Wissenskulturen der Vormoderne: Autorisierungen – Remediationen – Transfers

Gemeinsame Nachwuchstagung mit dem Tübinger Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)“, veranstaltet von den Teilprojekten B02 und A06, 03.–05.05.2018

29.10.2018

Plakatausschnitt Wissenskulturen

Plakatausschnitt Wissenskulturen
Bildquelle: Giovanni di Ser Giovanni Guidi: 'Lo Scheggia', Wikimedia commons

Bericht von Dr. Tilo Renz
 

Im Fokus des Tübinger Graduiertenkollegs 1662 steht mit dem Wissen von religiösen Inhalten und in religiösen Zusammenhängen ein Wissensbereich, der auch im Berliner Sonderforschungsbereich 980 „Episteme in Bewegung“ besondere Aufmerksamkeit erfährt. Dies war Grund genug, einen gemeinsamen Workshop mit Beiträgen von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Prae- und Postdoc-Phase sowie mit zwei Abendvorträgen von Martin Mulsow (Erfurt) und Jörg Robert (Tübingen) zu veranstalten. Der Workshop machte deutlich, dass die partielle Nähe der untersuchten Themenfelder bei durchaus unterschiedlichen Leitbegriffen und methodischer Ausrichtung für eine Kooperationsveranstaltung besonders produktiv ist. Gegenstand der Diskussionen war nicht nur das geteilte Thema, sondern der Austausch schloss auch Korrespondenzen und Unterschiede der Herangehensweisen und Untersuchungsmethoden mit ein.

Im eröffnenden Vortrag unter der Überschrift „Transformationen religiösen Wissens im frühen Minnesang“ verglich die Germanistin Isabell Väth (Tübingen) zwei Versionen eines Minneliedes Meinlohs von Sevelingen. Sie zeigte, dass höfisches und religiöses Sprachregister in beiden Varianten des Liedes auf unterschiedliche Weise zusammenkommen, sodass die Hofgemeinschaft auch als Sakralgemeinschaft erscheinen kann. Väth zeichnete die Vielfalt der Gotteseinbindungen im frühen Minnesang nach.

Nora Schmidt (Berlin, Arabistik) beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit dem Titel „Kirche, umma und die Freiheit vom/zum Gesetz“ mit verschiedenen Passagen des Koran, die Handlungskonstellationen und Figuren der Bibel aufgreifen und modifizieren. Sie zeigte entsprechende Remediationen – im Sinne des Workshop-Titels – zwischen heiligen Texten, insbesondere in einem Durchgang durch Sure 5, etwa anhand der Erzählung von Kain und Abel oder der Herabsendung des Himmelstisches. Nora Schmidt stellte auch die kollektivpsychische Dimension in den beschriebenen Transfers heraus.

Bastiaan Waagmeester (Tübingen, Geschichte) präsentierte sein Forschungsprojekt zu Taufordnungen des frühen Mittelalters, einer wenig verbreiteten und kaum erforschten Quellengattung. Sein Vortrag mit dem Titel „A remote ritual. The compilation of three baptismal ordines in a 9th-c. manuscript for a local priest” untersuchte drei in einer Handschrift im Kontext der karolingischen Reform überlieferte Taufordnungen auf ihre Funktionalität hin und ordnete sie jeweils unterschiedlichen Anlässen zu.

Im Abendvortrag des Wissens- und Ideenhistorikers Martin Mulsow (Erfurt) ging es um „Wissenskulturen am Hof. Zum Strukturwandel epistemischer Kommunikation“. Am Beispiel des Gothaer Hofs stellte Mulsow in diachroner Perspektive eine Mikroanalyse der Ordnung, Institutionalisierung und Vermittlung von Wissen vor. In seine Analyse der Formen epistemischer Vermittlung schloss Mulsow ausdrücklich die Frage nach den Medien des Transfers mit ein. Vor allem aber müsse, so Mulsow, die Untersuchung höfischer ‚Wissenskulturen‘ immer auch auf Herrschaftskonstellationen bezogen werden. Diese seien jedoch keineswegs statisch zu denken, sondern durch einen Eigensinn hinsichtlich der Machtverhältnisse sowie von Multinormativität und Multiloyalität geprägt. Mulsow zeigte den Wandel der Gothaer Wissenskulturen, indem er den Zeitraum von 1660 bis 1810 in Zeitabschnitten von je 30 Jahren betrachtete.

