Between the Old and the New Organon: The Library of the Mavrokordati and the Book of Nature

Workshop des Teilprojekts C06 „Transfer und Überlagerung. Wissenskonfigurationen in der Zeit der griechischen homines novi im Osmanischen Reich (1641–1730)“, 6.–7.12.2014

17.01.2016

Organon

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Bericht von Kostas Sarris und Nikolas Pissis

Der fünfte vom Teilprojekt organisierte Workshop widmete sich gemäß der übergeordneten, an den Wissensbereichen der Mavrokordati-Bibliothek angelehnten, Konzeption der Reihe, dem naturphilosophischen Wissen. Dessen Bedeutung für den Wissenstransfer und Wissenswandel unter den osmanischen Eliten im frühen 18. Jahrhundert ist in jüngster Forschung hervorgehoben worden, sodass sich der Workshop an verschiedene Untersuchungen anschließen konnte. Es wurden somit jene Aspekte der phanariotischen Wissenskultur, zwischen (Neo)-Aristotelismus und wissenschaftlicher Revolution, in den Mittelpunkt gestellt, die in der untersuchten Periode, im osmanischen Kontext der „Tulpenzeit“, eine besondere Dynamik entwickelt hatten und die für die historiographischen Zuschreibungen eines Schwellenstatus der frühen Phanarioten eine zentrale Rolle gespielt haben. Ziel des Workshops war es, die Rezeption und Appropriation des naturphilosophischen Wissens in ihren osmanischen Kontext zu stellen, einschließlich der einschlägigen Debatten in der christlichen und islamischen klerikalen Gelehrtenkulturen des Reiches, Spannungen zwischen räumlichen und zeitlichen Achsen des Transfers zu beleuchten und die Vielschichtigkeit der Transferprozesse exemplarisch an den verschiedenen Aristotelismen des 17. Jahrhunderts oder der Aneignung physiologischen, medizinischen Wissens aufzuzeigen. 

Die Einführung von Miltos Pechlivanos (FU Berlin) rückte die Gleichzeitigkeit von kontradiktorischen Lektüren des Buches der Natur an zentrale Stelle. Ausgehend von der Bibliothek von Nikolaos Mavrokordatos stellte er die Untersuchung des Verhältnisses zwischen den Büchern der Bibliothek und dem Buch der Natur im Verständnis des Fürsten als Voraussetzung dar, um zwischen der Innovation als Revolution und der Innovation als Reform historisch unterscheiden zu können. Kostas Gavroglu (Universität Athen) bot manche grundlegende Überlegungen zum Charakter des Wissenstransfers im frühneuzeitlichen Europa, die dem Konzept des SFB 980 entgegenkommen („Mapping natural knowledge in early modern Europe: Is ‘transfer of knowledge’ a relevant historiographical category?”). Anhand einer Kritik von älteren dichotomisch verstandenen Schemata von Zentrum und Peripherie bzw. Original und Imitation, betonte er die Bedeutung der Interaktion zwischen beiden Polen des Transfers und die entscheidende Rolle von kontextgebundenen Bedürfnissen, Motivationen und Strategien für die aktive Appropriation im jeweiligen lokalen intellektuellen Milieu.

Vasilios N. Makrides (Universität Erfurt) befasste sich mit dem Verhältnis von Aristotelismus und Traditionalismus in der Ostkirche während der osmanischen Periode. Seine Arbeitshypothese einer prägenden Macht von traditionalistischen Strukturen in der klerikalen Wissenskultur präsentierte er am Beispiel des Aristotelismus von Theophilos Korydalleus (1570-1645), Professor an der Patriarchatsakademie („Aristotelianism and the Orthodox Church (17th -18th c.): Traditionalist Structures and Attempts at a Scientific Renewal”). Von den anfänglichen Bedenken oder der offenen Ablehnung über die vorsichtige Akzeptanz und bis zur offiziellen Sanktionierung des „Korydallismus“ als philosophischer „Tradition“ des Patriarchats im 18. Jahrhundert, zeichnete er die Aushandlung des Verhältnisses zwischen dem Neo-Aristotelismus und den Prioritäten der Ostkirche nach. Korydalleus und seinem Aristotelismus widmeten sich auch die beiden folgenden Beiträge. Nikos Agiotis (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) beschäftigte sich mit der Kritik von Korydalleus an die „modernen“ (νεώτεροι) Aristoteles-Kommentatoren und zeigte die Mehrdeutigkeit bzw. potentielle Breite der Kategorie, in die fast alle Kommentatoren seit dem 9. Jahrhundert eingeschrieben werden konnten, sich aber hauptsächlich auf die Scholastik zielte („«Ταῦτα μὲν οὖν οἱ νεώτεροι κυκῶσι διὰ τὴν τῆς καινοτομίας λύσσαν»; authentic aristotelian tradition and its rivals in the philosophical work of Theophilos Corydalleus”). Diese Kritik ist selbst als Aspekt eines Transferprozesses zu verstehen, suchte ja Korydalleus die aristotelische Lehre seines Paduaner Meisters, Cesare Cremonini, kreativ anzueignen. Für Manolis Patiniotis (Universität Athen) stellt die Auseinandersetzung mit der katholischen Scholastik auch den Schlüssel dar, um die sonst paradoxe Allianz zwischen dem Konstantinopler Patriarchen Kyrillos Loukaris und Korydalleus zu begreifen. Loukaris, obwohl selbst der kalvinischen Lehre gegenüber aufgeschlossen, doch eher als Konservativer zu klassifizieren, sah im Paduaner Aristotelismus von Korydalleus eine nützliche Alternative zur Scholastik, deren mächtige Präsenz im post-byzantinischen Aristotelismus er im Kontext der eskalierenden Konfessionskämpfe bekämpfen wollte. Die Aufwertung der Naturphilosophie durch Korydalleus war er dafür, Patiniotis zufolge, bereit, in Kauf zu nehmen („Aristotle in Constantinople: Philosophy and politics in the early 17th century Ottoman Empire”).

