissen der frühpythagoreischen Zahlenlehre mit Bezug auf Philolaos und auf die Transformationen, die bei Platon und seinen unmittelbaren Nachfolgern in der Akademie vorzufinden sind. Sylvana Chrysakopoulou (Ioannina) setzte sich in ihrem Beitrag mit Platons Theorien zur Seelenwanderung auseinander, indem sie aufzeigte, dass in den Dialogen dieses Wissen teils Pythagoras, teils aber auch Parmenides zugeschrieben wird.

4. Medizin und Musik

Anhand vorhandener Quellen aus dem Krotonischen Raum dokumentierte Stavros Kouloumentas (Berlin), dass das Interesse der frühen Pythagoreer an Medizin und verwandten Wissensbereichen durch moralische und religiöse Überzeugungen motiviert waren. Hynek Bartoš (Prag) beschäftigte sich in seinem Beitrag mit der „Legende“ der pythagoreischen Diätetik sowie mit dessen Überlieferungsgeschichte, während Andrew Barker (Birmingham) das dem Pythagoras in verschiedenen Zeiträumen zugeschriebene Wissen über Perioden der Schwangerschaft diachronisch darstellte.

Es folgten zwei Vorträge zu der nach pythagoreischer Auffassung postulierten Beziehung zwischen Mathematik und Musik. In diesem Panel wurde das pythagoreische Wissen über die Anwendung der Musik auf die Affekte des Menschen diskutiert. Antonietta Provenza (Palermo) widmete sich in ihrem Vortrag den Theorien, die die Auswirkungen der Musikinstrumente auf den Charakter der Menschen behandeln. Emidio Spinelli (Rom) beschäftigte sich mit der Kritik des Sextus Empiricus an der Lehre, wonach die Musik imstande sei, die Leidenschaften der Menschen zu beeinflussen.

5. Späte Transformationen

Gyburg Uhlmann (Berlin) untersuchte in ihrer Abhandlung die pythagoreischen Wissensbestände im Neuplatonismus und fragte, ob Neuplatonismus und Neupythagoreismus als Beispiele spätantiken Wissenstransfers aufzufassen seien. Eugene Afonasin (Novosibirsk) zeigte die Fülle von Informationen über pythagoreisches Wissen in den Stromateis des Clemens von Alexandria auf und stellte sie vor den Hintergrund der platonischen Philosophie. Dirk Baltzly (Tasmania) analysierte Proklos’ Kommentar zu Platons Timaios, indem er der Frage nachging, ob dem hier bezeugten askēsis-Begriff ein Transfer pythagoreischen bzw. sokratischen Wissens zugrundeliegen könnte. Der Einfluss pythagoreischen Wissens auf das frühe Christentum wurde von Irini Viltanioti (Bruxelles/Oxford) und Luca Arcari (Napoli) thematisiert. Die Bedeutung und der Transfer dieses Wissens im europäischen Mittelalter wurden in den folgenden Beiträgen diskutiert: Bernd Roling (Berlin) setzte sich im Hinblick auf Pythagoras und seinen Einfluss auf die christliche Eschatologie mit der Erkenntnislehre des scholastischen Philosophen Wilhelm von Auvergne auseinander, während Tengiz Iremadze (Tbilisi) einen Überblick über die Rezeption pythagoreischer Wissensbestände in der Kaukasischen Philosophie gab (insbesondere bei David dem Unbesiegbaren und Joane Petrizi). Anna Izdebska (Warschau) und Beate La Sala (Berlin) richteten die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Tradierungsformen pythagoreischen Wissens in der arabischen Überlieferung. Anne Eusterschulte (Berlin) untersuchte die Pythagoreismusrezeption in der Renaissance und bei Giordano Bruno. Die Bedeutung, die bei bei Leibniz die mathematischen Wissensbestände des Pythagoreismus einnehmen, wurde im Vortrag von Samuel Galson (Princeton) behandelt.


