Materialität und Fiktion. Ästhetiken gemalter Wirklichkeit in Spätmittelalter und Früher Neuzeit

(13410)

TypHauptseminar
Dozent/inProf. Dr. Klaus Krüger, Prof. Dr. Karin Gludovatz
SemesterSoSe 2014
Veranstaltungsumfang2 SWS
Beginn15.04.2014
Ende15.07.2014

Kommentar

Die Entstehung des neuzeitlichen Bildbegriffs ist in der europäischen Kunstgeschichte eng an das Paradigma der (Natur-)Nachahmung gebunden. Darunter ist weniger das direkte Abbilden einer sichtbaren Wirklichkeit, als vielmehr ein ‚Nachschaffen‘ von Sichtbarem und Imaginiertem zu verstehen, das interpretative und (selbst-)reflexive Dimensionen beinhaltet: Die mimetische Annäherung ist nur eine Möglichkeit visueller Welterschließung, für den Prozess des Darstellens wie für den der Analyse ist die Frage nach den Mitteln, Potenzialen und Grenzen bildlicher ‚Übersetzung‘ entscheidend. Bilder gehen mithin nie allein in der referentiellen Funktion auf, sie behaupten in ihrer Materialität und Objekthaftigkeit auch eine ‚Eigenwirklichkeit‘. Was ein Bild ist und was es zu leisten vermag, ist also ebenso zu hinterfragen wie das, was jeweils als Wirklichkeit verstanden wird. Beide Begriffe unterliegen dabei dem Wandel historisch und kulturell bestimmter Definition. Bilder konstituieren sich in der Setzung und Aufhebung unterschiedlicher ihnen inhärenter Wirklichkeitsaspekte. Mit Fokus auf dem Wechselverhältnis von faktischer und fiktionaler (resp. fiktiver) Materialität widmet sich das Seminar dem seit Platon problematisierten Verhältnis vom ‚Sein der Dinge‘ und dem ‚Schein der Kunst‘. Anhand ausgewählter Werke u.a. von Giotto, Jan van Eyck, Fra Angelico, Jean Fouquet, Andrea Mantegna, Giovanni Bellini, Cornelis Gijsbrechts und anderen mehr sollen die bildlichen und theoretischen Parameter gemalter Wirklichkeit ebenso diskutiert werden wie die ästhetische Transformation des Gesehenen bzw. Vorgestellten.

Literatur (Auswahl)

Andree, Martin, Archäologie der Medienwirkung. Faszinationstypen von der Antike bis heute (Simulation, Spannung, Fiktionalität, Authentizität, Unmittelbarkeit, Geheimnis, Ursprung), München 2005; Blumenberg, Hans, „Nachahmung der Natur“. Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen, in: Studium Generale, 10.1957, S. 266-283; Fiktionen des Faktischen in der Renaissance, hrsg. v. Ulrike Schneider und Anita Traninger, Stuttgart 2010; Goldberg, Jonathan, The seeds of things: theorizing sexuality and materiality in Renaissance representations, New York 2009; Iser, Wolfgang, Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Anthropologie, Frankfurt/Main 1993; Krüger, Klaus, Das Bild als Schleier des Unsichtbaren. Ästhetische Illusion in der Kunst der frühen Neuzeit in Italien, München 2001; Küpper, Joachim, Mimesis und Fiktion in Literatur, Bildender Kunst und Musik, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft, 53.2008, 2, S. 169-190; Lehmann, Ann-Sophie, How materials make meaning, in: Nederlands kunsthistorisch jaarboek , 62.2012, S. 6-27; Poetiken der Materie. Stoffe und ihre Qualitäten in Literatur, Kunst und Philosophie, hrsg. v. Thomas Strässle, Freiburg im Breisgau 2005; Stoffe. Zur Geschichte der Materialität in Künsten und Wissenschaften, hrsg. v. Barbara Naumann, Thomas Strässle und Caroline Torra-Mattenklott, Zürich 2006.