Geheimnis und Darstellung

Internationale und interdisziplinäre Tagung veranstaltet von den germanistischen SFB-Teilprojekten A06 und B02, 27.–29.09.2018

09.10.2018

Plakatausschnitt

Plakatausschnitt
Bildquelle: Johannes (1452-1519), von Leonardo Da Vinci, Wikimedia Commons, Musée du Louvre

In Kunst und Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sind Phänomene des Rätselhaften und Geheimnisvollen weit verbreitet. Für beide gilt, dass sie zugleich etwas der Wahrnehmung entziehen und zu erkennen geben – Darstellung und Geheimnis bzw. Rätsel sind damit in paradoxer Weise aufeinander bezogen.  

Die Tagung nahm wissensgeschichtliche und ästhetische Dimensionen von Geheimnis und Rätsel in den Blick, wobei das besondere Interesse unterschiedlichen Formen der Darstellung in Texten, aber auch in bildender Kunst und Musik sowie in rituellen Praktiken galt. Wiederholt wurde im Verlauf der Tagung das historische Narrativ einer ‚Entzauberung‘ kritisiert, die mit zunehmender Rationalisierung und Ästhetisierung des Geheimnisses in der Moderne einhergehe. So zeigte sich mehrfach, dass die Verbindung von Darstellung und Mysterium auch historisch reflektiert wurde (was häufig mit Selbstthematisierungen des Mediums einhergeht); zugleich, das auch und gerade im Mittelalter rationale Eingrenzungen des Geheimnisses angestrebt wurden. Immer wieder wurde dabei auf die Bedeutung von Allegorie und ‚figura’ hingewiesen, sowie – mit Blick auf sprachliche, bildliche, liturgische und theatrale Darstellungen – auf deiktische und performative Dimensionen von Geheimnis und Rätsel.

Eine Ausgangshypothese der Tagung war, dass das Rätselhafte die Möglichkeit seiner Enträtselung impliziert, während das Geheimnisvolle allen Versuchen seiner Enthüllung widersteht. Diese These wurde in vielen Beiträgen aufgegriffen und weiter ausdifferenziert, wobei wiederholt Formen einer gegenseitig produktiven Verschränkung von Rätsel und Geheimnis in den Blick kamen: wenn etwa eine in Aussicht gestellte Lösung des Rätsels mit Verweis auf das Geheimnis intentional ausgesetzt wird, oder – in entgegengesetzter Logik – der Anschluss an eine Ästhetik des Dunklen in einem Transfer besteht, der das Geheimnisvolle konsequent zu erhellen sucht.

Einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion bildeten soziale Dimensionen des Geheimnisses, das durch Exklusion und Inklusion Gemeinschaft stiftet. Texte und Bilder, die ihm Rahmen der höfischen Kultur entstanden, reflektieren diesen Zusammenhang auf komplexe Weise. Besonders evident ist die sozietätskonstitutive Funktion des Geheimnisses bei Geheimgesellschaften – mit der paradoxen Pointe, dass das Geheime hier häufig so offen zutage liegt, dass es gar kein Geheimnis mehr ist. Ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Darstellung und (offenem) Geheimnis war auch für ‚Geheimschriften‘ festzustellen.