6. Übungswissen

Das letzte Panel der Konferenz widmete sich mit den Referenten Constantinos Macris (Paris) und Jan Bremmer (Groningen) dem pythagoreischen tropos tou biou. Macris untersuchte anhand von Jamblichos’ Vita Pythagorica den Zusammenhang zwischen den Lebensstil der pythagoreischen Gemeinden Süditaliens und dem daraus resultierenden Übungswissen. Bremmer richtete sein Augenmerk auf den Einfluss der pythagoreischen Askese auf die frühen, christlichen Mönche (insbesondere auf Athanasios’ Lebensbeschreibung des Antonius). In diesem Zusammenhang wurde auch der Transfer des pythagoreischen Übungswissens auf unterschiedliche, frühchristliche Lebenspraktiken untersucht.

7. Terminologische Fragestellungen

Auf der Tagung wurden verschiedene Formen und Felder des Pythagoreischen Wissens dargestellt und diskutiert. Es wurde aufgezeigt, welche Auswirkungen diese sowohl innerhalb der frühen Pythagoreischen Überlieferung, als auch auf dessen Rezeption in der Spätantike, im lateinischen und arabischen Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gehabt haben. Dabei wurden unterschiedliche disziplinäre Felder und historische Perioden abgedeckt. Im anschließenden „Round Table“ wurden diese Fragestellungen sowohl thematisch als auch terminologisch untersucht. Insbesondere wurde diskutiert: 1. Welche Termini für das Verständnis Pythagoreischen Wissens grundlegend sind, und zwar sowohl in den „epistemischen“ als auch in den „nicht-epistemischen“ Wissensbereichen; 2. Welche Begriffe den Transfer dieser Wissensbestände im Laufe der Jahrhunderte paradigmatisch darstellen; 3. Welche diachronischen und synchronischen Implikationen mit diesen Termini verbunden sind; 4. Inwiefern diese Begriffe einen Zusammenhang zwischen der Pythagoreischen Askese, Religion und Wissenschaft beschreiben bzw. implizieren.

Die englischsprachigen Abstracts der einzelnen Vorträge sind auf der Website der Tagung abrufbar:
http://www.sfb-episteme.de/veranstaltungen/Tagungen/Pythagoreisches_Wissen/index.html.

Ein Tagungsband mit den Beiträgen der Konferenz ist in Vorbereitung.
Manuela Möbius-Andre, Almut-Barbara Renger, Alessandro Stavru, Alexandra Stellmacher

Konferenzübersicht

Plenary Opening Session
A.-B. Renger & A. Stavru: Einleitung
A. Bernabé (Madrid), Keynote: Some Thoughts about Pythagorean Eschatology

Plenary Session “Askēsis & Religion”
R. McKirahan (Los Angeles): Philolaus on the Nature of the Soul
G. Cornelli (Brasilia): Aristotle and the Pythagorean Myths of Metempsychosis
M. Giangiulio (Trento): Timaeus and Aristoxenus on the Pythagorean Way of Life

I. Early Transformations

A. Parallel Session “Orphic Transformations”
F. Casadesús (Mallorca): The Appropriation of the Figure of Orpheus and Orphic Doctrines: an Example of Pythagoras’ Artful Knavery (Kakotechniē)?
L. Brisson (Paris): Orpheus, Aglaophamus, Pythagoras, Plato

B. Parallel Session “Platonic Transformations”
L. Zhmud (St. Petersburg): Greek Arithmology: Pythagoras or Plato?
S. Chrysakopoulou (Ioannina): Plato on Theoria and the Transmigration of the Soul: Pythagoras or Parmenides?

