Narrative Knowledge – Anecdotal Strategies in Cicero’s Writings

Internationaler Workshop des latinistischen Teilprojekts B07 „Die Anekdote als Medium des Wissenstransfers“, 25.–26.10.2019

Ausschnitt Veranstaltungsposter

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Bericht von Matthias Grandl

Der Workshop galt neben der weiteren Auslotung der projektspezifischen Frageperspektiven zur Theorie der Anekdote und zu deren Erscheinung als Form des Wissenstransfers in Texten der lateinischen Antike zunächst vor allem dem vorläufigen Abschluss des Unterprojektes zu den anekdotischen Strategien Ciceros. Während dort die philosophischen und rhetoriktheoretischen Schriften im Vordergrund standen, sollte der Workshop zudem die Praxis der Ciceronischen Reden und Briefe erschließen und so einen werkübergreifenden Blick auf die Formen, Funktionen und epistemischen Implikationen der Anekdote bei Cicero liefern.

Zunächst führte die Projektleiterin Melanie Möller (FU Berlin) in die einschlägigen Fragestellungen des Workshops ein und stellte den auswärtigen Gästen die bisherigen Ergebnisse der dreijährigen Projektarbeit in Verbindung mit den Begrifflichkeiten und Konzepten des Sonderforschungsbereiches, allen voran mit den „Wissensoikonomien“, dem „negativen Transfer“ und der medialen und materialen Bedingtheit von (durch Anekdoten vermitteltem) Wissen.

Im ersten Vortrag des Workshops mit dem Titel „Demosthenes on the Beach: the Function and Tradition of Demosthenic Anecdotes in Cicero“ fokussierte Henriette van der Blom (University of Birmingham) mit Demosthenes einen immer wiederkehrenden Akteur antiken Anekdotenguts. Daran ließen sich zentrale Fragen nach einer besonderen Stabilisierung anekdotischen Wissens durch sogenannte Wanderanekdoten in Ciceros Œuvre anschließen; auffälligster gemeinsamer Nenner verschiedenster Demosthenes-Erzählungen sei, so van der Bloms Interpretation, ihr Interesse für das rhetorische Praxisbewusstsein des Demosthenes, was sich zugleich mit der Erzählform der Anekdote als Medium der praktischen Lebenswelt engführen lasse. Ein weiterer fundamentaler Aspekt des Beitrags war die Thematisierung der exemplarischen Dimension der Anekdote: Als ausgewiesene Expertin für das römische exemplum konnte Henriette van der Blom nachweisen, wie zwei ausgewählte Demosthenes-Anekdoten als zur Imitation anstoßende Vorbilder für Cicero selbst (oder dessen jeweiliges Sprachrohr) fungieren; gleichwohl habe die Anekdote innerhalb der Logik der Ciceronischen Texte einen Status als eigenständiges Narrativ verdient. Somit zeigte sich bereits hier die Relevanz unseres Projektes für die Abgrenzung der Anekdote von anderen Kleinnarrativen der Klassischen Antike, eine Debatte, die nicht nur für unser Projekt und unsere Veranstaltungen immer wieder von Bedeutung war, sondern auch in der einschlägigen Forschung – vor allem aus der Perspektive der Anekdote – noch zu beantworten war.

Das Ziel von Matthias Grandls (FU Berlin) Beitrag „Cato maior de senectute and Laelius de amicitia as Re-Enactments of Cicero’s Theory of ‘Wit’. On Anecdote, Style, and Knowledge“ war es, die gemeinhin als Ciceronische Theorie des ‚Witzes‘ bezeichneten Ausführungen zum facetum (De oratore 2, 216–290) als antike Anekdotentheorie zu lesen, die auch für die Praxis der Ciceronischen Texte, vor allem für die jeweilige Figuren- und Stilgestaltung gültig bleibt; Grandl illustrierte seine These am Beispiel der unterschiedlichen Auftritte des Cato maior in Ciceros Werk, der sich als besonders „anekdotische Person“ ausweise. Zudem konnte gezeigt werden, wie sich Catos bewusst und kohärent gestalteter anekdotischer Stil in der Schrift Cato maior de senectute auf die darin von ihm vermittelten Wissensinhalte, ja auf das zugrunde gelegte Konzept von Wissen generell auswirkt; statt eines griechisch vorgeprägten (hauptsächlich stoisch anmutenden) theoretischen Wissensbegriffs zeitige, so Grandl, die spezifische Darstellungsform (Catos anekdotischer Stil) die Konfiguration einer praxisorientierten und lebensweltlichen Episteme – ein Konzept, das sich auch für die verwandte Schrift Laelius de amicitia feststellen lasse, in der eine komplementäre Form des facetum zum Einsatz komme.

