Prof. Dr. Elisabeth Oy-Marra (Johannes Gutenberg-Universität Mainz): Grazia, facilità, vivezza. Das Wissen der Künstler in den Viten Belloris: Die Idee der Schönheit und die Konzeption unterschiedlicher Personalstile

27.01.2014

Gastvortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Darstellungswissen – Wissensdarstellung“ der Konzeptgruppe III, auf Einladung des Teilprojekts B05 „Theorie und Ästhetik von ‚Nicht-Wissen‘ in der Frühen Neuzeit. Aspekte einer Konzeptualisierung elusiven Wissens am Beispiel ästhetischer Kategorien und ihrer Transformation“, Leitung: Prof. Dr. Ulrike Schneider
   

Bericht von Mira Becker    

Die „Zweisprachige Kommentierte Ausgabe von Giovan Pietro Bellori: Le vite de’ pittori, scultori et architetti moderni, Rom 1672, inklusive der unpublizierten Viten Guido Renis, Andrea Sacchis und Carlo Marattas“ ist Thema des von Elisabeth Oy-Marra geleiteten aktuellen Forschungsprojekts. Aus der Arbeit an diesem Projekt heraus fokussierte die Kunsthistorikerin in ihrem Vortrag das in Belloris Künstlerviten sowie beispielsweise in Marattas Bildfindung der „Scuola di disegno“ verhandelte Verhältnis von Schönheit, Wissen und Praxis. Dabei stellte Oy-Marra vor allem heraus, dass das Wissen des Künstlers um die bellezza superiore als ein schwer fassliches, geradezu unbestimmbares konzipiert und dargestellt werde – vergleichbar den drei Grazien in Marattas Zeichnung, die als Personifikationen der Schönheit auf Wolken in einer anderen Sphäre über der erlernbaren Geometrie und anderen Wissensdisziplinen der Künstlerwerkstatt schwebten.

Als ein Wissen, das zuallererst und nur in den Werken der Kunst realisierbar werde, entspringe das Wissen um die Schönheit una certa idea/ einer gewissen Idee des Künstlers, deren Herkunft im Dunkeln liege. Die Idea berge eine Vielfalt an Formen der Schönheit, deren Darstellung in Belloris Kunsttheorie an die Künstlercharaktere rückgebunden werde und dementsprechend mit unterschiedlichen ästhetischen Kategorien verbunden werden könne. Im Falle der Vita Lanfrancos sei es z.B. die facilità als Leichtigkeit, Mühelosigkeit und Schnelligkeit im Prozess der Poiesis des Kunstwerks, die den Personalstil des Künstlers kennzeichne.

Betreffe diese unbestimmbare Idee die Produktionsästhetik, die an die Konzeptualisierung von Personalstilen gekoppelt werde, stellt Oy-Marra dieser auf rezeptionsästhetischer Seite das non so che/ ich weiß nicht was gegenüber. Wechselwirkungen ergeben sich in diesen Diskursen von Theorie und Ästhetik, Texten zur Kunst und den Kunstwerken, die zum einen die Selbststilisierung der Künstler in Bezug auf bestimmte ästhetische Kategorien und Konzepte in Gang setze und zum anderen die Kunstbetrachtung der Zeitgenossen wie auch die Sensibilität für die Malereiästhetik seitens der Theoretiker prägte. Gerade diese Aspekte wurden in der Diskussion im Anschluss an den Vortrag vertieft.

Abschließend gab Oy-Marra einen Ausblick auf den Vergleich von italienischer und französischer Kunsttheorie im 17. Jahrhundert, der gerade in Bezug auf die Bestimmung des Verhältnisses von Wissen und Schönheit kontrastreich sei: so stehe die unbestimmbare Idee des Schönen mit der grazia auf italienischer Seite jenem Interessensschwerpunkt der Erlernbarkeit der Kunst und der ratio auf französischer Seite gegenüber.

Diesem Aspekt konnte an jener Stelle nicht weiter nachgegangen werden. Zum französischen 17. Jahrhundert und der Rezeption und Transformation der italienischen sprezzatura aus literaturwissenschaftlicher Sicht sprach im folgenden Gastvortrag auf Einladung des Teilprojekts B05 Jörn Steigerwald.