Harun Küçük (University of Pennsylvania) leistete einen Überblick über die osmanische Diskussion zu Naturphilosophie und Empirie vom späten 16. bis zum frühen 18. Jahrhundert („How Far Can the Senses Go? Empiricism in the Turkish Vernacular“). Er fokussierte auf die osmanische Medizin und ihre Praktik sowie auf die Bedeutung der Sinne für das geographische Wissen und stellte türkischsprachige Texte vor, in welchen von einer Aufwertung des experimentellen Wissens gegenüber dem rational-theoretischen oder religiösen ausgegangen werden kann. Anlässlich eines merkwürdigen kompilatorischen Werkes von Meletios, Metropolit von Athen, befasste sich Kostas Sarris (FU Berlin) mit dem Transfer der sogenannten „vernacular natural philosophy“ durch einen griechisch-orthodoxen Hierarchen auf dem Feld des medizinischen Wissens („'Experientia hoc edocuit' «ἐτοῦτο τό ἐφανέρωσε ἡ δοκιμή»: transferring empiricism – translating natural philosophy by Meletios of Athens“). Als grundlegende intellektuelle und soziale Voraussetzungen dieses Prozesses machte er das herkömmliche therapeutische Wissen der Iatrosophia-Tradition sowie die volkstümlichen religiösen Glauben der griechisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft am Ende des 17. Jahrhunderts aus.

Die zwei letzten Beiträge waren dem Gelehrten Vikentios Damodos (1700-1752) gewidmet. Pantelis Golitsis (Aristoteles-Universität Thessaloniki) untersuchte Damodos’ Werk zur Logik im Lichte dessen Beziehung zu Descartes’ Logik und kam zum Schluss, dass sich Damodos wesentlich vom scholastischen Aristotelismus als auch von jenem des Korydalleus abgrenzt, um sich der moderaten kartesianischen Schule hinzuwenden. In diesem Zusammenhang übersetzte er die Logik von Port-Royal ins Griechische („Λογικήἐλάσσων καὶ μείζων περιπατητικὴ καὶ νεωτερική: What is ‘peripatetic’ and what is ‘modern’ in Vikentios Damodos’ minor and major logic?“). Giorgos Vlahakis (Hellenic Open University) befasste sich mit der „Kausalen Physiologie“ (Φυσιολογία Αιτιολογική) von Damodos und deren Rezeption, um eine weitere Dimension der Überlagerung aufzuzeigen. (“Reappraisal of the debate between newtonian and (neo)aristotelian thought in early 18th century Greek manuscripts of natural philosophy”). Während Damodos selbst das Experiment als nicht vertrauenswürdig für die Bestimmung der Ursachen ablehnte, stößt man in einem handschriftlichen Kompendium der Physiologie von einem seiner Schüler auf die erste Erwähnung von Newton in der griechischsprachigen Literatur.

Die Beiträge des Workshops sowie die daran anschließenden Diskussionen haben das Teilprojekt in seinen Forschungsprämissen und Arbeitshypothesen bestärkt. Die Gleichzeitigkeit und Kompatibilität von an sich widersprüchlichen Lektüren und Deutungen des Buches der Natur im phanariotischen und im breiteren osmanischen Kontext wurden an unterschiedlichen Beispielen belegt, während die Untersuchung des Transfers von naturphilosophischem Wissen im selben historischen Kontext ohne die Dynamik des Wissenswandels zu verkennen, die Grenzen jeder evolutionär-teleologischen Simplifizierung und/oder vermeintlichen Dichotomie zwischen einem traditionellen, aristotelischen und einem modernen, von der wissenschaftlichen Revolution ausgehenden Weltbild, eindeutig demonstrierte.