Mit Ann Vasalys (Boston University) Abendvortrag „Two Anecdotes in Cicero’s Pro Sexto Roscio Amerino: Moving beyond Ancient Rhetorical Theory“ ging es erstmals weg von Ciceros rhetoriktheoretischen und philosophischen Texten mit ihrer Vielzahl von unterschiedlichen Akteuren und Sprechern hin zu Ciceros Reden, die – neben den Briefen – wohl den besten Aufschluss über die Gestaltung seiner eignen persona geben und eine Bewertung der Neigung zu oder, im Gegenteil, der Vermeidung von der Verwendung von Anekdoten in eigener Person versprechen. Vasaly führte die von Cicero erstrebte besondere Bildkraft zweier Anekdoten in dessen erster großer Rede zur Verteidigung des Sextus Roscius im Jahre 80 v. Chr. vor. Mit der anekdotenspezifischen lebendigen Beschreibung, dem Detailbewusstsein sowie einer gewissen Drastik der Szene entfalteten die Narrative eine besondere Wirksamkeit beim Publikum, nicht zuletzt auch durch die Berufung auf eine allen gemeinsame Vergangenheit. Der Beitrag ließ sich somit zum einen einwandfrei an den vom SFB geprägten Begriff der Wissensoikonomie anschließen, hier als einer Art einenden Wissensgleichstands von Autor und Rezipienten, der das rhetorische Gelingen der Anekdote massiv beeinflusst; zum anderen ergänzte er die bereits durch die vorigen Vorträge begonnene Diskussion zur Anekdote zwischen Theorie und Praxis. Jenseits von durch die antike Rhetorik bereitgestellten benachbarten Narrativen (wie der chreia oder dem exemplum) und doch in funktioneller Anlehnung beispielsweise an die Analogie oder die Metapher generiere die Anekdote in Ciceros Rede eine starke Eigengesetzlichkeit. Auch was die konventionellen Formen der Gliederung von Reden anbelange, zeigten die beiden Beispielanekdoten in ihrer Rolle als Markierungen von Schlüssel- und Scharnierpunkten der Rede zwischen narratio und argumentatio ihren autonomen Charakter, womit sich auch Ciceros strategische Verwendung derselben einwandfrei beweisen lasse.

Fabian Zuppke (FU Berlin) ergänzte mit seinem Vortrag „Chronos and Kairos in Cicero’s Anecdotes“ den Überblick über den Einsatz der Anekdote in Ciceros Werk mit Fallbeispielen aus den eher staats- und politiktheoretischen Schriften De re publica und De legibus und rekonstruierte dabei eine „kairotische“ Dimension dieses Narrativs bei Cicero. Ausgehend von Isokrates’ Konzept des καιρός skizzierte Zuppke die entsprechenden Ciceronischen Entwürfe von Zeit, Zufall oder momenthafter Gelegenheit und vor allem die damit in Verbindung stehende Kategorie des (in)decorum als Maßstab von – sowohl moralischer als auch ästhetischer – ‚καιρός-Konformität‘. Anhand von unterschiedlichen Beispielnarrativen diskutierte Zuppke dann den besagten „kairotischen“ Gebrauch der Anekdote bei Cicero. Dabei ergaben sich gerade mit der moralischen und zur Imitation anregenden Dimension erneut Anknüpfungspunkte zum exemplum; so beispielsweise im Fall des Archytas von Tarent, der – im Moment der Diskussion über Zornmanagement als scheinbar passendes Vorbild herangezogen – Rationales über Emotionales zu stellen verstand (De legibus 1, 59f.). Von besonderer Bedeutung war Zuppkes Beitrag mit der Thematisierung der Zeitlichkeit der Anekdote vor allem für die projektinternen und in der einschlägigen Forschung zur Anekdote relevanten Fragen nach der Verortung des Narrativs zwischen Singularität und Wiederholbarkeit; trotz ihrer jeweiligen Spezifik und Situativität böten sich – folge man gerade einer Art kairotischen Systems – Zeiten und Räume zur wiederholten Rekontextualisierung.