Louis Berger (Berlin, Philosophie/Wissenschaftsgeschichte) zeigte in seinem Beitrag zu „Alchemie und Medizin bei Abraham von Franckenberg“, dass der Blick auf die Inhalte des Wissens immer auch mit der Aufmerksamkeit auf formale Merkmale der Darstellung einhergehen müsse. Er konzentrierte sich daher auf sprachliche Bilder in den Schriften von Exponenten der Alchemie und führte seinen Ansatz anhand der unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen des Motivs der Schlange als Verführerin im christlichen Sinne und als Kugelwesen (Ouroboros) und damit zugleich Symbol des Heils vor. Der Bildgebrauch diene bei Franckenberg nicht der Kommunikation fixierter Inhalte, sondern lade zur Interpretation ein.

Michael Neumaier (Tübingen, Germanistik) konzentrierte sich in seinem Vortrag „Vom Bibeltext zur Spielszene: Die Allegorie des ‚Streits der Töchter Gottes‘ im vorreformatorischen Schauspiel“ auf Veränderungen des Motivs vom Streit der Töchter Gottes im Sündenfall Arnold Immessens und im Künzelsauer Fronleichnamspiel. Der Fokus auf den medialen Veränderungen bei der Aufnahme des Bibeltextes in die Spiele zeigte Modifikationen auf textueller Ebene (wörtl. oder veränderte Zitate, unterschiedliche Figurenkonstellationen) und auf der Ebene des Sprachstils (im Zuge der Anpassung an die didaktische Funktion der Spiele). Der Transfer ins Spiel führe zu einer Verlebendigung, deren epistemologische Effekte aber letztlich offenblieben.

In seinem Beitrag zur „Mystischen Konzeption von Alexander von Suchtens paracelsistischem Traktat ‚De tribus facultatibus‘“ untersuchte Simon Brandl (Berlin, Germanistik) die kosmologischen Spekulationen Suchtens in ihrem Verhältnis zu mystischen Vorstellungen. Im Unterschied zu diesen mystischen Vorstellungen fehle bei Suchten das Konzept der inhabitatio dei und er distanziere sich von Konzepten der unio mystica zugunsten einer Vorstellung von Naturerfahrung als Sinneserfahrung.

Mariam Hammami (Tübingen, Kunstgeschichte) beschäftigte sich in ihrem Vortrag „Wahrheitsansprüche in Bild und Text: Die Figur der Veritas auf Titelblättern religiöser Schriften im 17. Jahrhundert“ mit konkurrierenden Konzeptionen religiöser Wahrheit im Kontext der Reformation, die durch textuelle und bildliche Elemente ausgewählter Frontispize der Antwerpener Buchproduktion jener Zeit zum Ausdruck gebracht werden. Dabei erwiesen sich bestimmte Bildmotive, aber auch die Art und Position der Lichtquelle im Bild sowie die Lichtführung, als besonders bedeutsam.

Iris Helffenstein (Berlin, Kunstgeschichte) beschäftigte sich unter dem Titel „Wiederholung und Bewegung: Allegorische Schaubilder des Wissens bei den Augustiner-Eremiten des Trecento“ mit unterschiedlichen Variationen des Bildmotivs ‚Allegorie des Wissens mit Ordenslehrer‘. Zu beobachten ist eine dominikanische Aneignung des Motivs im Thomas-Fresko der Spanischen Kapelle in Florenz, eine mit Augustinus-Zitaten versehene und daher offenbar für das Studium vorgesehene Fassung in der Eremitani-Kirche in Padua sowie eine Darstellung, die Anschaulichkeit und affektives Potential gewinnt in S. Andrea in Padua.

Beatrice von Lüpke (Tübingen, Germanistik) widmete sich in ihrem Vortrag „Der zweite Sündenfall. Zum Wissen über Adam und Eva in der Vita Adae et Evae und in der Genesis“ der apokryphen Erzähltradition über das Leben Adams und Evas im Anschluss an den Sündenfall. Während die Erzähltradition insgesamt durch das Motiv der Wiederholung gekennzeichnet ist (Eva lässt sich ein weiteres Mal vom Teufel korrumpieren), ergeben sich in der lateinischen Tradition wissensspezifische Transfers durch Varianz, etwa wenn in einer Version das apokryphe Wissen in einem Rückblick vermittelt wird.