II. Pythagorean Science

A. Parallel Session “Medicine”
S. Kouloumentas (Berlin): The Early Pythagoreans on Medicine
H. Bartoš (Prague): The Legend of Pythagorean Dietetics
A. Barker (Birmingham): Pythagoreans and Medical Writers on Periods of Human Gestation

B. Parallel Session “Music”
A. Provenza (Palermo): The Pythagoreans and the Effects of Musical Instruments between Religion and Paideia
E. Spinelli (Roma): ‘Are Flute-Players Better than Philosophers’? Sextus Empiricus on Music, against Pythagoras

III. Late Transformations

A. Parallel Session “Neoplatonism”
G. Uhlmann (Berlin): Neuplatonismus und Neupythagoreismus - ein Beispiel spätantiken Wissenstransfers?
E. Afonasin (Novosibirsk): The Images of Pythagoras in Later Tradition
D. Baltzly (Tasmania): Pythagorean–Socratic Askēsis in Proclus’ Timaeus Commentary

B. Parallel Session “Early Christianity”
I.F. Viltanioti (Bruxelles/Oxford): Porphyry’s Letter to Marcella: A Literary Attack on Christian Appropriation of (Neo)Pythagorean Moral Wisdom?
L. Arcari (Napoli): Reinventing the Pythagorean Tradition in the IV Century CE. The Cohortatio ad Graecos

A. Parallel Session “European Middle Ages”
B. Roling (Berlin): Pythagoras and Christian Eschatology: William of Auvergne and the Debate of Transmigration in Medieval Scholasticism
Iremadze (Tbilisi): Pythagoreische Lehre im Kaukasus

B. Parallel Session “Arab Tradition”
A. Izdebska (Warsaw): The Pythagorean Doctrine of the One as the Archē in the Works of Ikhwan Al-Safa and Al-Shahrastani
B. La Sala (Berlin): Ibn Sina’s and Al-Ghazali’s Approach towards Pythagoreanism

A. Parallel Session “Renaissance”
A. Eusterschulte (Berlin): Giordano Bruno und die Pythagoreismusrezeption in der Renaissance

B. Parallel Session “Modernity”
S. Galson (Princeton): Unfolding Pythagoras: Leibniz, Myth, and Mathēsis

Plenary Session “Way of Life”
C. Macris (Paris): How to Live Differently within a Community: on the ‘Hetairic’ Origins of the Pythagorean Way of Life and Its Peculiar Character (Idiasmos)
J. Bremmer (Groningen): Pythagorean Life in Late Antique Biographies and in the First Ascetic Monks

Round Table
Forms and Transfers of Pythagorean Knowledge: Askēsis – Religion – Science


Bibliographische Hinweise

Burnet 1908: Early Greek Philosophy, London 1908.

Burkert 1962/1972: W. Burkert, Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon, Nürnberg 1962. Engl. Lore and Science in Ancient Pythagoreanism, Cambridge Mass. 1972.

Cornford 1922/1923: F.M. Cornford, “Mysticism and Science in the Pythagorean Tradition”, The Classical Quarterly, 16 (1922): S. 137-150 und 17 (1923): S. 1-12.

Dodds 1951: D.E. Dodds, The Greeks and the Irrational. University of California Press, Berkeley Cal. 1951.

Kingsley 1995: P. Kingsley, Ancient Philosophy, Mystery and Magic: Empedocles and the Pythagorean Tradition, Oxford 1995.

Guthrie 1962: W.K.C. Guthrie, A History of Greek Philosophy, vol. I: The Earlier Presocratics and the Pythagoreans, Oxford 1962.

Zhmud 1997/2012: L.J. Zhmud, Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997. Engl. Pythagoras and the Early Pythagoreans, Cambridge 2012.


Zitierweise

Tagungsbericht. Forms and Transformations of Pythagorean Knowledge: Askēsis – Religion – Science. Jahrestagung des Teilprojekts C02 „Askese in Bewegung: Formen und Transfer von Übungswissen in Antike und Spätantike“, SFB 980 „Episteme in Bewegung“. 22.–24.10.2013, Freie Universität Berlin, <http://www.sfb-episteme.de/Listen_Read_Watch/berichte/Pythagoras-Tagung_Renger/index.html>