Von fundamentaler Wichtigkeit für einen ganzheitlichen Blick auf die Funktionen und vor allem die generischen Formen der Anekdote bei Cicero erwiesen sich die letzten beiden Beiträge zu Ciceros Briefen. Serena Cammoranesi (University of Manchester) ging in ihrem Vortrag „Writer, Addressee, and Anecdotes in Cicero’s Epistulae ad familiares“ Ciceros Selbststilisierung in seinen Briefen mittels Anekdoten nach. Aus definitorischem Blickwinkel lasse sich gerade für die Briefe der etymologische Ursprung der Anekdote (ἀνέκδοτον – „noch nicht herausgegeben“) starkmachen, handle es sich bei einem Großteil des anekdotischen Materials der Ciceronischen Briefe doch sozusagen um „Auto-Anekdoten“, die die Genese eines Wissens um die ganz private persona Ciceros verbuchten. Dementsprechend seien die Erzählungen weniger formal stringent gebaut und glichen eher einem reichen Sammelsurium von anekdotischem Rohmaterial; die oft lose und fragmentarisch erscheinenden Szenen, so die zentrale These Cammoranesis, spiegelten Ciceros persönliche Krisen in Hinblick auf seinen politischen und sozialen Status innerhalb einer ebenso zerrissenen Gesellschaft in Zeiten des schwelenden Bürgerkriegs wider. In der Diskussion stellte sich vor allem die spannende Frage, ob die von Cammoranesi interpretierten Anekdoten, die Cicero in Szenen des Alltags – auf Gastmählern und unter Freunden und Kollegen, auch in die adäquate kolloquiale und teils witzige sprachliche Form gebracht – auch als Anekdoten im engeren Sinne rezipiert und tradiert wurden und als solche auch maßgebend zur Konfiguration des Cicerobildes beigetragen haben; damit bestätigte sich unter anderem auch das von B07 geplante Fortsetzungsprojekt zu „vebrieftem Wissen“, das neben den Briefen Ciceros weitere antike Textcorpora auf von Brief-Anekdoten ausgelöste Wissenstransfers und eine Tradition oder ein Netzwerk von Brief-Anekdoten hin untersuchen möchte.

Zum Abschluss unterzog auch Catherine Steel (University of Glasgow) in ihrem Vortrag mit dem Titel „Anecdotes in Cicero’s Letters to Friends: Creating a Shared Past“ Ciceros Epistulae ad familiares einer systematischen Anekdotenlese. Die Erzählform sei teils von einer natürlichen Direktheit, von Witz und Humor und (im Gegensatz zum exemplum) immer von einer spezifischen Narrativität geprägt. Mit der genauen Rekonstruktion der historischen Situationen und der adressierten sowie in den Anekdoten involvierten Charaktere war Steels Beitrag prädestiniert für eine Engführung mit dem vom SFB geprägten Begriff der Wissensoikonomie: Begreift man die in den Anekdoten transferierten Themen als Wissensbausteine einer von allen Beteiligten erlebten Vergangenheit, so diene die Vielzahl von kursierenden Anekdoten womöglich einer Umschrift der offiziellen Standardversion des Bürgerkrieges. Die Anekdote besteche dabei vor allem durch ihre „Rhetorik der Intimität“ und gewinne dadurch eine besondere persuasive und manipulierende Macht. Steels Ausführungen riefen einmal mehr Ciceros maßgebende Rolle nicht nur bei der Tradition, sondern auch bei der Genese von Wissen ins Gedächtnis – und das sozusagen über seine ‚öffentlichen‘ Schriften hinaus: Gerade seine – mitunter dank dem Medium der Anekdote – so ‚privat‘ anmutenden Briefe erweisen sich (auch aufgrund des Mangels an gleichwertigen Quellen) als veritabler Wissensschatz des politischen ersten vorchristlichen Jahrhunderts.

Die Beiträge und lebhaften Diskussionen des Workshops bestätigten die bisher virulenten Themen unseres Teilprojektes und halfen, die verschiedensten Debatten, so die Verhältnisbestimmung von Anekdote und anderen Kleinformen (allen voran dem exemplum), die Rolle der Anekdote in der argumentativen Logik von Texten und ihren entsprechend systematischen Einsatz bei Cicero sowie ihr epistemisches Potenzial genauer auszuloten. Der Blick in die verschiedenen Genres des Ciceronischen Werkes machte jedoch auch die generischen Unterschiede der Anekdoten deutlich, verlangte somit einen noch weiter auszudifferenzierenden Umgang mit unserem Forschungsobjekt und ermutigte uns, die Anekdote als heuristisches Instrument auch auf weitere Textarten der Klassischen Antike anzuwenden.