Hanna Trauer (Berlin, Philosophie) ging in ihrem Vortrag mit dem Titel „Träume (neu) deuten. Traumwissen in der mittelalterlichen hebräischen Philosophie“ der Rezeption aristotelischer Positionen zum Traum und zum Träumen in der mittelalterlichen Philosophie nach. Insbesondere stellte sie Positionen des spanischen Philosophen jüdischer Abstammung ibn Falaquera vor, der in arabischer Philosophie geschult war, die antike Philosophie aus der arabischen Rezeption kannte und der in hebräischer Sprache schrieb. Trauer arbeitete bei ihm eine Amalgamierung platonischer und aristotelischer Auffassungen heraus sowie sein Bemühen um den Nachweis, dass aristotelisches Wissen in biblischem Wissen bereits vorhanden ist.

Im zweiten Abendvortrag des Workshops beschäftigte sich Jörg Robert (Tübingen) mit „Leichenwissen und Katakombenpoesie – Andreas Gryphius in Rom“. Robert führte aus, dass Texte, die auf Gryphius’ Rom-Aufenthalt bezogen sind, die Verbindung von medizinischem und religiösem Wissen kennzeichnet. Insbesondere illustrierte er diese Einschätzung mit der Spannung zwischen Text und Paratext verschiedener Epigramme, die anatomische wie religiöse Elemente gleichermaßen zum Ausdruck bringen.

Simon Godart (Berlin, Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft) rekonstruierte die Praxis des Zitierens in Montaignes Essais und ging ihren epistemologischen Effekten nach („Une verité empruntée. Zitation und Subversion als Konstituenten der ‚Essais‘ Michel de Montaignes“). Godart zeigte insbesondere, dass sich aus dieser Praxis ein Wahrheitsbegriff ergibt, der von einem Vorbehalt geprägt ist und sich durch die Reflexion der eigenen Begrenztheit auszeichnet. Auch die ethische Dimension des Zitierens wird von Montaigne als gering veranschlagt: Für Rechenschaft für das Gesagte verweist er weiter an diejenigen, von denen er genommen hat.

In seinem Vortrag mit dem Titel „Warum dasselbe nicht das Gleiche ist. Argumente im Kontext von ‚Widerstand‘ zwischen Zwängen und Transfers (11./12. Jhd.)“ stellte Maximilian Nix (Tübingen, Geschichte) den Umgang mit Bibelzitaten in Traktaten zu Untertanenschaft und Widerstand vor. Seine quantitative Methode führte zu dem Ergebnis, dass die drei untersuchten Bibelstellen mit großer Festigkeit aufgenommen und zudem häufig präzise nachgewiesen werden. Die Reihenuntersuchung zeige, dass sowohl ein genauer Blick auf die einzelnen Textstellen als auch eine Analyse der Kontexte notwendig sei, um zu differenzierten Aussagen über den Stellenwert von biblischem Wissen im Diskurs über den Widerstand zu gelangen.

Linda Gennies und Julia Hübner (Berlin, Sprachwissenschaft) beschäftigten sich in ihrem Vortrag „Zur Frage der Autorisierung in der frühneuzeitlichen Grammatikschreibung“ mit frühneuzeitlichen Sprachlehrwerken des 15. bis 17. Jahrhunderts, die insbesondere für den praktischen Gebrauch in Alltagssituationen verfasst worden sind. Die Autorisierung der Lehrwerke erfolge vor allem durch den Nutzen, den sie Lesern bringen und der etwa durch Verkaufs- und Auflagenzahlen belegt wird. Auch Kompetenzen der Autoren (Sprachfähigkeit durch Auslandsaufenthalt oder Gelehrsamkeit durch lateinische Einsprengsel) oder ihre Einbindung in Netzwerke wurden zur Autorisierung herangezogen.

Im abschließenden Vortrag des Workshops interpretierte Timo Stahlkopf (Tübingen, Germanistik) unter dem Titel „Abseits der Norm. Das neue/andere Weltbild in Klopstocks ‚Messias‘“ das klopstocksche Epos auf seine physikotheologischen Implikationen hin. In der Beschreibung von Gegenständen der Natur und in der Reflexion über ihren Nutzen und ihre Schönheit werde die Natur als zweite Offenbarung Gottes lesbar. Auch wenn im Messias die detaillierte Naturbeschreibung fehle, gehe es doch um eine Erfahrung Gottes in der Natur.