Wissenstransfer in den Aristoteles-Handschriften: Bibliothek, Schule, Gelehrtenkreis

27.06.2014 - 27.07.2014

Studientag mit Prof. Dr. Christian Brockmann und Dr. Stefano Valente (Universität Hamburg)

organisiert von dem Teilprojekt A04 "Prozesse der Traditionsbildung in der De interpretatione- Kommentierung in Spätantike und Mittelalter" (Leitung: Prof. G. Uhlmann)

Prof. Christian Brockmann illustrierte anhand einiger Codizes naturwissenschaftlicher Traktate des Aristoteles (Marc. 210, Marc. 211, Vind. phil. 100, Par. gr. 1853) aus dem Gelehrtenkreis um Kardinal Bessarion (1403–1472), wie das Ringen um die beste Text- und Organisationsform der philosophischen Korpora im Kreis des Bessarion, kurz vor der Etablierung des Buchdrucks, zu regelrechten Neueditionen in Manuskriptgestalt führte. Anhand von Randbemerkungen, Erklärungstexten, zeitgenössischen Korrespondenzen und vor allem selbst erstellten Indizes, die sowohl nach alphabetischen als auch nach inhaltlichen Kriterien geordnet wurden, konnte Prof. Brockmann nicht nur Praktiken des Sammelns, Organisierens, Auswertens und Weitergebens von Wissen unter den Bedingungen einer Manuskriptkultur beispielhaft präsentieren, sondern auch zeigen, wie durch diese Praktiken die Weitergabe von Wissen gezielt zur Verbreitung von Meinungen und zur Anpassung der Theorien an zeitgenössische philosophisch-theologische Diskurse genutzt wurde.

  

Anschließend stellte Dr. Stefano Valente seine Forschungen zu dem Physiklehrbuch des Nikephoros Blemmydes (1197–nach 1269) vor. Die „Epitome physica“ gilt als das erfolgreichste Werk über Naturphilosophie und Naturwissenschaft in der byzantinischen und nachbyzantinischen Zeit. Dr. Valente gab einen Überblick über die Biographie des Blemmydes und damit einen Einblick in die Bildungscurricula des Reiches von Nikaia. An den Klostern galten Einführungen in Mathematik, Logik und Physik für das Studium der Heiligen Schrift als wichtige Voraussetzung. Die hohe Anzahl erhaltender Handschriften der Epitome, die in ihrer Vollständigkeit noch keine gründliche überlieferungsgeschichtlich-textkritisch und kodikologisch-paläographische Untersuchung erfahren haben, verweist auf diese Bedeutung in wissenschaftshistorischer Hinsicht. Dr. Valente gab daraufhin einen kurzen Überblick über den Stand und die Probleme seiner manuskriptologischen und textkritischen Untersuchung der erhaltenen Manuskripte.

Zeit & Ort

27.06.2014 - 27.07.2014

SFB-Villa, Sitzungsraum, Schwendenerstraße 8, 14195 Berlin